
Der Zeitpunkt hätte günstiger kaum sein können. Mit ihrem ersten erfolgreichen Orbitalflug am vergangenen Samstag war Isar Aerospace beim internationalen Weltraumkongress in Paris die Aufmerksamkeit gewiss. Vor Eröffnung der zweitägigen Veranstaltung pries Bundesraumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU) die Leistung des Münchener Start-ups, vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya eine Trägerrakete ins All geschossen zu haben. „Wir haben letzten Samstag, kurz nach 22 Uhr, einen absoluten Paradigmenwechsel erlebt“, sagte sie am Mittwoch vor Journalisten. „Jetzt hat Deutschland bewiesen, dass wir Raketen bauen können“, so Bär. Nun gehe es darum, in die Serienproduktion zu gehen.
In der französischen Politik und Industrie, seit Jahrzehnten die Taktgeber in der europäischen Raumfahrt, verfolgt man die Fortschritte von Isar Aerospace sehr aufmerksam. Anerkennung ob der technischen Leistung vermischt sich gleichwohl mit Unbehagen über das erklärte Ziel des Start-ups, die Vorherrschaft der Franzosen zu brechen. Vorwürfe sind Legion, wonach die deutsche Politik mit der Förderung des Start-ups der Fragmentierung der europäischen Raumfahrt Vorschub leiste; Isar Aerospace hat den „Mikrolauncher-Wettbewerb“ der Deutschen Raumfahrtagentur gewonnen und dafür elf Millionen Euro Fördergelder erhalten. Eine weitere Finanzierungsspritze gab es aus dem deutschen Budget der Europäischen Weltraumorganisation (ESA).
Bislang gibt es auf dem europäischen Trägerraketenmarkt ein Quasimonopol. Es besteht aus der französisch-deutschen Ariane Group, deren Anteilseigner Airbus und Safran sind, sowie dem italienischen Hersteller Avio. Beide entwickeln und produzieren seit Jahrzehnten im Geflecht von ESA, nationalen Raumfahrtagenturen und nationaler Politik große Ariane- und mittelgroße Vega-Raketen – viel zu langsam, teuer und hoch subventioniert, sagen Start-ups wie Isar Aerospace. Sie versprechen, es besser zu machen. Mit der „European Launcher Challenge“ fördert die ESA neuerdings den Wettbewerb. Dabei hat sie das US-Fördersystem kopiert, aus dem sich SpaceX erfolgreich entwickelt hat: Die ESA tritt nur noch als Ankerkunde auf, kauft Startdienstleistung und lässt den Unternehmen privatwirtschaftliche Autonomie.
Zuverlässig geliefert
In Frankreich warnt man weiterhin vor einem ruinösen Wettbewerb, wenn sich die Europäer in der Raumfahrt einen harten Konkurrenzkampf leisten, statt ihre Kräfte zu bündeln. Mit seiner Tochtergesellschaft Maiaspace hat die Ariane Group inzwischen aber auch ein eigenes Raketen-Start-up. Dieses plant seinen Orbitalflug für Ende kommenden Jahres. Die Rakete soll in einer wiederverwendbaren Variante angeboten werden – so wie es die Falcon 9 von SpaceX schon seit fast zehn Jahren ist, die Ariane 6 und auch die neue Rakete von Isar Aerospace hingegen nicht. Auch der französische Staat fördert die heimischen New-Space-Start-ups wie Maiaspace über Dienstleistungsverträge im Rahmen des France-2030-Programms.
Solange die Jungunternehmen noch nicht in Serie liefern, stellen jedoch die Ariane 6 und Vega-C sicher, dass Europa unabhängig Satelliten ins All schießen kann. Nach jahrelangen Negativschlagzeilen haben sie zuletzt zuverlässig geliefert. Als Auslaufmodelle begreifen sich die Ariane Group und Avio nicht. Im Gegenteil, ihre Startfrequenz könnte angesichts des enormen Bedeutungszuwachses des Alls noch einmal erhöht werden. Man prüfe mit der ESA und den rund 600 Zulieferern, mit der Ariane 6 häufiger als bislang geplant abzuheben, sagte der Vorstandsvorsitzende der Ariane Group, Christophe Bruneau, diese Woche vor Journalisten. Derzeit sind von 2027 an neun bis zehn Starts im Jahr geplant. Nach ihrem Jungfernflug im Jahr 2024 hat die Ariane 6, deren Oberstufe in Bremen produziert wird, achtmal erfolgreich Satelliten von Französisch-Guyana ins All transportiert.
Rückenwind erhält die Ariane Group nun von Kundenseite. Ihre Vermarktungsgesellschaft Arianespace hat auf dem Weltraumgipfel am Mittwoch die Unterzeichnung neuer Verträge und Absichtserklärungen für zehn Starts bekanntgegeben. Mit sechs entfällt die Mehrheit davon auf das geplante Kommunikationssystem Amazon Leo. Die Gesellschaft des amerikanischen Amazon-Konzerns war mit 18 gebuchten Flügen schon bislang der größte Kunde der Ariane Group. Die neuen Verträge stellten „den größten Auftragseingang für Arianespace seit der Inbetriebnahme der Ariane 6 dar“, zeigte sich der Geschäftsführer von Arianespace, David Cavaillolès, erfreut.
Warnung vor Engpässen
Ariane Group sitzt damit auf etwas mehr als 30 gebuchten Flügen. Rechnerisch ist der Konzern damit für rund drei Jahre ausgebucht. Einige der Starts dürften aber erst später stattfinden, der neue Vertrag mit Amazon Leo etwa reicht bis ins Jahr 2031. Die geplante neue Satellitenkonstellation der Bundeswehr, Satcom Bw 4, könnte also genauso wie die geplante europäische Konstellation IRIS² mit der Ariane Group starten. Der Konzern rührt schon länger die Werbetrommeln. „2028, 2029 gibt es Platz“, sagte der Direktor für Raumfahrtprogramme bei der Ariane Group, Philippe Clar, unlängst im Gespräch mit Journalisten. Es möge mit den Start-ups eine Reihe neuer Anbieter geben. Derzeit aber sei die Ariane 6 die einzige Rakete in Europa, die funktioniere und in großem Stil Satelliten befördern könne.
Klar ist: Wenn die Europäer wie geplant kommerzielle und militärische Satelliten in wachsender Zahl ins All schießen wollen, wird jede Rakete gebraucht – andernfalls müsste man wie in den Krisenjahren von Ariane und Vega bei SpaceX ein (teures) Startticket ziehen. Auf ESA-Seite warnt man vor Engpässen. „Die ESA rechnet derzeit damit, dass es in Europa um das Jahr 2030 herum zu einem Mangel an Trägerraketen kommen wird“, sagte Generaldirektor Josef Aschbacher jüngst der „Financial Times“. Auch Raumfahrtministerin Bär machte deutlich, dass die Unterstützung für Isar Aerospace keine deutsche Absage an die Ariane sei und es viele Anbieter brauche. „Das eine schließt das andere in keiner Weise aus“, sagte sie.
