Das Haus des jungen Influencers steht am Ende einer löchrigen Sandstraße. In einem Zimmer im Erdgeschoss hängen neben der Tür Dutzende handschriftliche Notizen mit Ideen für Videobeiträge, historischen Daten und Büchertiteln. Diese Wand in dem flachen Backsteinbau bildet auch den Hintergrund der meisten Aufnahmen des 14 Jahre alten Inders Ashwamit Gautam. Auf seinem Schreibtisch stellt er mit einem Stativ eine moderne Digitalkamera vor sich auf. Er schaltet das Neonlicht ein, das über dem Schreibtisch hängt. Die Lampe wirft einen grellen Schein auf das schmale Gesicht mit den dunklen, wachen Augen.
Die Elektrizität stammt aus einer Solaranlage; das Haus am Rand der nordindischen Millionenstadt Lucknow hat keinen Anschluss an das Stromnetz und die Wasserversorgung. Ohne Umschweife fängt der Teenager an, in schnellem Stakkato in die Kamera zu sprechen. In dem Videobeitrag, den er an diesem Tag aufnimmt, richtet sich Ashwamit direkt an den seit 2014 regierenden Ministerpräsidenten Narendra Modi und seine Bharatiya Janata Party (BJP). „Hey, ihr BJP-Leute, nur zu, macht die Meinungsfreiheit zunichte!“, spricht er den Text, der auf dem Handydisplay vor ihm aufleuchtet. „Und nicht nur das – führt eine Diktatur ein und tut danach alles, was ihr wollt!“, redet er weiter.
In Beiträgen wie diesem, die Ashwamit mehrmals die Woche auf Instagram und Youtube postet, greift der Teenager den mächtigen Regierungschef und seine Partei frontal an. Er kritisiert Missstände wie die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die schlimme Luftverschmutzung in den Städten und die Schlaglöcher in den Straßen. Er spricht über die rechtskonservativen Hindunationalisten, die unter Modi die Macht ausüben, über den Konflikt Indiens mit Pakistan und Vorwürfe von Unregelmäßigkeiten bei Regionalwahlen. Bei vielen, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, trifft er mit seinen Inhalten einen Nerv. Bei Instagram hat er 2,4 Millionen Follower. Seine Posts bekommen Zehntausende, Hunderttausende oder Millionen Likes.
Religiöse Nationalisten bezeichnen ihn als „anti-national“
Manche vergleichen Ashwamit schon mit dem prominenten Influencer Dhruv Rathee, der die Nachrichtenlage in Indien von Europa aus kritisch kommentiert. Auf Youtube hat Rathee mit 36 Millionen Abonnenten allerdings eine deutlich größere Gefolgschaft als der Teenager aus Lucknow. So wie Rathee ist auch Ashwamit scharfer Kritik, Verleumdungen und Anfeindungen ausgesetzt. Die religiösen Nationalisten aus der Regierung bezeichnen die beiden – ebenso wie viele kritische Internetpersönlichkeiten, Journalisten und Oppositionelle – als „anti-national“. Aus der Rhetorik wurde Ernst, als jemand im Januar dieses Jahres Strafanzeige gegen Ashwamit stellte. Die Polizei, die ihn und seinen Bruder abholte, warf ihm vor, er habe mit einem seiner Videos religiöse Gefühle verletzt.
Ashwamit vermutet allerdings, dass er mit der Anzeige zum Schweigen gebracht werden sollte. Sein Fall ist damit auch ein Beispiel dafür, wie in Indien Menschenrechtlern zufolge die Freiräume für Kritik deutlich enger geworden sind. Reporter ohne Grenzen stuft Indien, das Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang des Jahres auf seiner Reise als „Wunschpartner“ bezeichnet hatte, in seinem Pressefreiheitsindex 2026 nur auf Platz 157 von 180 Ländern ein. Vor 20 Jahren lag Indien noch auf Platz 105 von 168 Ländern. Ashwamit berichtet in seinem Beitrag, wie Medienhäuser unter Druck geraten, Aktivisten unter Vorwänden ins Gefängnis gesteckt und Oppositionelle mit Gerichtsverfahren überhäuft werden. „Auch wenn die blinden Anhänger der BJP das nicht verstehen werden, lasst mich euch sagen: Was die BJP gerade tut, ist die Abschaffung der Meinungsfreiheit“, sagt Ashwamit in die Kamera.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Kurz vor seiner Aufnahme sitzt der Teenager an seinem Schreibtisch, neben sich sein 24 Jahre alter Bruder Aditya Gautam, und beantwortet die Fragen der F.A.S. Ashwamit berichtet, dass er später selbst einmal Journalist werden wolle. Sein Vorbild ist der bekannte TV-Reporter Ravish Kumar, der dem Fernsehsender NDTV den Rücken kehrte, weil er dort nicht mehr kritisch berichten konnte. Kumar betreibt seither einen Youtube-Kanal, über den er seine Beiträge verbreitet. Er geht in die Dörfer und deckt Fälle von häuslicher Gewalt und andere Missstände auf. Und er beschäftigt sich mit der Diskriminierung von Angehörigen niedriger Kasten. Von den Berichten ist Ashwamit tief beeindruckt. Er selbst ist ein Dalit, einer der „Unberührbaren“, die im traditionellen Kastensystem auf der untersten Stufe stehen.
Für einen Dalit wie Ashwamit, der früher nicht einmal aus derselben Wasserquelle hätte trinken dürfen wie die Angehörigen höherer Kasten, bieten die sozialen Medien eine einzigartige Plattform. Doch die ersten Videos, die er aufnahm, waren völlig unpolitisch. In einer seiner ersten Aufnahmen demonstrierte er etwa, wie man am besten eine Mango isst. Mit der Zeit wurden Ashwamits Posts kritischer gegenüber den politischen Verhältnissen. Als Wendepunkt sieht er ein Video, in dem er ein Ereignis aus den Nachrichten kommentierte. Damals war ein Wasserturm in sich zusammengestürzt und hatte Menschen verletzt. Da anscheinend minderwertiges Baumaterial verwendet worden war, sah Ashwamit dies als Beispiel dafür, wie sich in Indien korrupte Staatsbedienstete das Geld in die eigene Tasche stecken.

Der Post über den Wasserturm wurde vier Millionen Mal angeklickt, berichtet Ashwamit. „Ich bekam so viele Benachrichtigungen, dass der Handy-Akku leer war“, sagt der junge Influencer. Aber die politische Kritik hat ihn auch in Konflikt mit den Hindunationalisten gebracht, die seine Beiträge mit zahllosen wütenden Kommentaren begleiten. Im Januar hatte er schließlich das Video einer Sängerin kritisiert, in dem diese sich dagegen ausgesprochen hatte, die Hindu-Göttin Durga anzubeten. Die Göttin sei eine Prostituierte gewesen, schimpfte die Sängerin. Jeder dürfe doch anbeten, wen er wolle, hatte Ashwamit in seinem Video entgegnet. Als Beispiel nannte er Doraemon, eine knuddelige Manga-Figur aus Japan.
Seinem Verständnis nach hatte er damit eigentlich nur dazu aufgerufen, dass alle Religionen respektiert werden sollten. Die Hindunationalisten behaupteten aber das Gegenteil. Ein Ausschnitt des Videos wurde Ashwamit zufolge weiterbearbeitet und auf der Plattform X verbreitet. Die Folgen waren diesmal nicht nur wütende Kommentare. Mehrere Polizisten hatten zunächst seinen Bruder aufgesucht, der in einer Apotheke am Ende des Sandwegs arbeitet. Dann holten sie Ashwamit aus einer „Bibliothek“ genannten Einrichtung, in die sich der Teenager regelmäßig zum Lernen zurückzieht. Die Polizei nahm ihm Kamera und Handy ab und zwang ihn, das Video zu löschen. Sie beriefen sich auf den Abschnitt des Strafgesetzbuchs, der die Verletzung religiöser Gefühle unter Strafe stellt. Wie Ashwamit berichtet, bedrohten und beschimpften die Beamten ihn dabei auch noch.
Zur Schule geht er nur noch an Prüfungstagen
Der 14-Jährige wurde nach ein paar Stunden freigelassen, weil er minderjährig ist. Sein Bruder, Aditya Gautam, wurde einen Tag lang festgehalten. Die Polizei nahm an, dass er der eigentliche Betreiber von Ashwamits Instagram-Konto ist. Ashwamits Festnahme war in einer Hinsicht kontraproduktiv: Zahlreiche Internetpersönlichkeiten solidarisierten sich mit ihm. Die Aufmerksamkeit brachte dem jungen Dalit aus Lucknow Hunderttausende Follower. Sie sahen die Grenzen, die insbesondere der Redefreiheit im Internet gesetzt werden. Wie die Organisation Human Rights Watch berichtet, werden die Medienfreiheit und das Recht auf friedliche Meinungsäußerung im Netz „durch Strafverfahren“ und „willkürliche und unverhältnismäßige Anordnungen“ eingeschränkt.
Mittlerweile ist Ashwamit einem größeren Publikum bekannt. Das Aufnehmen der Videos nimmt noch mehr Zeit in Anspruch. Ashwamit besucht seinen Angaben nach seine Schule nur noch an Prüfungstagen. Er meint, dass dies angesichts anhaltend guter Noten kein Problem sei. Der Vater wohnt in der Nähe, aber getrennt von der Familie, die Mutter im mehr als 500 Kilometer entfernten Delhi. Ashwamit wächst deshalb vor allem unter Aufsicht des Bruders und einer Schwester auf. Zudem wohnt in dem Haus noch eine Großmutter. Sie liegt während des Interviews reglos auf einer Pritsche im Flur des Hauses.
Im Regal neben Ashwamits Schreibtisch steht eine Gandhi-Biographie neben Sachbüchern über Massenmedien und Journalismus, einer Einführung in den Marxismus und einer Sammlung von Sherlock-Holmes-Krimis. Er verbringt jeden Tag mehrere Stunden mit Lesen und Lernen. Zu Hause fehlt dafür aber oft die Konzentration. Deshalb fährt er nach der Aufnahme und dem Interview mit seinem Bruder über die löchrige Sandstraße, durch den chaotischen Verkehr Lucknows bis zu einem mehrstöckigen Gebäude am Rande einer Marktstraße. In einem Obergeschoss liegt die besagte Bibliothek, in der Ashwamit im Januar von der Polizei festgenommen worden war. Es ist ein abgedunkelter Raum, in dem im Schein der Tischlampen Schüler und Studenten auf kleine Schreibtischkabinen verteilt in ihre Bücher vertieft sind. Eine Klimaanlage sorgt für eine angenehme Kühle.
Außerhalb der für Indien typischen engen Wohnverhältnisse können sich die Schüler und Studenten an diesem Ort gegen eine kleine Gebühr ohne Ablenkung in ihren Lernstoff vertiefen. Auch Ashwamit verbringt hier mit seinem Bruder jede Woche mehrere Nächte. Wenn sie müde sind, rollen sie einfach zwei Matten auf dem Boden aus und schlafen für ein paar Stunden. Auf der Dachterrasse der „Bibliothek“ hat er auch schon einige seiner Videos aufgenommen. Dafür musste Ashwamit allerdings einen Sprachfehler überwinden, der ihn zu Grundschulzeiten noch zum Gespött seiner Mitschüler gemacht hatte. In einem Youtube-Video hatte er gesehen, wie man vor dem Spiegel mit einem waagerecht zwischen die Lippen gepressten Bleistift Sprachübungen macht. Auf diese Weise hatte er sich binnen drei Jahren selbst das Lispeln abgewöhnt.
Von der „Bibliothek“ geht die Fahrt etwas später weiter an einen anderen Ort, an dem Ashwamit regelmäßig Videos aufnimmt. Es ist ein öffentlicher Platz vor dem historischen Rumi-Tor, einem berühmten Gebäude aus dem 18. Jahrhundert in türkischem Baustil. Das Tor ist eines der Wahrzeichen Lucknows. Auch Ashwamits Name ist heute stark mit dieser Stadt verbunden. Hier wird er von vielen jungen Menschen auf der Straße erkannt. Dabei zieht es den Jungen den eigenen Angaben nach weiter. Nach Abschluss der achten Klasse möchte er nach Delhi ziehen, um bei seiner Mutter zu leben und auf eine staatliche Schule zu gehen. Danach hofft er, zu einem Studium der Politikwissenschaften ins Ausland gehen zu können, bevor er in Indien seine Karriere als Journalist weiterverfolgen will.

Nach der Ankunft auf dem Platz vor dem Tor filmt ihn sein Bruder im Livestream, wie er an einem Stand eine frische Kokosnuss kauft und mit einem Strohhalm trinkt. Danach nimmt Ashwamit das Handy selbst zur Hand. Er zieht sich den Schirm seiner Mütze in die Stirn und redet auf die Kamera ein. „Hallo Freunde, willkommen auf meinem Vlog. Wie geht’s? Ich setze mal meine Sonnenbrille auf“, sagt er. Dann beginnt er, live auf die Kommentare seiner Zuschauer zu antworten.
Schnell kommen sie wieder auf den Stand der Meinungsfreiheit in Indien zu sprechen. „Ich versuche, die Stimmen derer zu verstärken, die unterdrückt werden“, sagt Ashwamit. Damit meint er all die anderen Influencer, Journalisten und Comedians, die den Druck der Staatsmacht zu spüren bekommen. Und schließlich verabschiedet er sich von seinen Zuschauern. Aber nur für diesen Tag.
