In der Exzellenzstadt Noida beginnt an einem Dienstagmorgen der Inder Subash Chander seinen Arbeitstag. IT-Parks, erstklassige Infrastruktur und der hervorragende Ruf der Universitäten machen den Vorort Neu Delhis zum „Epizentrum des Wachstums“, wie sich die Planstadt bewirbt.
Der geplante Hochgeschwindigkeitszug, der die Fahrt von Indiens Hauptstadt zum alten Pilgerort Varanasi von acht auf vier Stunden halbiert, soll auch in Noida halten. Ein weiteres Kapitel des indischen Aufstiegs. In Varanasi ist Chander zur Uni gegangen. Die Eltern sind Bauern, er ist der Erste, der in der Familie studiert hat. Doch nun sitzt er zehn Jahre nach dem Abschluss im Epizentrum von Indiens Aufstieg an einer Schnellstraße auf einem Motorrad. Vor dem Akademiker Chander liegt ein Tag mit zwölf Stunden voller Staub und Stress, an dessen Ende er 700 Rupien verdient hat, umgerechnet sechs Euro.
Nur sieben Prozent der Hochschulabsolventen finden einen festen Job
93 Prozent der Universitätsabsolventen in Indien finden im ersten Jahr auf dem Arbeitsmarkt keine feste Stelle, heißt es in der im März erschienenen Studie „State of Working India 2026“. Chander ist nun 32 und findet immer noch nichts. Am Lenker seiner schwarzen Hero Splendor, dem meistverkauften Motorrad im Land, steckt das Smartphone mit seinem kleinen Sohn als Bildschirmhintergrund. Chander startet die beiden Apps von Indiens bekanntesten Taxi- und Lieferdiensten, Ola und Rapido. Jetzt heißt es aufpassen.
Nach knapp zwei Minuten ploppt am Bildschirm ein Auftrag auf. Eine Kurierfahrt, drei Minuten entfernt, für eine Strecke von 9,1 Kilometern, für die der Auftraggeber 80 Rupien zahlt, 70 Cent. Immer wieder haut Chander den Zeigefinger auf den grünen „Annehmen“-Schalter. Er ist zu langsam, ein anderer Fahrer schnappt ihm die Fahrt weg. In der nächsten halben Stunde kommt kein Auftrag mehr. „Heutige Einnahmen: null“, zeigt die App. Chander startet den Motor, er will den Standort wechseln. Zu viel Konkurrenz hier. Zwölf Millionen Lieferfahrer gibt es in Indien. Schätzungen zufolge könnten es in vier Jahren doppelt so viele sein.

Als Ministerpräsident Narendra Modi vor zwei Wochen warnte, Indiens Zukunft sei in Gefahr, meinte er die hohen Energiepreise. Weil Indien fast alles Öl und große Teile seines Gases vom Golf importiert, hat die Regierung die Preise für Benzin und Kochgaszylinder nur dank kostspieliger Subventionen klein halten können, seit kaum noch ein Tanker durch die Straße von Hormus kommt. Das kann sich das Land nicht mehr leisten. Die Währungsreserven sinken, der Wert der Rupie fällt. Damit der indische Aufstieg in einem Jahr weitergehen kann, solle nun jeder erst mal verzichten, rief Modi das Volk auf: daheim arbeiten, anstatt ins Büro zu fahren. Urlaube verschieben. Auch Gold sollen die Inder nicht mehr kaufen, weil das Indien besonders viele Dollar kostet.
Chander hat noch nie Gold gekauft. Auch ins Ausland ist er nicht geflogen. Es war nicht schwierig, einen mit seinem Profil zu treffen: Wirtschaft studiert und trotzdem von Indiens Aufstieg abgehängt. Am Vorabend hatte Chander wie Dutzende andere Fahrer in Noida vor einem Komplex mit Restaurants gewartet, in der Hoffnung, dass auf dem Smartphonebildschirm ein Auftrag zum Essenliefern aufploppt. Fast jeder, den die F.A.Z. anspricht, hat einen Collegeabschluss. Chanders Kumpel hat einen MBA gemacht und ruft sofort einen ausgewanderten Freund in Heidelberg an, nachdem er hört, dass der Reporter aus Deutschland ist.
Jedes Jahr verlassen fünf Millionen Inder die Universitäten
Am nächsten Morgen fährt Chander nach dem ersten Auftrag tanken. Viermal hat die Regierung seit Modis Sparappell die Benzinpreise in kleinen Schritten erhöht. Das wird den Indern das Geld für andere Dinge nehmen. Doch bereits vor dem Irankrieg haben die Menschen wenig gekauft. Im vergangenen Jahr sind in Indien die Preise in manchen Monaten gar nicht gestiegen. „Für ein Schwellenland wie Indien, in dem es ständig zu Nahrungsmittelknappheit kommt, ist eine Inflation von unter einem Prozent kein gutes Zeichen“, sagt Srijan Shukla von der einflussreichen Denkfabrik ORF im Gespräch mit der F.A.Z. „Die Nachfrage hat ihre Talsohle erreicht.“
Pessimisten wie Raghuram Rajan, der früher die indische Zentralbank geleitet hat und nun in Chicago lehrt, haben seit Langem Zweifel, ob Indiens Wirtschaft schnell genug wächst. Beim Blick auf den Arbeitsmarkt fühlt er sich bestätigt. 40 Prozent der Inder zwischen 15 und 25 Jahren mit Hochschulabschluss sind arbeitslos. Jedes Jahr verlassen fünf Millionen die Universitäten, doch gute Chancen haben allein die Absolventen der Eliteinstitute mit bekannten Namen. „Wir schaffen einfach nicht genug Jobs“, sagt Rajan. In der Fertigung, bei kleinen und mittleren Unternehmen, bei Dienstleistungen, überall wachse die Wirtschaft zu langsam.
Für manchen klingt das überraschend. Für das laufende Jahr schätzt der Internationale Währungsfonds Indiens Wachstum auf 6,5 Prozent. Das wäre wohl Weltspitze. Dass trotzdem junge Inder keine Jobs finden, die ihren Fähigkeiten entsprechen, ist nur auf den ersten Blick paradox. In Indien würden seit einiger Zeit eigentlich nur noch die Staatsausgaben wachsen, sagt Ökonom Shukla. Das Regierungsgeld, das unter Modi in den Bau neuer Straßen und Flughäfen fließt, ist in den vergangenen sechs Jahren um das Dreifache gestiegen. „Das hat die Wirtschaft gestützt“, sagt Ökonom Shukla. „Nun gehen uns die Wachstumstreiber aus, und wir wissen nicht, was wir tun sollen.“

Neue Straße, neues Glück in Noida. Endlich bekommt Subash Chander einen Auftrag: Medikamente in einer Apotheke abholen und an die Wohnungstür liefern. Die Fahrt durch den chaotischen Verkehr fordert Körper und Geist. Die Feinstaubbelastung, die an diesem Tag das Achtfache des von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerts überschreitet, sorgt für Kopfschmerzen. Drei Jahre ist Chander aufs College gegangen. Jetzt verdient er keine 200 Euro im Monat. Die meisten Bürojobs in der Privatwirtschaft, Buchhalter zum Beispiel, würden noch schlechter bezahlt, sagt er. Höher dotierte Stellen im Staatsdienst sind rar.
Chander zeigt seine Wohnung: ein zehn Quadratmeter großer Verschlag ohne Fenster, viel nackter Beton. Statt Matratzen liegen Decken auf dem Boden, das Bad ist nicht mehr als ein Loch. Es sieht aus wie im Slum. Er habe großes Glück gehabt, dass sein Motorrad direkt vor der Tür parken könne, sagt Chander, dann werde es nicht so leicht geklaut. 5000 Rupien zahlt er im Monat Miete, was 45 Euro sind und ein Viertel von dem, was er verdient.
Indiens jobfreies Wachstum sei vor allem in seinen schlechten Universitäten begründet, sagen indische Arbeitgeber. Die Collegeabgänger wüssten nicht, wie es in der Wirtschaft läuft. Falsch, sagt die Autorin der Arbeitsmarktstudie Rosa Abraham von der Azim Premji University in Bengaluru. „Wir produzieren nicht genügend Jobs.“ Erfolgreiche Digitalunternehmen wie der Lieferdienst Ola benötigen viele Fahrer, aber nur wenige Hochqualifizierte in ihren Zentralen.
Apple, das in Indien inzwischen ein Viertel seiner iPhones herstellen lässt, hat im Land direkt und indirekt eine Million Jobs geschaffen. Für Modis Industrialisierungsplan ist das ein Erfolg. Doch viele ausländische Unternehmen, die dem Beispiel des Silicon-Valley-Konzerns folgen und Produktion nach Indien verlagern, gibt es noch nicht. Schlechte Infrastruktur und die gefürchtete indische Bürokratie schrecken ab.
Vom Aktien- und Anleihemarkt haben Ausländer seit Beginn 2025 mehr als 30 Milliarden Dollar abgezogen. In die Realwirtschaft, also dorthin, wo neue Fabriken entstehen, flossen im vergangenen Jahr unter dem Strich Direktinvestitionen von 7,6 Milliarden Dollar. In China waren es zu Boomzeiten das Fünfzigfache. Es ist nicht so, dass Indien nicht attraktiv ist für Geschäfte. Doch Modis Traum, aus Indien eine Industrienation wie China zu machen, sei naiv, sagt Ökonom Rajan. Es gebe nur ein China in der Welt.
Narayana Murthy, der legendäre Gründer des indischen IT-Giganten Infosys, sieht das anders. Murthys Family Office, das 1,4 Milliarden Dollar verwaltet, hat in indische Flugzeugzulieferer investiert. Weil sich Unternehmen aus China zurückziehen, werde industrielle Fabrikation das indische Wachstum in den nächsten zehn Jahren treiben, ist Murthy überzeugt. Nur Indien sei groß genug, um China Konkurrenz machen zu können. Die Regierung hofft auf 143 Millionen neue Jobs in den kommenden zehn Jahren.

Zukunftsmusik für Chander, er wäre dann über vierzig Jahre alt. Die Frau und das Kind sind wieder in Varanasi. Einen Hektar Land besitzt dort die Familie, Vater und Bruder arbeiten auf dem Feld. Ohne Empfehlung eine Stelle zu finden, sei aussichtslos, sagt Chander. Er weiß nicht, warum es so hart ist. Indien, so hört er es jeden Tag, ist doch auf dem Weg nach oben.
