Will der Chemiekonzern BASF nach außen Stärke zeigen, verschickt er auf breiter Front Mitteilungen über Preiserhöhungen. Davon gab es in den letzten Wochen reichlich: Kunststoffadditive werden um bis zu 25 Prozent teurer, Standard-Amine um bis zu 30 Prozent, Hilfsstoffe für die Pharmaproduktion um bis zu 20 Prozent. Die Botschaft: Wir geben kriegsbedingt steigende Rohstoffkosten an unsere Kunden weiter.
Weil das offensichtlich funktioniert, gehen einige Beobachter mittlerweile davon aus, dass die deutsche Chemieindustrie von den Engpässen am Persischen Golf sogar profitiert. Das Kalkül: Ausbleibende Rohstofflieferungen treffen vor allem Konkurrenten in Asien – und die können nicht mehr billig nach Europa liefern. Bestärkt wurde diese Vermutung durch teils überraschend gute Zahlen zum Auftaktquartal.
Importdruck aus China lässt nach
Der Spezialchemiekonzern Wacker begründete steigende Auftragseingänge konkret damit, dass Kunden wegen des Kriegs ihre Bestellungen vorgezogen hätten. Zugleich ist die Rohstoffversorgung der deutschen Konzerne offenbar noch gesichert. BASF-Chef Markus Kamieth sagte auf der Hauptversammlung, seit Anfang März lasse der Importdruck aus China nach. Er halte das aber für ein temporäres Phänomen, das nicht wirklich helfe – weil zugleich der Importdruck aus den USA wachse.
Europas Energieimporte sind nach Angaben des Chemieverbands VCI stärker geographisch gestreut. Die direkte Abhängigkeit der Industrie vom Persischen Golf sei deshalb gering. Zunächst träfen die Unternehmen indirekt steigende Preise für Öl, Gas und Transport. Je länger der Krieg dauere, desto stärker dämpfe er Investitionen und Konsum, das Wachstum sinke. So weit, so klar. Über die langfristigen Folgen auf die stark verzweigten Lieferketten herrscht hingegen weniger Klarheit.
Lieferfähigkeit ist ein Wettbewerbsvorteil
„Unsere Lieferfähigkeit ist derzeit ein bedeutender Wettbewerbsvorteil“, sagte der Lanxess-Vorstandsvorsitzende Matthias Zachert auf der Hauptversammlung in der vergangenen Woche. Der Kölner Spezialchemiekonzern habe für viele Produkte die Preise erhöht und spüre seit März „ein leicht positives Momentum“ bei der Nachfrage. „Uns ist allerdings bewusst, dass es sich dabei um eine temporäre Marktkonstellation handeln könnte, deren Dauer und finanzielle Auswirkungen ungewiss sind“, sagte Zachert. Gleichwohl gehen auch Analysten davon aus, dass es selbst nach einer Öffnung der Straße von Hormus bis zu sechs Monate dauern könnte, bis die Lieferketten wieder stabil seien.

Der Konkurrent Evonik aus Essen rechnet durch die aktuell angezogene Nachfrage mit einem besonders starken zweiten Quartal, möglicherweise dem besten im ganzen Jahr. Denn in der zweiten Jahreshälfte dürften höhere Inflationsraten den Konsum und die Investitionen beeinträchtigen, auch steigen die Kosten für Energie und Rohstoffe weiter. Der Covestro-Vorstandsvorsitzende Markus Steilemann sagte im Interview mit der F.A.Z. zwar: „Wir haben aktuell auf breiter Front Möglichkeiten, von verringerten Verfügbarkeiten zu profitieren, sowohl bei der Rohstoffversorgung als auch bei Fertigprodukten, die wir vertreiben.“
Europas Chemieindustrie hat 40.000 Arbeitsplätze abgebaut
Aber: Es würden weiterhin Arbeitsplätze abgebaut, und Konsumenten seien verunsichert. Wenn frei verfügbares Einkommen schrumpfe, könnten Nachfragemärkte nicht wie erwartet wachsen. „Das trifft dann die Zulieferindustrie und in der Folge die chemische Industrie.“ Am schärfsten werden Deutschland und Europa betroffen sein, China und Amerika weniger. „Die indirekten Effekte sind in ihren mittel- und langfristigen Auswirkungen deutlich stärker als die direkten.“
Und selbst ein vorsichtiger Aufschwung fällt in eine insgesamt angespannte Lage: Seit 2022 sind in Europa 37 Millionen Tonnen Chemikalienkapazität abgebaut worden, was etwa neun Prozent der europäischen Produktionskapazität entspricht. Chemieunternehmen haben seitdem rund 40.000 Arbeitsplätze abgebaut.
Beim VCI heißt es auf Nachfrage: Kurzfristig verzeichneten zwar einige Unternehmen eine höhere Nachfrage – etwa durch Lagerauffüllungen und den Wegfall von Importen aus Asien. Diese Anbieter könnten einen Teil der gestiegenen Kosten über höhere Preise weitergeben. Viele weitere Unternehmen beobachteten aber Zurückhaltung bei den Bestellungen, weil ihre Kunden angesichts der unsicheren Lage abwarteten. Zudem fehlten einigen Anbietern wichtige Rohstoffe für die Produktion. Momentan verstärken sehr viele Unternehmen ihr Risikomanagement: Lieferketten und Lagerhaltung würden angepasst.
„Aus unserer Sicht und auch der Einschätzung vieler Unternehmen ist die aktuelle Situation eine Momentaufnahme. Sobald Asien wieder normal produzieren kann und die Standortbedingungen in Europa strukturell gleich bleiben, greifen die asiatischen Wettbewerbsvorteile wieder“, sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.
„Force majeure“ in Asien nimmt zu
Wahr ist aber auch: Viele Konkurrenten bekommen Lieferprobleme. Der Branchenverband konstatiert sogar die größte Force-majeure-Welle in der Chemie seit Beginn des Ukrainekrieges. „Force majeure“, also höhere Gewalt, melden Unternehmen, wenn sie wegen externer Schocks ihre Lieferverpflichtungen nicht mehr erfüllen können. Die Welle dieser Meldungen habe sich innerhalb weniger Tage von Qatar „bis tief nach Ost- und Südostasien fortgepflanzt“.
Lanxess-Chef Matthias Zachert formulierte kürzlich die Erwartung, dass die Zahl der Force Majeure in Asien „zunehmen und nicht abflachen wird“. Auch Jens Birgersson, der Vorstandsvorsitzende des Chemikalienhändlers Brenntag, sagte, dass die Belieferung der Kunden gesichert sei und sich das Unternehmen auf die Störungen durch die Krise im Nahen Osten eingestellt habe. „Durch diese Agilität haben wir Marktschwankungen direkt in Chancen verwandelt.“
Nach Einschätzung des VCI kommen vor allem Standardpolymere aus dem Nahen Osten – günstige Massenchemikalien wie Polyethylen und Polypropylen, die in Folien, Verpackungen oder Kunststoffrohren landen, dazu Polystyrol („Styropor“), PVC und PET. Bei diesen Produkten gebe es auch erhebliche Produktion in der EU. „Aufgrund der niedrigen Kapazitätsauslastung müsste hier auch kurzfristig eine Produktionsausdehnung möglich sein“, hieß es in einem Positionspapier von Ende April.
Längst nicht alle Produkte können ersetzt werden
Damit, so der VCI, seien Preissteigerungen wahrscheinlich, aber keine Engpässe. Zugleich gibt es aber auch eine ganze Liste von Chemikalien – etwa das Lösemittel Cyclohexan, Glykole, Melamine und Amine –, die in so großen Mengen importiert werden, dass sie mit heimischer Produktion nicht ersetzt werden können, schon gar nicht kurzfristig. Der VCI geht davon aus, dass diese Chemikalien nicht nur teurer werden, sondern im Zweifel auch knapp.
Die Lieferketten allerdings sind komplex, einzelne Wertschöpfungsketten sehr unterschiedlich betroffen. Deutliche Auswirkungen – mit möglicherweise positiven Folgen für deutsche Unternehmen – zeigen sich beispielhaft auf dem Markt für Butadien. Weiterverarbeitet zu Synthesekautschuk landet es in Reifen, Förderbändern und Dichtungen. Die Produktion hängt nach Darstellung des VCI am Output der Steamcracker – milliardenteure Basisanlagen zur Herstellung wichtiger Grundchemikalien.
Vor allem in China, Korea und Singapur ist deren Auslastung engpassbedingt gefallen. Folge: Butadien ist schon heute knapp und teuer. Sowohl BASF als auch Evonik produzieren Butadien in Deutschland und Europa – und zählen damit zu den Gewinnern. Ganz so einfach ist die Ausweitung der Produktion aber offenkundig nicht. Viele Unternehmen verfügen nach einer Umfrage des VCI prinzipiell über freie oder aktivierbare Kapazitäten bei bestimmten Chemikalien.
Das Hochfahren der Anlagen sei technisch auch kurzfristig möglich, werde in der Praxis aber begrenzt: durch fehlende Rohstoffe, fehlendes Personal und regulatorische Hürden. Eine flächendeckende Produktionsverlagerung nach Deutschland gebe es deshalb nicht.
