
Eine Haushälterin schläft mit dem Sohn ihrer Arbeitgeber, einer „jüdischen Milliardärsfamilie“. Der verrät ihr das Geheimnis, warum in seiner Familie niemand dick ist: Oreganoöl-Kapseln. Das Ganze ist animiert und dauert acht Minuten, ein KI-generierter Werbespot der Firma Resilia. Ein anderes Video: Diesmal schläft der Gärtner mit einer jüdischen Milliardärsehefrau und gelangt an das Knoblauchkapsel-Geheimnis gegen Herzkrankheiten: wieder eine antisemitische Geheimwissensphantasie, aktualisiert mit Kaufbutton.
Judenhasser im Netz wie offline erfinden immer neue Volten, auf Amerikanisch heißt so etwas „whack-a-mole“: Man schaut einen Moment nicht hin, und schon ist da wieder eine neue Variante. Wie das Magazin „Forward“ berichtet, knüpfen die Resilia-Spots wohl an eine Art Trend an. So raten antisemitische Influencer wie Ryan Matta ihren Anhängern neuerdings, im Supermarkt nach Koscher-Siegeln Ausschau zu halten. Denn die angesagte Verschwörungsphantasie lautet: Juden kontrollieren die Lebensmittelindustrie und vergiften Nichtjuden mit „goyslop“, während sie selbst gesund essen. Man wisse ja, wer die Branche im Griff habe, sagt eine Frau in einem mit dem antisemitischen „Juice“-Emoji gespickten Video. Die Lösung dieser „crunchy“, also „Müsli“-Influencer: Essen, was Juden essen.
Ein alter, aktualisierter Wahn
Natürlich sind die Koscher-Zeichen in den USA ungefähr so geheim (und gesundheitsbewusst) wie Coca-Cola, auf deren Deckeln und Dosen sie ebenfalls zu finden sind. Koscher-Siegel stehen auf zahllosen alltäglichen Produkten. Hersteller lassen Lebensmittel zertifizieren, damit Menschen, die Speisegesetze beachten, sie kaufen können.
Die Wortschöpfung „goyslop“ – die sich aus dem hebräischen Wort für Nichtjuden und dem englischen Begriff für Fraß zusammensetzt – und die Phantasie, Juden würden die restliche Bevölkerung mit industriellem Billigessen mästen, gedeiht in einer alternativen Gesundheitsszene, in der Misstrauen gegen die Schulmedizin, gegen Impfungen und die Lebensmittelindustrie mit Verschwörungsdenken, Antisemitismus und Rassismus verschmilzt. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. benutzt Ausdrücke wie „goyslop“ zwar nicht, hat wissenschaftlich haltlosen Vorstellungen aber noch mehr gesellschaftliche Reichweite verschafft.
Die Verbindung von Gesundheitswahn, Reinheitsphantasie und Antisemitismus hat bekanntlich auch in Deutschland eine lange Geschichte. Teile von Lebensreform und Naturheilkunde waren früh mit völkischem Denken verbunden.
Auch heute liegt das Problem nicht allein bei den Rechten. Leute aus der Popkultur wie der Youtuber Kareem Rahma und „Strokes“-Frontmann Julian Casablancas, die kürzlich in einem „Subway Takes“-Video „Zionisten“ vorhielten, sich als Opfer zu inszenieren, verhelfen dem Antisemitismus zu gesellschaftlicher Akzeptanz. Nun also „goyslop“: eine neu-alte Müsli-Variante des Judenhasses, die vor allem dessen Zähigkeit illustriert. Seine alten Motive verschwinden nicht. Der Antisemitismus oder besser seine Verbreiter passen sich nur immer neu an.
