Im Wörterbuch der Gemeinplätze enden Komödien mit einer Heirat. In denen Shakespeares werden mitunter sogar mehrere Ehen geschlossen, nachdem alle Hindernisse aus dem Weg geräumt sind: Verwechslungen, Machtmissbrauch oder Liebesunsicherheit. Eine im „Wintermärchen“, zwei in „Die beiden Veroneser“, drei im „Kaufmann von Venedig“ und in „Was ihr wollt“, gleich vier in „Wie es euch gefällt“.
Die beiden Hochzeiten am Ende von „Viel Lärm um Nichts“ waren Regisseurin Tina Lanik zwei zu viel. Am Schauspiel Frankfurt inszeniert sie die Komödie als bitteres Lehrstück über Männer und Frauen. Es geht nicht gut aus. Dabei ist die Bühne von Stefan Hageneiner ganz in kindgerechtes Rosa und Blau getaucht worden. Alles scheint harmlos und leicht abwaschbar. Die Frauen spielen Federball, singen, schaukeln oder machen Drinks. Im Hintergrund erinnern Pinien an den italienischen Schauplatz. Im Vordergrund verwehren ein Outdoor-Küchenblock samt Konservendosen und Mixgerät zusammen mit den Biedermeierhauben der Mädchen und den oft aufgeknöpften Uniformen der Jungs, die aus der Schlacht zurückgekehrt sind und jetzt Erholung brauchen, jede Möglichkeit, das Geschehen zu datieren. Es spielt im Posthistoire immerwährender Sommerabende.
Wie soll man seinem Herzen glauben, wenn man keines hat?
Das Stück handelt von Liebe auf den ersten und den dritten Blick. Claudio sieht Hero, und es ist um ihn geschehen. Bei Tina Lanik lernt man ihn aber bald zu verachten. Denn Miguel Klein Medina gibt ihn als einen selbstzufrieden, vor allem in die eigene Liebe, in Ansehen und Erbe seiner Braut, Verliebten. Beim geringsten Anlass eifersüchtig, glaubt er, als Zweifel an ihrer Treue aufkommen, dem Augenschein mehr als dem Herzen, von dem ganz ungewiss bleibt, ob er eines hat. Seine Liebe nährt sich aus dem Klischee.
Auf den dritten Blick kommen Beatrice und Benedikt zueinander, die einander zuvor nur gegenseitig aufgezogen und verspottet haben. Dass sie füreinander bestimmt sind, wissen alle, nur sie wissen es nicht. In Frankfurt treten sie nicht als Virtuosen des Witzes auf, sondern mehr schlecht gelaunt als schlagfertig. Der Benedikt Arash Nayyebandis, der sich im Laufe des Abends steigert, würde mit Undercut und Adidas-Hose jeden Diskothekeneingang zieren. Die rauchende Beatrice Anni Nowaks berlinert sich schnaubend durch den Abend.

In dessen Mitte wird zu Technogewummere viel getanzt und gesungen, um nicht zu sagen: gegrölt. Vielleicht sollte das dem Lärm im fast sinnfreien Titel des Stücks Rechnung tragen. Die Maskenballszene, in der Feldherr Don Pedro das junge Mädchen Hero für seinen Kriegskumpanen Claudio „klarmacht“, dehnt sich. Sehr knapp dagegen der Auftritt, in dem Claudio vorgespielt wird, Hero betrüge ihn mit einem Soldaten. Bei Shakespeare findet er gar nicht statt, es wird nur von ihm berichtet. In Frankfurt wurden aber sowohl der Intrigant Conrad, dem es berichtet wird, als auch die komischen Polizisten Dogberry und Verges gestrichen, die den Betrug aufdecken. Deshalb wird eine kurze Szene eingefügt, die so wenig von einem Seitensprung erkennen lässt, dass der Schluss naheliegt, Claudio sei gar nicht das Opfer einer Intrige, sondern seines leeren Herzens. Der Schurke Borachio, massig gespielt von André Meyer, der den Verführer der Braut vortäuschte, muss sich mangels Dogberry dann selbst stellen. Ein kleines Loch in der Logik der Inszenierung.
Sie übt sich in gebremster Aktualisierung, lässt die boulevardesken Züge des Stücks hervortreten, mit seinen belauschten Gesprächen, die nur für die Lauscher stattfinden, dem Pfarrer, der sich eine Beerdigung als Komödie vorstellen kann, dem fast motivlosen Bösewicht, der krank vor Missvergnügen ist und nach ausgeführter Tat verschwindet. Zwischendurch atmen die Frauen bewusst in der Yogastunde, fährt man Skateboard, wird gekocht. Zum Verständnis des Stückes trägt all das nicht viel bei.
Fad wie Limonade
Das ändert sich im großen Schlussauftritt von Nina Wolf als Hero. Shakespeare hat die Figur sehr passiv angelegt, „zu niedrig für ein hohes Lob, zu braun für ein helles, zu klein für ein großes“, wie Benedikt spottet. Als Kontrastfigur zu Beatrice schweigt sie meistens, ist fad wie Limonade und wird von den Männern um sie herum beschrieben. In Frankfurt legt sie am Ende diese Passivität in einem zornigen Monolog ab, verfasst von der jungen Tiroler Dramatikerin Lisa Wentz. Darin klagt sie Claudio, klagt ihren Vater Leonato – Sebastian Reiß als Sean-Connery-Lookalike – und klagt Don Pedro – Sebastian Kuschmann als abgezockter Krieger – der niederträchtigen Verfügung über ihre Person an. Sie alle waren nur an dem Bild interessiert, das sie sich von ihr gemacht haben: süßes Mädel, Ware, Braut und vermeinte Hure. Noch in Claudios Bereitschaft, für seine Herzlosigkeit mit der Heirat einer angeblichen Cousine Heros zu büßen, kann sie seine Liebesschwäche erkennen.
Hero sagt, sie sei gewillt, zu warten – auf eine Konversion des Claudio, auf eine Konversion der Männer. Denn sie spricht ihre Anklage ins Publikum. Ob „Männer überhaupt“ angeklagt werden müssen, wie der Schlussauftritt nahelegt, hängt davon ab, ob es außerhalb der Bühne „Männer überhaupt“ gibt. Die meisten im Stück trifft es. Heiraten will nach diesem Ende niemand mehr.
