Es gibt Karrieren, die lassen einem immer wieder die Augen übergehen. Als Anna Wintour 1995 – damals nicht schon fast ewige, sondern vergleichsweise junge amerikanische „Vogue“-Chefin – die Organisation der Met-Gala in New York übernahm, vertickte weit entfernt im wenig glamourösen Seattle ein optisch ambitionslos in Schlabberpullis oder blaue Hemden gehüllter Jungunternehmer die ersten paar Bücher in seinem neuen Onlinehandel.
Die Metamorphose des Mr. Bezos
Welten lagen zwischen diesem Jeff Bezos und der Modemagazinherrscherin, stilistisch, finanziell und was Berühmtheit, Macht oder Einfluss betraf. Gut dreißig Jahre später sind Anna Wintours Helmfrisur und ihr Job bei der Met unverändert. Der Amazon-Gründer aber ist einer der reichsten Menschen des Planeten geworden und mit seiner neuen Frau – wir erinnern uns, Spektakel-Heirat vorige Sommersaison in Venedig – Hauptgeldgeber des aufsehenerregendsten Fashion-Events des Jahres, bei dem Prominente heute wieder in möglichst wunderlichen Designerroben sich selbst promoten und nebenbei Spenden in siebenstelliger Höhe für das Kostüminstitut des Metropolitan Museum of Art einspielen.

Das mindestens zehn Millionen Dollar teure Engagement von Bezos ist Teil seines Umstylings vom Informatiker mit skrupellosem Geschäftssinn, liberaler politischer Haltung und katastrophalen Arbeitgeberqualitäten zum Tech-Bro mit raketengetriebenem Ego, „Washington Post“-Demolierer, Trump-Schmeichler und Jetset-Gecken, der mit seiner als Gesamtkunstwerk erscheinenden Gattin auf Fashion Weeks in Paris oder Mailand aufläuft.

Stil kann man nicht kaufen, heißt es immer, aber das ist natürlich gelogen, weil die Stillosigkeit der Reichen stilbildend ist. Eine neue Eskalationsstufe beim Kontrollverlust der von Social Media gebeutelten Türwächter des gehobenen Geschmacks wäre, wenn sich Bezos, wie gemunkelt wird, den „Vogue“-Verlag Condé Nast als Spielzeug für seine Frau unter den Nagel reißen will. Entsprechend rumort es in Manhattan: Eine Aktivistengruppe hat Anzeigen mit Boykottaufrufen in den Straßen platziert, auf denen die Unterstützung der US-Einwanderungsbehörde ICE durch Amazon-Cloud-Dienste angeprangert wird. Sie will auch am Galaabend stören.
Amerikanische Medien verbreiten, dass Meryl Streep, die wegen der Premiere des die „Vogue“ mindestens so feiernden wie parodierenden Films „Der Teufel trägt Prada 2“ gerade mit Anna Wintour auf dem Titel des Magazins posierte, wegen Bezos nicht dem Galakomitee angehören wollte. Andere Stars planten fernzubleiben, auch New Yorks Bürgermeister und Reichenschreck Zohran Mamdani. Die Eheleute Bezos dürfte das kaum erschüttern. Das diesjährige Motto der Gala, „Fashion is Art“, Mode ist Kunst, haben sie längst in die Realität übersetzt, in der Mode, Luxus, Kunst und Superreiche sich gegenseitig im Wert steigern. Sie leben vor, was dort stimmt: Mode ist Geld, Kunst ist Geld, Geld ist Macht, und Aufmerksamkeit gibt es dann gratis dazu.
