
Windpocken und Gürtelrose sind ansteckende Erkrankungen, beide zeichnen sich durch juckende Hautbläschen aus, beide werden von Varizella-Zoster-Viren ausgelöst. Da diese Viren sich sehr leicht über die Luft verbreiten, bekommen ungeimpfte Menschen die Erkrankung meist bereits in jungen Jahren. Doch das bedeutet nicht, dass sie ein Leben lang geschützt sind: Denn das Immunsystem kann die Viren in der Regel nicht vollständig eliminieren, sie können also im Körper überdauern und Jahrzehnte später wieder ausbrechen. Wer also als Kind Windpocken hatte, kann als Erwachsener wegen dieser schlummernden Erreger an Gürtelrose erkranken.
Windpocken sind eine unangenehme Erkrankung, die Betroffenen bekommen häufig Fieber und nässende, stark juckende Bläschen auf der Haut. Werden sie aufgekratzt oder platzen sie, können Narben entstehen.
Auch die Gürtelrose ist sehr unangenehm. Patienten beklagen oft sehr starke einseitige und häufig lang anhaltende Nervenschmerzen. Typisch sind zudem kleinere Bläschen auf der Haut, die häufig am Rücken auftreten oder sich wie ein Gürtel um den Körper ziehen.
Seit Anfang des Jahrtausends gehört die Impfung gegen die Windpocken zum Standard der Kinderimpfungen, in Deutschland ist das seit dem Jahr 2004 der Fall. Seit 2006 kann hierzulande zudem auch gegen Gürtelrose geimpft werden. Heute wird gegen Gürtelrose meist der Totimpfstoff Shingrix (Glaxo Smith Kline) eingesetzt, bevor dieses Vakzin auf den Markt kam, war der abgeschwächte Lebendimpfstoff Zostavax (Merck) Standard.
Natürliche Experimente – deutliche Hinweise
Da einige Länder innerhalb kurzer Zeit von Zostavax auf Shingrix umstellten, hatten Wissenschaftler die einmalige Gelegenheit zu prüfen, ob sich in echten Impfpopulationen die Schutzwirkungen beider Vakzine unterscheiden. So konnte auch überprüft werden, ob etwas dran ist, dass Shingrix nicht nur vor Gürtelrose, sondern auch vor Demenz und Herzerkrankungen schützt – eine häufig aufgestellte Vermutung.
Der Schutz vor Demenz ist für Shingrix mittlerweile ziemlich gut durch große Studien in Wales, Australien und Kanada belegt. Die Theorie ist, dass die in den Nervenzellen „schlafenden“ Zoster-Viren vom Immunsystem weiterhin unterdrückt werden, wenn es durch die Gürtelroseimpfung zuvor gegen sie „scharf gemacht“ wurde. Erwachsenen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Impfung auch deshalb ab 60 Jahren. Den Studien zufolge haben gegen Gürtelrose geimpfte Menschen ein um 20 Prozent niedrigeres Risiko, innerhalb von sieben Jahren eine Demenz zu entwickeln.
Im Fachjournal „Nature Medicine“ haben Forscher um Maxime Taquet von der Universität Oxford nun Daten zum Schutz von Shingrix vor Herzerkrankungen publiziert. Sie hatten dazu die Gesundheitsdaten von mehr als 70.000 Menschen analysiert, manche von ihnen waren mit Shingrix, andere mit Zostavax gegen die Zoster-Viren geimpft worden.
Demnach haben Menschen, die im Alter Shingrix erhalten hatten, ein geringeres Risiko für koronare Herzerkrankungen und Herzschwäche als die, die mit Zostavax immunisiert wurden. In den Beobachtungsstudien wurde gezeigt, dass das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung um bis zu 25 Prozent niedriger war als bei ungeimpften Menschen. Im Vergleich zur Zostavax-Impfung waren es immerhin noch zwölf Prozent.
Der Schutzmechanismus ist nicht geklärt: Möglicherweise werden die bei Gürtelrose häufig auftretenden Entzündungsreaktionen verhindert, was wiederum die Gefäßwände schützt. Es könnte zusätzlich sein, dass durch die Immunreaktion in den Gefäßen selbstschützende molekulare Mechanismen in Gang kommen. Die Wissenschaftler schreiben, dass es sich angesichts der beobachteten Schutzwirkung lohnen würde, die genauen Ursachen zu erforschen.
