Im September 1966, wenige Monate nach dem Besuch der Beatles, wurden Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre bei ihrem Japan-Besuch wie intellektuelle Rockstars empfangen. „Mehr als hundert Fotografen erwarteten uns unten an der Treppe“, berichtete Beauvoir in ihren Memoiren „Alles in allem“ 1972 über die Ankunft am Flughafen. „Hinter der Zollschranke standen Hunderte von jungen Leuten Spalier. Anfangs beschränkten sie sich darauf, schweigend zu lächeln; dann begannen sie, unsere Namen zu rufen, uns an der Hand, am Arm anzufassen, uns zu ziehen, zu stoßen, so dass wir fast erstickten“.
Julia C. Bullocks Aufsatz „Mediating Feminism: Newspaper and Magazine Coverage of Sartre and Beauvoir in Japan“ in der Zeitschrift „U.S.-Japan Women’s Journal“ (Band 68, 2025) breitet den Niederschlag der achtundzwanzigtägigen Japan-Reise des Paares in der japanischen Presse aus. Japanische Journalisten tauften Sartre und Beauvoir, obwohl nur zweiköpfig und ohne Pilzhaare, die „Beatles des Wissens“ (chishikijin no Beatles). Der Besuch erfolgte auf Einladung von Sartres japanischem Verlag und der privaten Keiō-Universität in Tokio. Im Zentrum standen zweimal drei Vorträge: Sartres Vortragsreihe trug den Titel „Plädoyer für die Intellektuellen“, Beauvoir bewegte ihr Publikum unter anderem mit ihrer Rede zur „Situation der Frau von heute“.
Fünfzehnmal mehr Bewerbungen als Plätze
Bullock berichtet davon, dass den Gästen entgegenschlug, was man heute einen Hype nennen würde. Bei der zweiten Vorlesung gab es 30.000 Bewerbungen für 2000 Plätze. Auf der Reise von Tokio nach Kyūshū und zurück trafen Beauvoir und Sartre Künstler, Hafenarbeiter, Atombombenopfer. Die Reise fiel in die Zeit eines „Frankreich-Booms“ in Japan: Der Existentialismus wurde goutiert wie Kreationen von Pierre Cardin oder aus der Pariser Patisserie. Proteste gegen den Vietnamkrieg, den die Vereinigten Staaten in der unmittelbaren Nachbarschaft Japans führten, verstärkten das Interesse an alternativen Modellen westlichen Lebensstils.
Simone de Beauvoir war in Japan zunächst nur als Schlüssel zum Verständnis Sartres gelesen worden. Doch als ihr in Frankreich 1949 publiziertes Manifest „Das andere Geschlecht“ vier Jahre später ins Japanische übersetzt und in Japan zum Bestseller wurde, avancierte sie zum Rollenmodell vieler Japanerinnen. Die 1961 in Japan erschienenen „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ oder ihr Buch „In den besten Jahren“ (1963) veranschaulichten kultiviertes Aufbegehren sowie die ideale egalitäre private und professionelle Beziehung und den romantischen „Pakt“ mit Sartre. Die „femme libérée“ kontrastierte in Japan mit den normativen monogamen Narrativen und Weiblichkeitsidealen wie etwa „gute Ehefrau und weise Mutter“. Obwohl eine neue Generation von Frauen mit den Versprechen von Bildungs- und wirtschaftlicher Chancengleichheit aufwuchs, wie sie in der Nachkriegsverfassung verankert waren, kam es in den Sechzigerjahren zu einem Backlash.

Den Großteil der 55 von Bullock untersuchten historischen Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zur Japan-Reise Sartres und Beauvoirs liefern die „Big Three“ der Tageszeitungen „Yomiuri Shinbun“ (konservativ), „Mainichi Shinbun“ (Mitte links) und „Asahi Shinbun“ (moderat liberal). Dabei leuchtete Sartres Stern ungleich heller; in 17 der 55 Texte wird Beauvoir gar nicht erwähnt. Die konservative „Yomiuri“ berichtete am wenigsten über den Besuch der beiden. Während sie außerdem zu zwei Reden von Sartre redaktionelle Gegenreden veröffentlichte, fand sie Beauvoir nicht der Entgegnung oder Widerlegung wert. Doch auch unter den liberalen Blättern war ein Aufmerksamkeitsdefizit bei Beauvoir und ein Impuls erkennbar, ihr rebellisches Bild einzuhegen und zu „normalisieren“. Während Sartre stets als „Philosoph und Schriftsteller“ vorgestellt wurde, führte man Beauvoir meist nur als „Schriftstellerin“ oder herablassend als „Autorin von Frauenliteratur“ („joryū sakka“) ein. Japans Medien schienen ratlos, wie sie eine Frau beschreiben sollten, die zugleich Sartres Lebensgefährtin und eine öffentliche Intellektuelle war.
„Fragerunde mit einer befreiten Frau“
Bullock erkennt eine „sexistische Voreingenommenheit“ und ein systematisches Herunterspielen der Leistungen Beauvoirs als Randfigur von Sartres Ruhm. Aufschlussreich ist ein in der „Asahi“ als „Spaziergang in Japan im Nieselregen: Sartre und Beauvoir“ betiteltes Bild, in dem Sartre raumgreifend im Vordergrund steht und zum Fotografen blickt, Beauvoir im Hintergrund hingegen Autogramme für begeisterte Fans gibt. Auch Schlagzeilen wie „Sartre und Begleitung besuchen erstmals Japan“ oder der Fettdruck des Namens von Sartre entwerteten die Präsenz der Ikone der Frauenbefreiung, degradierten Beauvoir zum Reisekompagnon.

Die Sartre-Zentriertheit der Intellektuellen hatte einen Grund wohl auch darin, dass in Japan von 1950 an die weltweit erste Sartre-Werkausgabe veranstaltet wurde. In der „Fujin minshu shinbun“ (Demokratische Frauenzeitung) spielte hingegen Sartre in der Überschrift „Fragerunde mit einer befreiten Frau“ die zweite Geige. Schon der Untertitel „Eine elegante Polemikerin“ wiederholt allerdings alte Stereotypen. Auch wenn im Interview Mutterschaft als Schicksal kritisiert und Kinderbetreuung gefordert wird, endet es mit einem höchst reduktiven Kompliment: „Sie sind so hübsch und feminin, es ist kaum zu glauben, dass Sie so viele brillante Bücher geschrieben haben.“
Bullock zeigt, wie groß die Herausforderungen in puncto Emanzipation im Japan der Sechzigerjahre waren: Heirat und Mutterschaft bestimmten als soziale Normen noch den Common Sense. Auch in Japan verblasste, wenn auch später als in Frankreich, als der Einfluss der Vereinigten Staaten noch weiter zurückging (Okinawa wurde 1972 zurückgegeben) und der Vietnamkrieg abgewickelt wurde, Sartres Stern. Wie in Frankreich musste sich Beauvoir von der „zweiten Welle“ des Feminismus (auch wegen Übersetzungsfehlern von „Le Deuxième sexe“) die kategorische Verneinung von Weiblichkeit und Mutterschaft vorwerfen lassen, sie wurde aber noch vor Ende des Jahrhunderts wiederentdeckt. 1997 erschien eine Neuübersetzung von „Le Deuxième sexe“.
So wurde Simone de Beauvoir in Japan, wohl auch wegen der der japanischen Gesellschaft innewohnenden Ängste vor der selbstbewussten, kinderlosen, unverheirateten intellektuellen Frau, verschwiegen, verniedlicht oder auf das bloße Begleitpersonal Sartres, also ganz wörtlich auf das „zweite Geschlecht“, reduziert. „Ich wollte mich existent machen für die anderen“, schrieb Beauvoir in ihren eingangs erwähnten Memoiren „Alles in allem“: In den männlich dominierten Presseberichten zur Japan-Reise Beauvoirs und Sartres war die existentialistische Meisterdenkerin bestenfalls als Teil des Musterpaares existent.
