
Man muss schon auf die Abbruchkanten schauen, um zu begreifen, wonach man fragen muss. Jan-Christoph Gockel jedenfalls macht das so. Er muss sich den Dingen aussetzen, über die er auf der Bühne erzählt. Im Januar hat er die Abbruchkante des Eises in der Antarktis gesehen. Im Mai hatte seine Stückentwicklung „Polaris“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen Premiere, eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin, wo das Stück jetzt im Herbst wieder läuft. Davor ist er mit seinen Schauspielern Julia Gräfner und Wolfram Koch auf die Neumayer-Station III in die Antarktis gereist, im Januar, dann ist es dort Sommer. Ausgangsidee sind zwei Forscher, die dort ausharrten und in einen blutigen Streit gerieten. Als sie dort waren, haben Gärtner und Koch vor den Forschern, die dort stationiert waren, gespielt. Es dürfte die erste Theateraufführung auf Neumayer III gewesen sein.
Abbruchkanten der Zivilisation, der Redlichkeit, der intakten Umwelt sucht Jan-Christoph Gockel, 1982 in Gießen geboren, aufgewachsen auf dem Land nahe Kaiserslautern als ältester von sechs Brüdern, ausgebildet bei Hans-Thies Lehmann in Frankfurt und an der Hochschule Ernst Busch in Berlin, seit Jahren auf, um daraus sein Theater zu machen. Zuweilen mit Reisen vor die Haustür, oft aber verbunden mit regelrechten Expeditionen in unwirtliche Gegenden, behandelt er große Stoffe der Theater- und Weltliteratur. Das war schon so, als er, noch recht am Anfang seiner Karriere, für „Ramstein Airbase: Game of Drones“ recherchiert hat oder für „Coltan-Fieber“ in der Demokratischen Republik Kongo und in Burkina Faso Theater gemacht hat, während in Burkina Faso ein Aufstand tobte.
„Ich brauche das. Ich muss es für mich irgendwie begreiflich machen“, sagt Gockel. „Ich mache ja kein Sightseeing, sondern arbeite da. Es ist ein Prozess, um einen Begriff zu kriegen. Kunst speist sich aus einem inneren Phantom, einer Vision von einer Sache. Ich komme auf diese Weise dahin, andere Künstlerinnen und Künstler anders. Das hat mich mit sehr vielen Orten, sehr vielen Menschen verbunden. Für mich gehört das zur künstlerischen Arbeit. Nicht nur in einem top ausgestatteten Theater zu sitzen und sich etwas zur Welt auszudenken.“
Welterfahrung speist sein Theater
Diese Welterfahrung speist sein Theater. Davon profitiert hat auch seine erste Rieseninszenierung, „Öl“, die Gockel 2021, in der Pandemie, am Schauspiel Frankfurt gezeigt hat. 2024 folgte der Gesamt-„Faust“. Politik und Ökonomie, Liebe, Krieg und Gier sind Gockels rote Fäden. Und der Kontakt zur Welt. Für seinen siebenstündigen „Wallenstein“, eingeladen zum Berliner Theatertreffen, soeben zur „Inszenierung des Jahres“ gekürt und entstanden am „Theater des Jahres“, an den Münchner Kammerspielen, wo Gockel als Hausregisseur zur künstlerischen Leitung gehört, hat er sich mit den Söldnern der Wagner-Truppe beschäftigt, die in der Ukraine kämpften. Ein junger russischstämmiger Mitarbeiter hat dafür intensiv recherchiert. Viele Male ist Gockel selbst in der Ukraine gewesen, mit dem Nationaltheater in Lwiw (Lemberg) hat er, ebenfalls dieses Jahr, die Koproduktion „Ukrainomania“ realisiert.
„Nicht jeder Künstler muss in einen Krieg reisen, um vom Krieg zu erzählen“, sagt Gockel. „Es gibt andere Möglichkeiten, damit thematisch umzugehen. Aber für mich war es so, dass meine Ukraine-Besuche maßgeblich dazu beigetragen haben, mich emotional zu verbinden. Ich war vor dem Krieg schon in der Ukraine und war dann jedes Jahr mindestens einmal da. Ich habe 2023 die angezündeten Museen und die durchsiebten Zäune gesehen. Ich bin kein Ukrainer, ich empfinde anders. Aber die Nächte im Luftschutzbunker machen einen zumindest für den Moment zu einem Teil der Menschen, auch wenn man wieder abreist. Dadurch entwickelt man politische Haltungen und künstlerische Wünsche: Dieses Theater zu machen, das wir machen.“
Kriege und diejenigen, die sich in ihnen verdingen, die an ihnen verdienen, das ist ein Thema, mit dem sich Gockel seit Jahren beschäftigt. Die schwungvolle Kurve, von Friedrich Schiller nun in den Schelmenroman von Jaroslav Hašek, „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ (1921/23), zu geraten, ist also bei näherem Betrachten gar nicht so ungewöhnlich. Als Kind kannte Gockel die Schwejk-Figur schon. Aber womöglich hätte ihn der kleine Mann, der mit einem „Melde gehorsamst, dass ja!“ versucht, durch maximale Ineffizienz heil aus dem Schlamassel des Weltkriegs und der Strukturen des k. u. k. Militärs zu kommen, allein nicht gereizt.
Brechts „Schweyk“ und seine Frankfurter Theatergeschichte
Wäre da nicht der Theatertext gewesen, der im Mai 1959 am Schauspiel Frankfurt seine westdeutsche Erstaufführung erlebt hatte. „Ein Abend, wie ihn Frankfurt lange Zeit nicht mehr erlebt hat: Beifall auf offener Szene“, schrieb die F.A.Z. über Bertolt Brechts „Schweyk im zweiten Weltkrieg“. Heute kennt kaum jemand diesen Text, nur zwei der von Eisler vertonten Songs sind berühmt: „Das Lied von der Moldau“ mit der verheißungsvollen Zeile „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“ und der „Kälbermarsch“, Brechts geniale, bittere Satire auf das Horst-Wessel-Lied.
Brecht hatte schon 1943, im amerikanischen Exil, an seiner Variation des Schwejk-Stoffs, seiner Kehrseite der „Mutter Courage“, gearbeitet. Um nachzuspüren, wie dieser Brecht-Stoff seinerzeit auf die Frankfurter Fünfzigerjahre-Gesellschaft gewirkt haben muss, hat Gockel unter anderem mit dem damaligen Regieassistenten und späteren Gründer des Verlags der Autoren, Karlheinz Braun, gesprochen. Auch er kommt nun in der Inszenierung vor, deren zweiter Teil Schwejk, gespielt von Gockels vertrautem Schauspieler Wolfram Koch, mit Hitler bis nach Stalingrad führt. Was, bei aller Ernsthaftigkeit, wie der Hašek-Schwejk auch enorm komische Momente hat. „Wenn man sich als politischen Theatermacher begreift, was ich ja tue, kann ich nicht einfach unterhaltsame Abende machen, sondern muss mich zu den Zeiten, die herrschen, verhalten. Gleichzeitig suchen wir immer einen historischen Blick. Und da war Brecht auf einmal sehr interessant.“
Interessant vor allem, weil Gockel, der viele Mittel gleichzeitig einsetzt, viele Ebenen zugleich anspielt und in seiner Montage, die er als Breitwand-Regisseur, wieder zusammen mit dem Puppenbauer, Puppenspieler und Schauspieler Michael Pietsch, mit dem er das Label Peaches & Rooster betreibt, nicht bei Schwejk und Hitler stehen bleibt.
Schwejk kommt bis nach Bachmut
Schwejk sei, so Gockel mit Blick auf Brecht, „ein widerständiges Rädchen der Maschinerie, aber trotzdem ein Rädchen. Das hat uns in die Gegenwart gebracht und zu der Frage nach Widerstandsfähigkeit oder widerständigem Denken, während man trotzdem funktioniert. Das ist ja das Interessante heute.“ Und das führt in den dritten Teil des Abends, der diese Fragen mit Gockels langjährigen Ukraine-Erfahrungen engführen soll.
Auch jetzt hat Gockel einen Fachmann hinzugezogen, um in eigens geführten Interviews mehr herauszufinden über die russischen Soldaten, die ihren Einsatz in der Ukraine hinter sich haben. Sie waren an der Schlacht um Bachmut 2022/23 beteiligt. Die Fragen an die Soldaten hatten sich immer auch auf die im osteuropäischen Raum sehr geläufige Figur des Schwejk und ihre eigene Rolle bezogen. Gewissermaßen auf ihre Schwejkhaftigkeit im Krieg. „Dann kommen die auf Systemfragen. Es ist ein mörderisches, ineffizientes System, das Tausende Menschen verschlingt und trotzdem weiter funktioniert.“ Das sei das Bittere an der Beschäftigung mit dem Krieg. So spricht Gockel auch von einer „Tätererzählung“. Der dritte Teil sei „teilweise unerträglich hart in seiner Brutalität, aber auch sehr erkenntnisfördernd“.
Im Grunde sei der Frankfurter „Schwejk“ die Kehrseite seiner Beschäftigung mit „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen. Auch bei „Wallenstein“ gehe es um die Kriegsmaschine, aber um einen Heerführer, der die Fäden aus der Hand verliere. Nun gehe es um den „Idioten im Krieg“, das kleine Rädchen.
Wieder wird es den „großen Bogen“ geben, in dem Gockel gern erzählt. „Es ist eine Entscheidung, das anzusehen, und dann erlebt man auch etwas. Die Idee ist, die Leute auf eine Reise mitzunehmen.“ Das Publikum, auch am Schauspiel Frankfurt, wisse das, so Gockel und verweist auf 36 ausverkaufte Vorstellungen des „Faust“. „Mich berühren die Stoffe, an denen ich arbeite, sehr. Deshalb versuche ich auch so zu erzählen. Und mein Gefühl von Realität ist so widersprüchlich. Meistens ziemlich lustig. Mit scharfen Abbruchkanten, wo man so ins Nichts guckt. Und ich glaube, deshalb sind die Stücke so.“
„Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, Schauspiel Frankfurt, Premiere am 11. September um 19 Uhr.
