Sommer – das ist Radtour und Picknick, Grillen und Fußball, Cocktail und Liegestuhl, Freibad und (Capri-)Sonne. Sommer bedeutet lange Tage unter blauem Himmel und laue Nächte auf der Terrasse. Im Sommer weitet sich die Welt, sei es durch Ausflüge in die reifende Natur oder Reisen in den sonnenverwöhnten Süden.
All dies sind Dinge und Vorstellungen, die Menschen in Deutschland typischerweise mit dem Sommer verbinden. Kein Wunder also, dass die wärmste Jahreszeit hierzulande auch die beliebteste ist. Etwa jeder zweite Deutsche nennt den Sommer in Umfragen seine Lieblingsjahreszeit. Mit solchen Werten kann allenfalls der Frühling mithalten, der von 30 Prozent an die Spitze gestellt wird. Wer dagegen Herbst oder Winter am höchsten schätzt, muss bislang als Außenseiter gelten, als hoffnungsloser Stubenhocker, der mit den Freiheiten des guten Wetters schlicht nichts anzufangen weiß.
Bald bis zu 70 Hitzetage in Stuttgart
Die Frage ist freilich, ob sich das nicht gerade ändert. Wer die Hitzewelle erlebt, die Deutschland pünktlich zum kalendarischen Sommeranfang erfasst hat, wird den Sommer jedenfalls kaum noch mit munteren Freizeitaktivitäten verbinden. Stattdessen: Unwohlsein bis hin zu Sterbefällen, Dauerschwitzen, schlechter Schlaf und der Drang, so viel Zeit wie möglich in Innenräumen zu verbringen, zumindest, solange sie kühl oder klimatisiert sind.
Nach allem, was man hört und liest, ist das erst der Anfang. In den Fünfzigerjahren gab es in Deutschland durchschnittlich drei „heiße Tage“ im Jahr, also Tage, an denen die Temperaturen die 30-Grad-Grenze erreichen. In den vergangenen zehn Jahren dagegen waren es durchschnittlich schon zwölf. Bei einer Erderwärmung um 2,6 Grad – derzeit ein realistisches Szenario – würde sich der Wert in den nächsten Jahrzehnten abermals verdoppeln. In einer südwestlichen Großstadt wie Stuttgart müsste man Mitte des Jahrhunderts sogar mit bis zu 70 Hitzetage rechnen.

Das dürfte unser Verhältnis zum Sommer grundsätzlich verändern. Viel spricht dafür, dass die warme Jahreszeit ihren bisher guten Leumund vor allem den Freiheitsgefühlen verdankt, die sie traditionell weckt. Aktivitäten, die sonst nur drinnen möglich sind, können nun überall stattfinden. Das eigene Zuhause umfasst für einige Monate auch Balkon, Garten oder Bürgersteig, und das bis tief in die Nacht.
Doch während warme Temperaturen, zumal in Verbindung mit langen Tagen, den Lebensradius grundsätzlich erweitern, wird dieser durch Hitze erheblich eingeschränkt. Wer möchte bei 35 Grad schon Fußballspielen, Laufengehen oder im Park ein Buch lesen? Wenn man sich im Freien aufhält, flieht man von einem schattigen Ort zum nächsten. Vor allem aber sieht man sich mehr denn je auf die eigenen vier Wände zurückgeworfen, die überdies möglichst abgedunkelt und von der Außenwelt abgeschnitten sein sollten. Das erinnert dann eher an den Winter, freilich ohne dessen behagliche Konnotationen zu wecken: Denn während es eine gewisse Freude bereitet, sich nach einem Winterspaziergang zu Hause aufzuwärmen, ist das Abschwitzen einfach nur lästig.
Auch in Bezug auf Kleidung und Körper raubt die Hitze die Freiheit, welche die Wärme gibt. Wer genießt es nicht, im Sommer, statt mehrere wärmende Schichten möglichst gut abgestimmt übereinanderzuziehen, nur Schuhe sowie Ober- und Unterteil zu benötigen, um nach draußen zu treten (für manche braucht es offenbar nicht einmal das). Bei tropischen Temperaturen jedoch kann die Kleidung noch so leicht sein – sie fühlt sich immer zu schwer an. Der Mensch wird zum Gefangenen im eigenen, schwitzenden Körper.
Der Sommer wird zum Symbol des Niedergangs
Ein Blick in andere Länder zeigt, dass eine solcher Wahrnehmungswandel auch die Kräfteverhältnisse zwischen den Jahreszeiten verschieben könnte. Denn der Sommer ist keineswegs überall die beliebteste Jahreszeit, auch nicht in der nördlichen Hemisphäre, wo er für die wärmsten Temperaturen sorgt. In den USA, wo die Sommermonate schon jetzt deutlich heißer und schwüler sind als bei uns, mag jeder Zweite den Herbst am liebsten. Südeuropäer verbinden den Sommer längst vor allem mit Wassermangel, Waldbränden und Übertourismus. Letzteres Problem dürfte sich durch den Klimawandel vielleicht erledigen, aber sonst ist mit einer weiteren Verschlimmerung zu rechnen.
Nicht unwahrscheinlich also, dass wir den Sommer schon bald nicht mehr jubelnd begrüßen, sondern ihm mit Bangen begegnen werden. Das dürfte Folgen haben für die Künste. In zahllosen Werken sind Vorstellungen von Freiheit und Leichtigkeit mit Bildern des Sommers verwoben. Sommerfilme handeln vom Ausbruch meist junger Menschen aus den Konventionen. Sommerhits besingen die Reise „ab in den Süden“, die Tage am Strand, die erotisch aufgeladene Atmosphäre. In Shakespeares berühmten 18. Sonett übertrifft nur der schöne Jüngling die Vollkommenheit eines Sommertags.
Doch wer wird seinem Geliebten in Zukunft noch einen ewigen Sommer versprechen, wenn dieser für Notstand und Unbehagen steht? Ein „Sommernachtstraum“ dürfte künftige Generationen eher an die Phantasien eines sich schwitzend hin und her Wälzenden denken lassen. Käme es zur Neuauflage eines Filmklassikers wie „Call me by your name“, so könnten die Protagonisten ihr Ferienhaus realistischerweise kaum verlassen oder würden gleich erst Ende September anreisen. Van Goghs goldene Weizenfelder wären in fünfzig Jahren vermutlich verdorrt.

Stattdessen dürften Assoziationen in den Vordergrund treten, die bislang eher mit dem Sommer an fernen Orten verbunden waren: Gedanken von Überfülle und Vergänglichkeit, von Trägheit und Niedergang. Dafür, dass Camus’ Fremder von sengender Hitze und gleißendem Sonnenlicht zur Tat getrieben wurde, werden spätere Generationen womöglich ein größeres Verständnis aufbringen. Thomas-Mann-Leser werden sich weniger mit Hanno Buddenbrook identifizieren, der die Sommerfrische in Travemünde genießt, sondern sich eher in Gustav von Aschenbach spiegeln, der unter der Schwüle in Venedig leidet und der Pest erliegt, die sich darin ausbreitet.
Was aber tritt an die Stelle des Sommers, wer übernimmt seine Funktion als Katalysator der dolce vita? Der Frühling wäre ein naheliegender Kandidat, steht er doch jetzt schon in der Gunst der Deutschen an zweiter Stelle, in der Gunst der Dichter sogar häufig an erster. Auch der Herbst könnte – siehe Amerika – eine Aufwertung erfahren. Der Winter hingegen leidet darunter, dass sein am meisten geschätztes Merkmal, der Schnee, durch den Klimawandel noch seltener zu sehen sein wird. Anders als die angenehmen warmen Temperaturen wird sich der Schnee auch nicht einfach in andere Jahreszeiten verschieben lassen. Da hat es der Sommer noch vergleichsweise gut: Er verliert seine Stärken nicht, sondern gibt sie weiter.
