
Ansonsten wirkt die Barockstadt an der sonnigen Südseite der Alpen, die hier in die südsteirischen Weinanbaugebiete übergehen, eigentlich recht normal. Mit gut dreihunderttausend Einwohnern ist Graz die zweitgrößte Stadt in Österreich. Die alte Universität zieht Studenten und Wissenschaftler an, und trotz Wirtschaftsflaute und globaler Krisen ist die Stimmung laut einer aktuellen ORF-Umfrage weiterhin positiver als im Rest des Landes. Die KPÖ der Bürgermeisterin liegt in den Umfragen mit über 30 Prozent weit vor der konservativen ÖVP, die auf rund 22 Prozent kommt.
„Haltung zeigen, Hoffnung geben“, das ist ihre Devise
Hört man sich nach den Gründen für diesen Erfolg um, bekommt man meist die gleiche Antwort: Jeder könne zu Bürgermeisterin Kahr kommen, ihre Tür sei für alle offen, im Zweifel kümmere sie sich schnell selbst, fülle ein Formular für die Betroffenen aus und finde eine Lösung. „Am Ende kommt es immer auf den persönlichen Einsatz an“, sagt Kahr selbst in ihrem holzgetäfelten Büro. „Haltung zeigen, Hoffnung geben“, das könne man als ihre Devise bezeichnen.
Tatsächlich war der Wahlsieg der Kommunisten in der eigentlich recht bürgerlichen und lange von der ÖVP dominierten Stadt zwar eine Sensation. Völlig überraschend kam er aber nicht. Schon 1993 war die KPÖ erstmals in den Gemeinderat eingezogen. Durch das Proporzsystem gehörte sie schon seit 1998 der Stadtregierung an. Damals prägte die Parteilegende Ernest Kaltenegger den Politikstil, den Kahr heute weiterführt. Als Wohnungsstadtrat war er vor allem draußen unterwegs und legte im Zweifel selbst Hand an, um ein kaputtes Rohr zu flicken. „Kommunismus kommt ja eigentlich von Gemeinschaft“, sagt Kahr. „Die Leute müssen sehen, dass man für die da ist.“
Kahr folgte 2005 nach, als Kaltenegger in den steirischen Landtag einzog – und sie schaffte es zur Überraschung vieler, die großen Fußstapfen ihres Vorgängers zu füllen. „Bei uns gibt es kein Feuerwerk an Versprechen vor den Wahlen“, beschreibt sie selbst ihren Erfolg. „Aber die Leute kennen uns und wissen, an wem sie sind.“ Das biete ihnen Verlässlichkeit und Orientierung in einer immer komplizierteren Welt.
Ist das schon Sozialismus?
Dass das ausreicht, um eine Stadt zu führen, bezweifeln manche. In der ÖVP hört man zwar anerkennende Worte über Kahr, an deren Beliebtheit bis tief ins bürgerliche Lager niemand zweifelt. Lösungen biete sie allerdings zu wenig: Die Stadtfinanzen seien ein Problem, ebenso fehlende Parkplätze in der Innenstadt und der Leerstand in Geschäften.
Die Volksparteiler klingen fast schon verzweifelt, wenn sie erzählen, welche Konzepte sie erarbeitet hätten, mit privaten Investoren und allem Drum und Dran. Von Kahr hört man hingegen: „Ich brauche keine Studien, ich sehe ja, wie die Dinge sind.“ Sie schwärmt etwa von der neuen Großküche, die künftig 15.000 Portionen an Schulen und Kitas liefern soll. Dazu kommt ihr Einsatz für günstige Mieten und gute Kinderbetreuung.
Aber ist das schon Sozialismus? „Wir sind weiter Marxisten“, sagt Kahr. „Aber die Menschen haben ja nichts davon, wenn wir sie auf eine bessere Welt vertrösten.“ Den Sozialismus in Graz einzuführen, das scheitere schon an „budgetären Grenzen“. Aber: Die KPÖ sei weiterhin eine Weltanschauungspartei, das sei ihr wichtig. „Nur ist Sozialismus für mich vor allem eine Frage der Perspektive, dass man von unten auf die Dinge schaut und das Gemeinwohl im Blick hat.“
Das ist Kahrs Botschaft. Mit anderen Themen vieler Linker kann sie wenig anfangen, etwa der Identitätspolitik: „Es bringt doch nichts, die Leute auseinanderzudividieren. Am Ende sind alle gleich.“ Auch bei der Migration will sie vor allem die Menschen sehen. „Aber ich kann nicht sagen: Die Türen sind alle offen, jeder kann kommen.“ Und reden muss sie genauso mit den Leuten von der FPÖ. „Die sind ja von Menschen gewählt worden, die ihre Gründe hatten, das muss ich anerkennen.“ Alle gleich als Faschisten abzutun, helfe da gar nicht, im Gegenteil.
Tatsächlich zeigte eine Umfrage im Auftrag der „Kleinen Zeitung“ kürzlich erstaunliche Überschneidungen. So gab jeder fünfte Grazer, der bei der Landtagswahl 2024 die FPÖ gewählt hatte, an, dass er auf kommunaler Ebene für Kahr stimmen wolle. Das sei eigentlich nicht verwunderlich, analysierte das Blatt, schließlich pflege FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek im Kern einen ähnlichen Politikstil: Präsenz, Verständlichkeit und Bürgernähe. Auch Kunasek halte sich fern von der Stadtelite, man sehe ihn eher auf Feuerwehrfesten als bei der Grazer Opernredoute. Und radikale Forderungen überlasse er lieber anderen in der Partei.
