
Anfang Juli stand Polens Ministerpräsident Donald Tusk in der Kleinstadt Kleczew östlich von Posen (Poznań) mit stolzem Blick auf einer Wiese. Hinter ihm reihten sich Solarpanels fast bis zum Horizont. „Von hier aus fließt Strom, der für rund 100.000 Haushalte ausreicht“, erklärte Tusk. Dank seiner Regierung sei die Anlage in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt worden, und zwar „auf fast 500.000 Panels auf einer Fläche von 400 Hektar“. Es ist heute Polens größte Photovoltaikanlage, die der Staatskonzern Orlen errichtet hat und betreibt. Zusammen mit zahlreichen Windrädern entstand hier ein kombinierter Solar- und Windpark, der die Energieerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen stabiler und effizienter machen soll.
Für das bis vor zehn Jahren noch zu 90 Prozent von Kohlestrom abhängige Land ist das ein weiterer bemerkenswerter Schritt. Zwar dominiert die Kohle nach wie vor wie in keinem anderen Land Europas die Stromerzeugung, doch ist ihr Anteil Anfang dieses Jahres auf 52 Prozent gesunken, wie eine Statistik der Fraunhofer-Gesellschaft zeigt. Ersetzt wurde und wird sie teils durch Gas, das heute rund 13 Prozent ausmacht, vor allem aber durch erneuerbare Energien, die inzwischen 30 Prozent des Stroms in Polen liefern. Damit hat sich der Anteil erneuerbarer Energien an Polens Stromerzeugung seit 2021 mehr als verdoppelt, wobei der größte Anstieg bis 2023 registriert wurde, als noch die nationalkonservative PiS regierte.
Künftige Generationen sind gefährdet
Das sieht inzwischen auch eine Mehrheit der bisher skeptischen polnischen Bevölkerung so. 69 Prozent der Polen halten heute wegen des Klimawandels die Lebensbedingungen künftiger Generationen für gefährdet. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage („European Survey 2026“) der Eon-Stiftung hervor, die seit Jahren die Menschen in elf europäischen Ländern zur Energiewende befragt.
Zwar liegt der polnische Wert unter dem EU-Durchschnitt (75 Prozent) und deutlich niedriger als etwa in Spanien (90) oder Frankreich (85). Doch ist 2026 erstmals in Polen eine mehrheitliche Akzeptanz der EU-Klimaziele und eine Abkehr vom Isolationismus festzustellen: Während heute 63 Prozent das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 mittragen, sank die Zahl der Befürworter eines Ausstiegs aus internationalen Klimaabkommen auf 46 Prozent.
Alarmsignal für Europas Klimapolitik
Die Autoren werten das als klares Signal der Bereitschaft zur europäischen Einbettung der Energiepolitik, das jedoch unter dem klaren Vorbehalt der Versorgungssicherheit steht. So sank das Vertrauen in eine stabile und bezahlbare Energieversorgung abermals auf nun 52 Prozent. Zwar sehen fast drei Viertel der Polen, und damit mehr als im europäischen Durchschnitt, die Energiewende als wichtigen Beitrag zur langfristigen Wohlstandssicherung. Doch lehnen 56 Prozent eine damit einhergehende Kohlendioxidabgabe strikt ab, so viele wie nirgendwo in Europa. „Das ist ein Alarmsignal für die europäische Klimapolitik“, schreiben die Autoren.
Zugleich sorgten sich 61 Prozent der Polen nicht vor finanzieller Überlastung durch Klimaschutz, im Gegenteil: Mehr als jeder Zweite wäre sogar bereit, hier Mehrkosten zu akzeptieren, allerdings abermals unter der strikten Voraussetzung einer garantiert sicheren Versorgung. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Haltung der Polen zur Energiewende zunehmend pragmatisch wird“, sagt Andrzej Modzelewski, Geschäftsführer von Eon Polen und der Eon-Stiftung Polen. „Sie unterstützen die grundsätzliche Richtung, erwarten jedoch Sicherheit und Kontrolle über die Kosten.“ Dies sehe er als Signal dafür, dass die Energiewende „sicher, vorhersehbar und nah an den Menschen“ gestaltet werden müsse.
Kein Bock auf E-Mobilität
Letzteres zeigt sich etwa im Ausbau von Radwegen, den 63 Prozent der Polen und damit deutlich mehr als im EU-Durchschnitt als konkrete Klimaschutzmaßnahme befürworten. Auch ist die Akzeptanz von Solarparks (53 Prozent) und Windkraftanlagen (47) im Wohnumfeld gestiegen. Dass das Flächenland Polen mit lediglich fünf Prozent Zustimmung zugleich am unteren Ende der Befürworter der Elektromobilität in Europa liegt, erkläre sich mit den Kosten, schreiben die Autoren. „Grüne Technologien werden dort angenommen, wo sie die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit nicht einschränken.“
Ziel der derzeitigen polnischen Regierung ist es, den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix bis 2040 auf rund zwei Drittel zu steigern. Zudem plant das Land, bis spätestens 2049 komplett aus der Kohleverstromung auszusteigen; bis 2024 soll ihr Anteil auf elf Prozent sinken. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, plant Polen zudem, zwei große Kernkraftwerke mit insgesamt sechs Blöcken zu errichten. Das erste davon soll Mitte der Dreißigerjahre an der Ostsee, das zweite Anfang der Vierzigerjahre in Zentralpolen in Betrieb gehen. Zusammen sollen sie mindestens 15 Prozent und bei Vollausbau bis zu 40 Prozent des Stroms liefern.
Die Akzeptanz der Kernkraft zählt der Eon-Umfrage zufolge in Polen neben den Niederlanden, der Tschechischen Republik und Schweden zwar zu den höchsten in Europa. Der Anteil der Befürworter liegt in der Umfrage aber mit 25 Prozent nur noch knapp vor Wind- und Solarenergie, die von 23 und 24 Prozent der Menschen als bevorzugte Energiequelle genannt werden. Die Kohle wiederum sehen nur noch zehn Prozent der Polen als relevant für die künftige Energieerzeugung an.
