
Mit der deutschen Industrie geht es bergab? Für Infineon gilt das nicht. Seit Jahresbeginn hat die Aktie des Münchner Halbleiterherstellers um 75 Prozent zugelegt, man bereitet sich auf einen „breiten Aufschwung“ vor, sagt der Vorstandschef. Und statt Werksschließungen und Entlassungen zu planen, laufen bei dem Hightechbetrieb die Vorbereitungen für ein freudiges Ereignis: Am 2. Juli will Infineon seine neue Halbleiterfabrik in Dresden eröffnen. Kostenpunkt: fünf Milliarden Euro.
Die Großinvestition in Ostdeutschland ist ein Lichtblick in einer sonst trüben Gemengelage. Peter Leibinger, Präsident des Industrieverbandes BDI, sieht den Industriestandort „im freien Fall“, etwa eine halbe Million Industriearbeitsplätze sind in den vergangenen zehn Jahren verschwunden, die Bruttowertschöpfung ist um 7,5 Prozent gesunken. Hohe Kosten, technologische Umbrüche und wachsende Konkurrenz vor allem aus China machen der Industrienation das Leben schwer und kosten Wohlstand. Ist dieser Trend überhaupt noch aufzuhalten?
Eine Studie, die das Ifo-Institut im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erarbeitet hat, nimmt nun für sich in Anspruch, „erstmals ein umfassendes und differenziertes Bild der Investitionstätigkeit“ der deutschen Industrie erarbeitet zu haben. Dank neuer Analyseverfahren werfen die Forscher auch einen Ausblick in die Zukunft.
Die Ergebnisse, die der F.A.Z. vorab vorliegen, bestätigen den Abwärtstrend und die Stagnation in den Schlüsselindustrien Automobil und Maschinenbau. Allerdings beobachteten die Forscher in Hochtechnologiebranchen, vor allem in der Pharma-, Elektronik- und Optikbranche, eine hohe Investitionsdynamik. Bertelsmann-Koordinator Marcus Wortmann sieht darin „einen Lichtblick für den deutschen Standort“.
Der Fokus auf die Investitionen der Unternehmen ist aufschlussreich, weil die Investitionsentscheidung erstens etwas über das Vertrauen in den Standort und die eigene Zukunftsfähigkeit aussagt. Zweitens sind die Investitionen ausschlaggebend dafür, ob das Produktionspotential der Wirtschaft und damit der Wohlstand künftig wachsen können. Seit mehreren Jahren halten sich die Betriebe zurück. Mit etwa 600 Milliarden Euro im Jahr investierten sie zuletzt nicht mehr als im Jahr 2015. Nach der Covid-Pandemie gab es eine kurze Erholung, die ist aber, anders als zum Beispiel in den USA, längst verpufft ist.
Der Blick in den Rückspiegel zeigt nicht nur erwartbare Trends – Stagnation im Maschinenbau, Probleme in der Automobilindustrie, weniger neue Fabriken –, sondern auch Überraschendes. „Auffällig ist, dass die Chemieindustrie ihre Investitionen zwischen 2015 und 2024 stark gesteigert hat“, sagt Otto Meyer zu Schwabedissen (Bertelsmann-Stiftung). Im vergangenen und laufenden Jahr schraubte allerdings die Mehrheit der Chemieunternehmen ihre Investitionen zurück (siehe Saldo in der Tabelle).
Um herauszufinden, wie es weitergehen wird, werteten die Ökonomen mithilfe Künstlicher Intelligenz aktuelle Unternehmensdaten und deren Ankündigungen aus. Die Autoren zeigen, wie stark die Investitionen in den kommenden Jahren auf Kernbranchen und einzelne Bundesländer konzentriert sein werden: Allein auf die Autoindustrie entfällt ein Drittel des geplanten Investitionsvolumens, ein weiteres Fünftel auf die Herstellung von elektronischen Geräten. Mehr als die Hälfte des Investitionsvolumens wird in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen realisiert werden.
In Summe stagnieren die Investitionen im laufenden Jahr demnach auf dem schwachen Niveau des vergangenen Jahres. Einzelne Branchen stechen aber positiv heraus. „Die Hochtechnologiebranchen – vor allem die Pharmaindustrie sowie die Elektronik- und Optikbranche – weisen ein dynamisches Investitionsverhalten auf“, sagt Meyer zu Schwabedissen. Diese positive Entwicklung könne aber die ausbleibenden Investitionen der großen Branchen Automobil und Maschinenbau nicht kompensieren. Zudem komme es in den großen Branchen eher zu kleinen, inkrementellen Innovationen. Disruptive Wachstumsschübe seien dort, anders als im Hochtechnologiebereich, nicht zu erwarten.
Um eine Trendwende zum Positiven zu erreichen, fordern die Forscher zweierlei: erstens klassische Angebotspolitik (niedrigere Steuern und Energiekosten), um den Kernbranchen das Leben leichter zu machen. Zweitens mehr Wagniskapital und Unterstützung für Start-ups, die sich auf Wachstums- und Hightech-Märkte spezialisieren. „Die Kombination dieser Maßnahmen kann die Stärke bestehender Industrien erhalten und gleichzeitig neue Wachstumsbereiche erschließen“, schreiben die Autoren.
Die Forscher bilanzieren, dass sich insgesamt kein „rosiges“, aber auch kein verheerendes Bild ergebe. Die Studie liefere „einen Beitrag zur Versachlichung der aufgeheizten Debatte rund um das Thema Deindustrialisierung in Deutschland“.
