Die Tiere reden über die Wirtschaft. Ein Hase räsoniert, ob er einen Kredit wirklich aufnehmen will, wenn der ausgerechnet ihm gewährt wird. Ein anderer trägt über die Geldentstehung aus dem reinen Tausch vor, bei der Profite entstehen, die sich in Luftballons auflösen. Die Tauben zählen Bankhäuser auf, die an Krisen und Betrügereien beteiligt waren, was den Tauben zuletzt sogar die Plätze auf den ruinierten Immobilien nimmt.
Der Bär grübelt über binäre Logik und darüber, wie Eines, allein durch seine Weitergabe und Aufteilung, mehr werden kann, als es war. Die Stockenten fallen einander ins Wort, wenn sie über die Steuernachlässe schnattern, die den Reichen gewährt werden. Außerdem haben Esel und Schafe, Rinder, Affen und ein Delphin ihren Auftritt. Zu dem der Schweine kommen wir noch.
Weshalb Tiere? Elfriede Jelinek nutzt sie in ihrem neuen Stück nicht als Fabelwesen, die uns ein moralisches Exempel geben. Die Tiere sind vielmehr das, was übrig geblieben ist nach den Verwüstungen, die vom Kapitalismus angerichtet worden sind. Und sie sind seine Opfer, waren an ihm nur als Nahrungsmittel und Leidtragende seiner Umweltkatastrophen beteiligt.
Was ist eine Sicherheit?
So halten sie ihre erstaunten, entsetzten, zornigen Reden, in Salzburg fast vier Stunden lang ohne Pause. Die Tiere sind aufgebracht und ratlos. Sie verstehen die alles zermalmende Wirtschaft nicht, obwohl die doch das Wichtigste sei. Was ist eine Sicherheit? Was Geld? Wie kann es sein, dass am Warenhaus nur das Haus zählt, das man abschreiben kann. Der Affe rätselt, ob es denn ökonomisch aufgehen kann, wenn die Maschinen menschliche Arbeit ersetzen. Am Geld verwundert, dass es, wie die Schöpfung, aus dem Nichts kommt.
Wie kann denn aber alles auf Schulden gründen, wenn, so das Stück, keiner die Versprechen hält? Und was prüfen die Wirtschaftsprüfer in der Welt von Wirecard? Während so gefragt wird, tragen zwei Schauspieler mit René-Benko-Masken das Mobiliar von der Bühne: „Das gehört meiner Mama“. Immerhin etwas, denkt man, ist in der Wirtschaft doch tatsächlich: Sofas, Blumentöpfe und anderes Beiseitegeschaffte. Die Ökonomie besteht nicht ausschließlich aus Optionen, haltlosen Versprechen und Anwartschaften.

Auch Elfriede Jelinek versteht erklärtermaßen die Wirtschaft, die sie Kapitalismus nennt, nicht. Wer schon? Von den Tieren, heißt es, habe sie sich die Ahnungslosigkeit ausgeborgt. Tatsächlich aber kennen beide die Wirtschaft aus den Massenmedien, also vorzugsweise aus den Skandalen, den Managersprüchen und den Redensarten. Ab und zu schimmert angelesene Geldtheorie und -geschichte zwischen Bernhard Laum, Karl Marx und David Graeber durch, ohne dass sich aus ihr eine Linie ergäbe. Das ist die zusammencollagierte stoffliche Substanz des Dramas. Aus ihr entsteht der absurde Eindruck, dass nie etwas zurückgezahlt wird, Kredite durchwegs haltlos vergeben werden und Zinsen ein Einfall aus der Unterwelt sind. Das Erstaunliche der Geldwirtschaft tritt so gerade nicht hervor, sondern nur das Empörende.
Burgschauspieler, die selbst Empörung lässig darbieten
Regisseur Nicolas Stemann bringt dieses teils komische, teils melodramatische Sing- und Sprechspiel geschickt auf die Bühne. Die Tiere treten mal als Puppen auf, mal im Halbkostüm, oft auch mit großen Masken oder nur mit hufförmiger Fußbekleidung. Manche sprechen als Einzelne, dann wieder sehen wir Gruppen. Und immer sehen wir Burgschauspieler, die selbst Empörung lässig darbieten. Alles wird musikalisch begleitet, zwischendurch zieht eine Blasmusikkapelle über die Bühne.
Es wird viel gesungen, mal im Chor, mal im Solo oder Duett, sakral und chansonhaft. Diese ständige Variation erleichtert es sehr, den Abend auf den Bänken der Perner-Insel in Hallein durchzuhalten. Das gelingt nicht allen, nach zwei Stunden setzt Abwanderung ohne Widerspruch ein. Der Schlussjubel des verbliebenen Publikums galt wohl nicht nur den Akteuren, die wir hier pauschal loben wollen, denn sie sollten ja keine Personen verkörpern, sondern auch dem eigenen Sitzvermögen.
Quälende Momente
Die Inszenierung enthält nicht nur durch ihre Länge – im Hintergrund wird gezählt, wie viele Seiten des Textes noch gespielt werden – quälende Momente. Ein überdeutlich mittels Künstlicher Intelligenz als Projektion erzeugter Peter Thiel redet noch mehr Unfug als der wirkliche. Das angebliche Gespräch, das Stemann mit ihm führt, ist für beide peinlich. Das gilt auch für eine Passage, in der bei leerer Bühne die KI sich mit sich berät, ob Theater ohne Schauspieler („Subjekte“!) und Regie (undemokratisch!) für Stücke Jelineks nicht angemessen wäre. Der triste Eindruck dieser Szene beantwortet die eine Frage, lässt aber die entscheidende offen: ob nicht solche billigen Regieeinfälle als Eigenwerbung entbehrlich sind.
Sogar den Darm reißen sie uns heraus
Sie stehen in starkem Kontrast zu den unheimlichsten Minuten des Abends, denen mit den Schweinen. Sie treten in Gestalt von kleinen rosa Handpuppen auf, die vom Ensemble bewegt werden, doch niedlich sind sie nicht. Denn sie sprechen über ihre Verarbeitung zu Wurst, über das Tier als Ware. Das Schwein, heißt es, sei „das einzige Tier, das durch sich selbst ersetzt werden kann, weil es so viele von ihm gibt“. Selbstverständlich gilt das auch für Kälber, Hühner und Zuchtfische, aber die Schweine sprechen für dieser aller Schicksal. Während sie ihre Todeslitanei vortragen, wird ein Schlachttisch hereingeschoben, auf dem sie, wimmerndes Stofftier für wimmerndes Stofftier, mit akustischem Nachdruck als „Zeug, das echt gemein ist und in den Kochbüchern nicht gemeint ist“ erschlagen werden. „Sogar den Darm reißen sie uns heraus, um uns selbst dort hineinzustopfen. Uns selbst in unseren eigenen Darm.“
An dieser einzigen Stelle adressiert die verzweifelte Darstellung der Profitwirtschaft den Konsumenten und insofern das Publikum, das für bitteren Spott über die Benkos, Thiels et tutti quanti natürlich viel leichter zu haben war. Die Wirtschaft ist eben nicht nur der Betrug an den meisten, sondern sie kann auch die Bereitschaft der meisten zu Grausamkeit sein. Die Hölle, wenn denn durchaus nur sie am Kapitalismus dargestellt werden soll, sind nicht die anderen.
