
Der Ölpreis ist zuletzt eher wieder gestiegen, das lässt kein baldiges Ende der Inflationswelle erwarten. Knapp 90 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) kostete die Nordseesorte Brent am Dienstag zeitweise, nachdem der Preis zwischenzeitlich schon mal deutlich niedriger gelegen hatte. Für Kraftstoff zahlten Autofahrer nach Erhebungen des Autoklubs ADAC in dieser Sommerreisewelle sogar so viel wie noch nie in der Geschichte. Für viele Verbraucher ist es also ein teurer Sommer.
Wie die Übersicht des F.A.Z.-Preisberichts zeigt, lag die Inflationsrate in den zurückliegenden vier Monaten in Deutschland und im Euroraum durchgängig oberhalb von zwei Prozent. In Deutschland belief sie sich im April auf 2,9, im Mai auf 2,6, im Juni auf 2,3 und im Juli auf 2,8 Prozent. Im Mai und Juni war die Rate durch den Tankrabatt künstlich aus Steuermitteln gedrückt worden. Im gesamten Euroraum betrug sie im April 3,0, im Mai 3,2, im Juni 2,8 und im Juli 2,9 Prozent. Seit dem Ende des Tankrabatts Ende Juni unterscheiden sich die Raten also nur noch wenig.
Das dominierende Element der Inflation sind dabei nach wie vor die Energiepreise. Im Euroraum sind diese Stand Juli auf Jahressicht um 10,0 Prozent gestiegen. Das war der mit Abstand höchste Preisanstieg aller Unterkategorien. Dienstleistungen verteuerten sich ebenfalls überdurchschnittlich, um 3,3 Prozent. Dahinter stecken unterschiedliche Phänomene: In der Gastronomie und der Hotellerie wird für Essen und Übernachtung deutlich mehr verlangt als vor einem Jahr. Auch viele Versicherer haben die Prämien angehoben. Besonders stark ist der Preisanstieg aber für alles, was mit der Pflege älterer Menschen zusammenhängt.
Im Mai hatte die Dienstleitungsinflation zwischenzeitlich sogar schon mal 3,5 Prozent erreicht. Das hatte unter Ökonomen Befürchtungen genährt, hier zeichneten sich womöglich sogenannte Zweitrundeneffekte ab. Die Dienstleitungsinflation reagiert besonders stark auf Veränderungen der Löhne. Wenn als Reaktion auf die hohen Energiepreise die Löhne steigen, könnte man in der Dienstleistungsinflation die Folgen besonders schnell sehen. Als die Dienstleitungsinflation aber im Juni wieder zurückging, wurde der zwischenzeitliche Anstieg mit saisonalen Schwankungen beispielsweise der Preise rund um das Reisen erklärt.
Gestiegene Kerninflation im Euroraum
Im Juli war dann zu beobachten, dass die Kerninflation im Euroraum gestiegen ist, das ist die Teuerung ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Lebensmittel. Sie legte von 2,4 auf 2,5 Prozent zu. Das war insbesondere auf eine Beschleunigung der Teuerung für Industriegüter von niedrigem Niveau aus zurückzuführen.
Commerzbank-Ökonom Vincent Stamer kommentierte, dies dürfte der Auftakt für eine steigende Kernrate sein: „Denn im weiteren Verlauf des Jahres werden Unternehmen ihre gestiegenen Energiekosten wohl noch stärker an ihre Kunden weitergeben.“ Je länger der Konflikt im Nahen Osten andauere und den Transport von Öl und Ölprodukten beeinträchtige, desto mehr würden Unternehmen ihre höheren Energiepreise weitergeben, sagte Stamer: „Wir erwarten daher, dass im Laufe des Jahres die Preise jenseits der Energie noch etwas schneller steigen werden.“
Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW in Mannheim jedenfalls meint, aus Geschäftsberichten wie dem des Chemiekonzerns BASF herauszulesen, dass es Unternehmen zum Teil ganz gut gelinge, höhere Energiepreise an ihre Kunden weiterzugeben. BASF begründete einen deutlichen Umsatzanstieg in der Gruppe mit einem Mengenanstieg um 7,3 Prozent – und einem Preisanstieg um 11,5 Prozent.
Teuerung für Lebensmittel unterdurchschnittlich
Anders als in der vorigen Inflationswelle 2022/2023, als sowohl die Energiepreise als auch die Preise für Lebensmittel auffällig zulegten, ist die Teuerung für Letztere bislang eher niedrig geblieben. Es gab mal Anzeichen, dass höhere Preise für Düngemittel auch auf unverarbeitete Lebensmittel durchschlagen. Zumindest im Durchschnitt war die Teuerung für Nahrungsmittel in den zurückliegenden Monaten aber eher niedrig. In Deutschland belief sie sich im April auf 1,2 und im Mai, Juni und Juli auf 0,4 Prozent. Im Euroraum insgesamt, dort ist sie etwas anders abgegrenzt und schließt Tabak und Alkohol mit ein, betrug sie im April 2,4, im Mai 1,9, im Juni 1,5 und im Juli 1,2 Prozent.
Die Veränderung einzelner Supermarktpreise zeigt eine Sonderauswertung „Nahrungsmittel“ der Preisstatistik des Statistischen Bundesamts. Auf Jahressicht deutlich verteuert haben sich beispielsweise Obstkonserven mit plus 26,6 Prozent und tiefgefrorenes Obst mit plus 25,9 Prozent. Eier stiegen 14,6 Prozent im Preis. Rind- und Kalbfleisch wurden 7,4 Prozent teurer, Marmelade und Honig 7,2 Prozent. Fisch verteuerte sich um 6,2 Prozent. Brot wurde 2,2 Prozent teurer, Joghurt 1,2 Prozent und Speiseeis 0,8 Prozent.
Es gab aber eben auch zahlreiche Lebensmittel, die auf Jahressicht günstiger wurden und somit den Schnitt nach unten zogen; zum Teil, nachdem es in der Phase davor einen Preisanstieg gegeben hatte. Butter beispielsweise wurde nun auf Jahressicht 29,1 Prozent günstiger, Reis 8,2 Prozent, Käse 7,9 Prozent, Vollmilch 7,1 Prozent, Olivenöl 3,1 Prozent. Für Pizza mussten Verbraucher 0,3 Prozent weniger zahlen als noch vor einem Jahr.
Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, fasst die Entwicklung so zusammen: „Die höhere Inflation geht ganz überwiegend auf die teurere Energie zurück.“ Dagegen seien die Preise für Dienstleistungen und Industriegüter ohne Energie bislang noch nicht viel schneller gestiegen. „Aber das sollte sich bald ändern“, meint Krämer. Denn laut Umfragen planten die Unternehmen, die gestiegenen Kosten an die Konsumenten weiterzugeben. Außerdem seien die langfristigen Inflationserwartungen der Konsumenten EZB-Umfragen zufolge gestiegen, sagte Krämer: „Die gegenwärtige Ruhe bei der Kerninflation ist trügerisch – die EZB kommt um eine weitere Zinserhöhung nach der Sommerpause nicht umhin.“
Die nächste Zinssitzung der EZB findet am 10. September in Berlin statt. An den Finanzmärkten wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Zinserhöhung erwartet.
