Am 11. September 2001 wurde ein aufgebrachter Donald Trump in eine Sendung eines lokalen New Yorker Fernsehsenders geschaltet. Der Immobilienmogul war in seinem Büro im Trump-Tower in Midtown Manhattan und berichtete, er habe ein Fenster in seinem Büro, durch das er stets auf das Empire State Building und dahinter auf das World Trade Center geschaut habe. Am Morgen habe er die „riesige Explosion“ gesehen. Er habe es kaum glauben können. Die Twin Towers seien nun einfach weg.
In dem kurzen Gespräch wurde Trump zunächst als betroffener Immobilien-Investor in New York befragt. Etwa, ob er sich Sorgen um seinen Wolkenkratzer auf der Fifth Avenue mache, schließlich sei dieser eine Touristenattraktion. Er berichtete, dass es da viele Sicherheitsvorkehrungen gebe, gegen Flugzeugattacken aber wenig auszurichten sei. Doch vielleicht verändere sich nun alles. Vielleicht müsse man sich an den Anblick von F-16-Kampffliegern in der Luft gewöhnen.
Amerikas imperiale Überdehnung
Tatsächlich hat der Tag vor 25 Jahren, der Angriff auf das Herz Amerikas, bei dem mehr Menschen getötet wurden als in Pearl Harbor, die Welt verändert. Auch wenn sich Trumps Aufstieg nicht monokausal erklären lässt, stellt sich die Frage, ob es ohne die Ära der Antiterrorkriege überhaupt zu einer rechtspopulistischen Epoche gekommen wäre. Mit diesen Kriegen überdehnten sich die USA nicht nur imperial als globale Macht, sondern bürdeten sich auch hohe innenpolitische Kosten auf. Trumps Aufstieg gründete schließlich auf der Diskreditierung des politischen Establishments.
Freilich war auch Barack Obama gewählt worden, weil er den „War on terror“ beenden wollte. Es gelang ihm aber nicht, trotz des zwischenzeitlichen Abzugs der amerikanischen Truppen aus dem Irak. Trump mobilisierte seine wachsende Anhängerschaft 2016 mit seiner Polemik gegen die Feldzüge in der Folge von 9/11, vor allem gegen den Krieg im Irak: zunächst in den republikanischen Vorwahlen, dann in der Präsidentenwahl gegen Hillary Clinton. Jeb Bush, den viele seinerzeit als Favoriten für die GOP-Kandidatur sahen, attackierte er in den TV-Debatten immer wieder für den Krieg von dessen Bruder George W. Dieser sei ein „massiver Fehler“ gewesen. Und Clinton hielt er später vor, mit ihrer Stimme für den Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein als damalige Senatorin von New York für den Tod amerikanischer Soldaten mitverantwortlich zu sein.
Trump, bekannt für seinen politischen Instinkt, traf den Nerv vieler Wähler der weißen Arbeiterschaft im Rostgürtel. Sie hatten das Gefühl, im Krieg verheizt worden zu sein, weil sich das Establishment ohnehin nicht um sie schere. Der Kandidat, der die Republikanische Partei erobert hatte, war dabei, seine spätere MAGA-Bewegung zu formen. Die von den Demokraten vernachlässigten Arbeiter sollten zu einem wichtigen Standbein der Basis werden. Bedient wurde diese Klientel nicht nur mit Nationalismus und wirtschaftspolitischen Protektionismus, sondern auch mit isolationistischen Tönen.
Bevor Trump den Irakkrieg als Fehler bezeichnete, unterstützte er ihn
Trumps Haltung zu den Antiterrorkriegen war nicht so stringent, wie er vorgab. In dem Interview am Tag der Terrorangriffe war er auch darauf angesprochen worden, dass er im Vorjahr, also 2000, erwogen hatte, bei den Präsidentenwahlen anzutreten: Was würde er nun tun, wenn er nun im Weißen Haus säße? Noch waren die Sicherheitsbehörden nicht hundertprozentig sicher, dass Bin Ladin und Al-Qaida hinter dem Terrorangriff standen. So formulierte Trump vorsichtig: Mit Blick auf die Gruppe von Leuten, die man hinter der Tat vermute, müsse „eine sehr harte Linie“ verfolgt werden.
Der Afghanistankrieg war zunächst nicht Teil der Kontroverse. Wohl aber der Irakkrieg wegen der manipulierten Kriegsgründe, also der vermeintlichen Massenvernichtungswaffen. Trump hatte schon im Jahr 2000 in dem Buch „The America we deserve“ argumentiert, dass ein Krieg gegen das Regime in Bagdad wahrscheinlich nötig sein werde. Als sich die Bush-Regierung nach Beginn des Krieges am Hindukusch 2002 daranmachte, eine Invasion im Irak zu planen, wurde Trump gefragt, ob er einen solchen Feldzug unterstütze: „Ich denke schon“, erwiderte er. Nach der anfänglich siegreichen militärischen Invasion im Frühjahr 2003 sagte er gar, es sehe wie ein überwältigender Erfolg aus.
Erst als sich 2004 der sunnitische Widerstand im Irak zeigte, Sprengsätze explodierten und die amerikanischen Opferzahlen stiegen, änderte er seine Haltung: Irak sei „ein schwerer Fehler“, sagte er nun. Hoffentlich komme man da raus. Als er gut zehn Jahre später seinen Hut in den Ring um das Präsidentenamt warf, wollte er von seiner anfänglichen Unterstützung nichts mehr wissen: „Ich war von Anfang an ein Gegner des Krieges“, sagte er. Das unterscheide ihn von seiner Gegenkandidatin. Früh entwickelte er ein elastisches Verhältnis zur Wahrheit.

Trump war, wie gesagt, nicht der erste Präsident, der versprach, die „ewigen Kriege“ beenden zu werden. Obama war mit seiner Haltung in den Vorwahlen der Demokraten gegen Hillary Clinton und später im Hauptwahlkampf gegen den Republikaner John McCain erfolgreich. Nach Amtsantritt ließ er sich aber von seinen Leuten überzeugen, dass in Afghanistan zunächst eine Truppenaufstockung nötig sei, was sein Vizepräsident Joe Biden ursprünglich ablehnte. Später verstrickte Obama sich in einen Drohnenkrieg, der auch Pakistan umfasste.
Im Irak hielt der Demokrat zwar Wort und verließ das Land 2011. Doch sollte er dafür einen hohen Preis zahlen. Verhandlungen Washingtons mit der Regierung in Bagdad über ein Immunitätsabkommen für einige Tausend Soldaten, die im Land verbleiben sollten, um irakische Sicherheitskräfte auszubilden und deren Terrorbekämpfung zu unterstützen, waren gescheitert. Eigene Leute sagten später, Obama hätte hartnäckiger verhandeln müssen. So aber schuf er ein Vakuum, das später die Terrormiliz „Islamischer Staat“ füllte, die bald darauf den Irak und das seinerzeitige Bürgerkriegsland Syrien überrannte. Trump sollte dies seinem Intimfeind immer wieder vorhalten.
Biden wiederum zog 2021 die US-Truppen trotz Warnungen seines Verteidigungsministers aus Afghanistan ohne Plan ab. Die Nachrichtendienste hatten die Lage falsch eingeschätzt: Zwar hatte es Hinweise gegeben, es könne zu einem Kollaps der prowestlichen afghanischen Regierung kommen, doch hatte es zuletzt noch geheißen, der Fall Kabuls stehe nicht unmittelbar bevor. Der Abzug endete angesichts der vorrückenden Taliban im Chaos. Die Tage der Wirren in der afghanischen Hauptstadt waren die größte Bloßstellung Amerikas seit der Niederlage in Vietnam. Nicht nur Trump hielt Biden schweres Versagen vor.
Trump: Nation Builder haben mehr zerstört als aufgebaut
Als der Republikaner Anfang 2025 ins Weiße Haus zurückkehrte, schien er zunächst an seiner tendenziell isolationistischen Linie festzuhalten. Immer wieder höhnte er über die verfehlte Politik von Bush und Clinton, von Obama und Biden: Regimewechsel, humanitäre Interventionen und „Nation Building“ – all das sei gescheitert. Im Mai des ersten Amtsjahres reiste er an den Golf und hielt in der saudischen Hauptstadt Riad eine außenpolitische Grundsatzrede, die in weiten Zügen seiner Rede von 2017 am selben Ort glich. Schon acht Jahre zuvor hatte er gesagt, er sei nicht an den Golf gekommen, um den Staaten der Region Lektionen zu erteilen und den Menschen zu erzählen, wie sie zu leben, was sie zu tun, wer sie zu sein oder wie sie ihren Glauben auszuüben hätten.
Nun ergänzte er: Die wirtschaftliche Transformation in Riad und Abu Dhabi sei nicht das Werk der sogenannten Nation Builder, der Neocons und linksliberalen Gutmenschen, die damit gescheitert seien, nach 9/11 Kabul oder Bagdad mit Billionen von Dollar zu entwickeln. „Nation Builder“ hätten letztlich mehr zerstört als aufgebaut. Und westliche Interventionisten hätten sich in komplexe Gesellschaften eingemischt, die sie selbst nicht verstünden.
Just zu jener Zeit im Mai vergangenen Jahres, als Trump gleichsam seine MAGA-Sicht auf die Weltpolitik formulierte, wurde der Präsident schon von Teilen seiner Regierung und von Benjamin Netanjahu bearbeitet, seine Position zu militärischen Interventionen zu überdenken. Im Falle Irans wies er das zunächst aber noch zurück.
In der MAGA-Welt ist von Verrat die Rede
Wenige Monate später wurde aus dem „America First“-Isolationisten ein „America First“-Interventionist: Zu Jahresbeginn 2026 intervenierte er zunächst in Venezuela und nahm Machthaber Nicolás Maduro in Caracas fest. Begründung: „Wir brauchen Zugang zum Öl. Wir werden jede Menge Wohlstand aus dem Boden holen. Anders gesagt: Wir werden das Öl verkaufen.“ Daran hält er bis heute fest. Kürzlich verkündete er eine „historische Ölvereinbarung“ mit Interimspräsidentin Delcy Rodríguez.
Ermutigt durch erfolgreiche „Operation Absolute Resolve“ in Caracas entschied er sich, Ende Februar in Iran zu intervenieren, und fing an, über einen möglichen Regimewechsel in Kuba zu reden. Die Monroe-Doktrin wurde reaktiviert und eine amerikanische Hegemonie in der westlichen Hemisphäre ausgerufen. Schon bevor sich erwies, dass Iran nicht Venezuela ist, zeigte sich, dass Trumps Hinwendung zum Interventionismus eine Zumutung für große Teile der MAGA-Bewegung war. Offen wird nun von „Verrat“ gesprochen.
Trump, der jahrelang gegen die „ewigen Kriege“ gegen muslimische Länder nach dem 11. September 2001 polemisiert hatte, begab sich in den nächsten Krieg im Nahen Osten. Er nannte wechselnde und widersprüchliche Ziele am Golf und ließ keine Exitstrategie erkennen. Das erinnert an die Fehler seiner Vorgänger.
Unter Regimewechsel versteht er allerdings etwas anderes als sie, jedenfalls nicht unbedingt Demokratisierung. „Nation Building“ kommt in seinem neuen Interventionismus nicht vor, auch wenn er vage von einer besseren Zukunft der betroffenen Länder redet. Trump zeigt wieder, wie ideologisch flexibel er ist. Sein Neoimperialismus erscheint als außenpolitische Seite seines Autoritarismus nach innen. 9/11 verändert die Welt bis heute.
