
In Zeiten der Dürre schlägt die Stunde der Krisenmanager. István Kapitány hat lange genug geübt, um zu wissen, dass in solchen Momenten nicht große Worte zählen, sondern funktionierende Pläne. Ungarns Wirtschafts- und Energieminister ist ein redseliger Mann, der Erfahrung mit dem Management eines globalen Konzerns hat. In diesen Tagen muss er den Ungarn erklären, warum Unternehmen und Bürger Strom sparen sollen. Die extreme Hitze hat die Wasserstände in der Donau so sinken lassen, dass Ungarns einziges Atomkraftwerk in Paks, ein Pfeiler der Stromversorgung, nur stark eingeschränkt betrieben werden kann. In einem Land, das wirtschaftlich ohnehin nur mühsam wieder Tritt fasst, ist das ein Stresstest für die neue Regierung.
Kapitány, 1961 in Debrecen geboren und in Budapest aufgewachsen, kennt Krisen nicht erst seit dem Eintritt in die Politik. Sein Vater kam 1962 bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Er studierte Betriebswirtschaft in Budapest und begann seine Karriere in einem Einkaufszentrum. Als dessen stellvertretender Leiter beruhigte er laut Medienberichten einen reklamierenden Kunden so überzeugend, dass dieser ihm einen neuen Job anbot. Aus einer alltäglichen Beschwerde wurde der Einstieg in eine internationale Laufbahn bei Shell.
Rasante Karriere bei Shell
Fast vier Jahrzehnte blieb Kapitány bei dem Ölkonzern. Anfang der Neunzigerjahre zog er nach London, später führten ihn Stationen nach Deutschland und Südafrika. Er stieg auf, übernahm immer größere Verantwortung – zuletzt als globaler Vizepräsident.
Nach seinem Ruhestand im Jahr 2024 hätte Kapitány es dabei belassen können. Doch er schloss sich der proeuropäischen Partei Tisza an, die im Frühjahr mit einer Zweidrittelmehrheit die nationalkonservative Langzeitregierung Viktor Orbáns ablöste. Als Sprecher für wirtschaftliche Entwicklung und Energie wurde er einer derjenigen, die den ungarischen Kurswechsel glaubwürdig machen sollten. Seine Forderung, sich vom russischen Gas zu lösen, brachte ihm prompt Angriffe aus dem alten Machtlager ein. Orbáns Propaganda stellte ihn als Agenten westlicher Ölkonzerne dar.
Verdienstorden aus der Vorgängerregierung
Das war auch deshalb bemerkenswert, weil Fidesz-Außenminister Péter Szijjártó ihn noch im Sommer 2023 persönlich mit dem Ungarischen Verdienstorden ausgezeichnet hatte. Damals wurde Kapitánys internationales Wissen gerühmt. Nun stellt er es tatsächlich in den Dienst des Landes, nur unter anderen politischen Vorzeichen. Die Aufgabe ist heikel: Ungarn braucht kurzfristig Strom und langfristig Unabhängigkeit.
In der Dürre zeigt sich, ob seine Erfahrung aus der globalen Wirtschaft für die nationale Politik taugt. Kapitány dient Ungarn, indem er das Land widerstandsfähiger machen soll – gegen Hitzeextreme ebenso wie gegen einseitige Abhängigkeiten.
