
HUH! Die norwegischen Fußballfans zählen bei der aktuellen Weltmeisterschaft zu den stimmungsvollsten, den originellsten. Zehntausende, in Rot gekleidet, sitzen erst einmal ruhig da, am Times Square in New York oder auf einer Tribüne im Stadion, dann geht es los: Alle sitzen im selben Boot – HUH! – und alle ziehen an imaginären Rudern. Ein Zug, eine Menschenwelle, die nach hinten schwappt. Alle wieder nach vorn! Und HUH! Die nächste Welle. Gänsehaut bei denen, die zuschauen. Nun sind die Norweger im Fußball nicht gerade schlecht. Am Dienstag spielen sie gegen die Elfenbeinküste (19 Uhr MESZ, im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV). Mit ihrem Stürmer Erling Haaland haben sie dann einen Mann auf dem Feld, der hoffen lässt, dass die Reise der Nordmänner bei dieser WM noch nicht zu Ende geht.
Doch die Norweger können nicht nur Fußball spielen. In einer anderen Sportart, im Triathlon, sind sie noch viel besser. Dort sind sie das Maß der Dinge. Casper Stornes, Kristian Blummenfelt und Gustav Iden, das sind quasi die drei Haalands, die nicht nur jeder für sich, sondern auch als Team den Langstrecken-Triathlon auf eine neue Ebene gehoben haben.
„Wir waren ziemlich zuversichtlich, dass wir Platz eins und zwei belegen“
Vor dem Ironman in Frankfurt, den Stornes am Sonntag in einer wegen der Hitze verkürzten Form gewann, waren die drei, wie so oft, im Trainingslager. Dort hatten sie nicht nur ihre extremen Trainingsumfänge abgearbeitet, sondern vor zwei Wochen auch schon einmal den Jubel für das Rennen in Frankfurt eingeübt. „Wir waren ziemlich zuversichtlich, dass wir Platz eins und zwei belegen“, erzählte Iden nach dem Rennen. „Deshalb wollten wir wie Haaland und Ödegaard über die Ziellinie rudern.“ Wie die beiden Stars des norwegischen Fußballs.
Wer Erster und wer Zweiter würde, war nicht ausgemacht. Das ergab sich nach 3,8 Kilometern Schwimmen, 125 Kilometern Radfahren und einem Halbmarathon von selbst: Stornes, der amtierende Ironman-Weltmeister, holte sich in einer Zeit von 4:50:23 Stunden auch den EM-Titel und begrüßte zweieinhalb Minuten später Iden, den Hawaii-Champion von 2022, wie ausgemacht im imaginären Ruderboot: HUH! Der Spanier Antonio Benito López als Dritter durfte am Ende mit weiteren zwei Minuten Rückstand mit aufs Podium – auch weil Blummenfelt nicht dabei war. Er startet am kommenden Sonntag beim Langstreckenklassiker in Roth. Bester Deutscher wurde mit 7:12 Minuten Rückstand Jan Stratmann: Mit Platz zehn sicherte er sich die begehrte Qualifikation für die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii im Oktober.
Hamburger Halbmarathon wurde abgesagt
Stornes vor Iden – alles nach Plan also. Aber die sportliche Dimension stand bei dieser extremen Ausgabe des Frankfurter Ironman nicht im Vordergrund. Die Frage war: Findet er überhaupt statt? Bei Temperaturen von rund 40 Grad im Schatten, den es auf der Strecke kaum gab. Das Unternehmen Ironman, das bekannt dafür ist, in kommerziellen, gewinnoptimierten Kategorien zu denken, war lange fest entschlossen, die Veranstaltung über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen durchzuziehen.
Mehr Wasser, mehr Becher und Flaschen, mehr Elektrolyte, mehr Eis, mehr Schwämme, mehr Sprinklerduschen wurden angekündigt. Teile der Laufstrecke sollten in den Schatten verlegt, die medizinische Versorgung verstärkt werden. An der eigentlichen Ironman-Strecke aber hielt der Veranstalter fest.
Andere Veranstalter hatten zu diesem Zeitpunkt schon eindeutige Konsequenzen gezogen. Der Hamburger Halbmarathon mit rund 24.000 gemeldeten Läufern wurde abgesagt. Die Organisatoren erklärten, auch mit einem erweiterten Versorgungskonzept könne nicht ausgeschlossen werden, dass Rettungs- und Einsatzkräfte überlastet würden und die medizinische Versorgung der Bevölkerung leide.
Behörden erhöhen den Druck auf den Veranstalter
Am Freitag folgte die Absage des Ironman in Nizza. Dort sollten rund 4500 Athletinnen und Athleten starten. Die zuständige Präfektur untersagte das Rennen wegen der anhaltenden Hitzewelle. Auch in Frankfurt regten sich die Behörden. Der Druck auf den Ironman wurde größer. Es ging nicht nur um die rund 3000 Athleten, sondern auch um die Helfer an der Strecke, um Polizei und medizinisches Personal, um mögliche Rettungseinsätze in großer Zahl.
Schließlich am Freitag, keine 48 Stunden vor dem Start, die Mitteilung: Absage: nein. Verkürzung: ja. Erst beim Briefing der Athleten wurde die Verkürzung offiziell bekannt gegeben. Die Reaktionen waren geteilt.
Manche Athleten quittierten die Entscheidung mit Pfiffen und Buhrufen. Viele hatten monatelang trainiert, Reisen und Hotels gebucht und für den Start in Frankfurt 850 Euro bezahlt. Für diese Summe hatten sie sich nicht zu irgendeinem Triathlon angemeldet, sondern zu einem Ironman über die volle Distanz. Nun erfuhren sie zwei Tage vor dem Rennen, dass aus den 180 Kilometern auf dem Rad 125 und aus dem Marathon ein Halbmarathon werden würden. Ironman, Stadt und Behörden hatten sich auf die Verkürzung verständigt. Fragwürdig bleibt, warum es so lange dauerte, bis diese Entscheidung fiel. Die Wetterprognosen waren seit Tagen bekannt.
„You are an Ironman!“ – das ist die Zauberformel, die Altersklassenathleten im Ziel entgegengerufen wird. Eine verkürzte Strecke zählt da nicht. Eine Enttäuschung für viele. Und die Qualifikation für Hawaii in den verschiedenen Altersklassen? Dabei beließen es die Veranstalter. 60 Slots waren zu vergeben.
Nächste Woche in Roth sind angenehmere Temperaturen zu erwarten. Es wird weniger heiß sein beim fränkischen Langstreckenklassiker – und das Feld noch stärker als in Frankfurt. Mit Blummenfelt, Patrick Lange und dem Franzosen Sam Laidlow stehen gleich drei Ironman-Weltmeister am Start. Favorit ist Blummenfelt. HUH! Der nächste Rudersieg liegt in der Luft.
