Frau Hartmann, an diesem Mittwoch beginnt die Buchmesse, und Sie sind zum ersten Mal dort: Wie zieht man sich auf der Buchmesse an, worauf kommt es an?
Als introvertierte Person brauche ich für solche Großevents natürlich einen guten PR-Plan. Ich hab mir überlegt, dass ich einen komischen Hut trage. Dann bleibe ich im Gedächtnis, selbst wenn ich gar nicht viel sage oder nur kurz vorbeihusche. Die Gespräche stelle ich mir dann so vor: „Hast du Ilona Hartmann gesehen?“ –„Nein, muss man die kennen?“ –„Das war die mit dem komischen Hut.“ –„Ach so! Ja, klar. Alle schwärmen ja von ihrem neuen Buch.“ Bitte Daumen drücken, dass das klappt!
Die Daumen sind gedrückt! Wir treffen uns in einem wunderschönen Gartencafé. Sie mögen Orchideen. Warum ausgerechnet Orchideen?
Ich habe beschlossen: Ich steigere mich jetzt in zwei, drei Sachen extrem rein, und das sind jetzt meine Hobbys. Orchideen haben mir immer schon gefallen, deswegen bin ich in dieses „Rabbit Hole“ hinabgestiegen.
Und die anderen zwei Sachen?
Japanisch lernen und Hefeteig. Ich dachte mir: Jetzt habe ich meine drei Schäfchen, das sind jetzt meine Sachen. Am Handy sein ist nämlich kein Hobby. Man braucht zwischendurch etwas Echtes für den Kopf und für die Hände. Alles davon bedient alles.
Sie sagten in dem Podcast „Dorfkrug“, Sie seien „sensorisch überstimuliert, aber geistig unterfordert“. War das Schreiben ein Ventil dafür?
Ja! Ich glaube, dieser eine Satz ist die Essenz vom Buchschreiben. Ich habe davor schon sehr lange über dieses Gefühl des Overloads nachgedacht. Das kenne ich aus fast jedem Lebensbereich. Den Weg da raus muss man sich manchmal einfach selber schaufeln. Dank dieser Erkenntnis habe ich angefangen, mir aktiv Hobbys zu suchen. Es klingt zwar etwas mechanisch, wenn ich sage: Ich habe mich entschieden, mich dafür zu interessieren, aber manchmal funktioniert das genau so.
Sie sind auf Instagram und Bluesky, schreiben journalistisch, haben eine eigene Radiosendung und haben nun Ihr drittes Buch geschrieben, „Junk“. Und Sie sind so etwas wie eine Mode-Influencerin. Wie sieht eine ideale Schreibsituation aus? Braucht es gemütliche Kleidung?
Ich habe wenige Buchseiten in einem sauberen T-Shirt geschrieben. Vielleicht keine einzige. Auch allein sein ist sehr wichtig. Die besten Schreiborte sind Hotels. Hauptsache, ein möglichst steriler Ort, an dem mir nichts gehört und an dem ich nichts machen muss. Wo einen nichts ablenken kann und man extrem eingeschränkte Möglichkeiten hat, sich abzulenken. Also Zeug: Die Abwesenheit davon ist sehr viel wert.
Apropos Zeug. Was ist der Unterschied zwischen Müll und Junk?
Junk ist die noch nicht zu Müll gewordene Masse. Das ganze Gerödel, das man zu Hause hat, das vielleicht Müll ist, aber vielleicht auch nicht: Das ist Junk, weil man es noch nicht entschieden hat. Etwas wird erst dann zu Müll, wenn ich mich dazu entscheide: Das kann jetzt weg! Völlig egal, ob etwas neu ist oder gebraucht.

Warum haben Sie darüber geschrieben?
Die einzige Art und Weise, wie wir über Zeug sprechen, ist in einem Minimalismus-, Marie-Kondo-, Optimier-Dein-Leben-Modus. Wenn man sieht, wie viele „Vintage Hauls“ es gibt, wie viele Aufräumvideos von Leuten, „Cleaning Tiktok“ war eine Zeit lang ein riesiges Ding, dann sieht man, wie groß das Thema ist. Dahinter steckt ein langer Prozess von Logistik, Verwaltung, Aufräumen, Reinigung, Wiederverkaufen, Flohmarkt, Ausmisten. Das ist insgesamt einfach viel, und es hört nicht auf. Ich habe mich gefragt, ob es einen Weg zu einer Menge Zeug gibt, die so stimmig ist, dass sie Frieden bringt, und nicht noch mehr Aufgaben. In „Junk“ wollte ich eine Person begleiten, die einen Haufen Müll hat, wenig Zeit, wenig Lust und es trotzdem irgendwie schaffen will und muss.
Im Minimalismus-Diskurs steckt auch eine Klassen-Problematik: Menschen, die früher wenig hatten, schmeißen weniger weg und umgekehrt.
Zeug zum Wegwerfen zu haben, ist ein Privileg. Ausmisten zu können auch. Wir denken, das Zeug, das wir haben, würde uns belasten. Überhaupt den Platz, das Geld und die Zeit zu haben, so viel anzuhäufen, ist jedoch ein riesiger Luxus.
In Ihrem Buch stehen viele Listen. So listen Sie zehn verschiedene Verben als Synonyme auf. Welche Funktion haben Listen für Sie?
Ich liebe Listen! Alles muss auf die Liste. Natürlich habe ich drei Trillionen Listen im Handy, die hake ich aber nicht konsequent ab. Dort zu priorisieren finde ich schwierig. Aber eine richtig zornige handgeschriebene Liste mit einem super Stift auf einem richtig dicken Briefumschlag, der unsauber aufgerissen ist: Das ist es für mich. Ich mag an Listen auch, dass sie total dicht sind. Manchmal sind sie auch poetisch, denn sie erzählen so viel Alltag und sehr viel echtes Leben. Wenn ich jetzt eine Liste von vor zehn Jahren finden würde, wüsste ich anhand von fünf Punkten, die da draufstehen, wie mein Tag aussah. Es ist faszinierend, wie gut diese Verdichtung funktioniert.
Wie steht es ums Sortieren?
Für mich bedeutet Ordnung, eine Kabelkiste zu haben, in der wirklich jedes einzelne Kabel ganz ordentlich aufgerollt ist. Meine perfekte Ordnung: Ich will es nicht sehen, aber ich will, dass es dahinter ordentlich ist. Manche wollen alles offen, aber sortiert haben. Oder, so bin ich: ein großer Schrank, alles rein, aber drinnen Ordnung. Man darf es nur nicht sehen.

Wie sortieren Sie Ihre Bücher?
Ich sortiere meine Bücher vor allem nach Vibe.
Sie haben auch über Outfits gesprochen, denn Sie teilen online viele Inhalte zu Mode, Outfits, Fit Checks …
Sie haben mal gesagt, dass Menschen je nach dem Outfit des Gegenübers erwarten, dass man zum Beispiel eine laute Person ist. Spielen Sie gern damit, wie Sie nach außen wirken?
Ich habe das damals ein PR-Problem mit meinem Outfit genannt. Während des Barbie-Sommers war „hot pink“ überall, das hat mir total gut gefallen. Damals habe ich gern Farben getragen. Ich hatte nur das Gefühl, dass Leute auf der Straße oft die schillernde Person auswählen, wenn sie jemanden nach dem Weg fragen. Ich wurde häufig rausgefischt, einfach weil ich auffällig war. Da ich eigentlich introvertiert bin, war das eher unangenehm. Am allerliebsten habe ich meine Ruhe. Auch draußen. Ich habe immer Kopfhörer drin. Und ich habe bei jedem Wetter eine Sonnenbrille auf, weil die mein Sehfeld angenehm verkleinert.
Ein bisschen Distanz ist manchmal ganz gut.
Genau, das hat angenehme Effekte auf meine Wahrnehmung. Die bunte Hose war ein interessanter Ausflug in die Welt einer extrovertierten Person. Das finde ich an Kleidung generell spannend: Man sieht einem Menschen an, wer er ist. Ich mag es, wenn Leute sich super eigenwillig anziehen. Bei kleinen Kindern, die sich selber anziehen, sieht man das gut. Die sind noch nicht so algorithmisch verdorben.
Dadurch, dass alle online die gleichen Trends mitbekommen, gleichen wir uns immer mehr an.
Wir erleben gerade die letzten Generationen älterer Menschen, die noch nicht durch die sozialen Medien geprägt sind, sondern ihre Inspiration und ihr Stilwissen noch woanders herhaben. Die ihren eigenen Geschmack noch in einer Zeit gezüchtet haben, in der es noch andere Ressourcen dafür gab, zum Beispiel Magazine oder Filme. Doch selbst wenn die Generation nicht mehr da ist, gibt es die Filme oder die alten Magazine ja immer noch. Dann muss man einfach ein bisschen mehr Archivarbeit betreiben. Und vielleicht auch mal die Großeltern fragen: Wer war früher dein Stilvorbild?

In „Junk“ findet die Protagonistin im Keller, den sie ausmistet, eine Fotokiste. Ihre Schwester wird als Archivarin der Familiengeschichte beschrieben. Welche Rolle spielen diese Archive, im Buch und im Leben?
Wenn ich ein Objekt aufbewahre, das eine Erinnerung festhält, ist diese ausgelagert. Ich muss mich nicht ständig daran erinnern. Wir bewahren Dinge auf, um uns zu entlasten. Es wird irgendwann nur ein Mengenproblem. Man muss sich dann entscheiden: Brauche ich den Anker noch, oder habe ich es längst gespeichert? Im Buch gibt es einen Satz, in dem die Protagonistin ihren Keller als „Museum der nicht getroffenen Entscheidungen“ bezeichnet. Das Einzige, was sie tun muss, und das ist sehr schwer, so schwer, dass sie teilweise Hilfe von außen bekommt: sich mit diesen Entscheidungen auseinanderzusetzen.
Auf Instagram sprechen Sie oft über die Onlineplattform Vinted. Das passt gut zum Thema Ausmisten.
Ich habe ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Vinted. Ich liebe natürlich, dass der Algorithmus immer besser wird, wenn man wirklich alles likt, was einem gefällt, und sich tief in die Sache eingräbt. Dann kommen natürlich lauter tolle Sachen raus. Aber leider muss man dafür sehr viel Zeit auf der Plattform verbringen. Man denkt die ganze Zeit: Das gibt’s nur hier, es hat schon 98 Likes, es ist seit vier Minuten online! Wenn ich das jetzt nicht kaufe, ist es für immer weg. Das ist natürlich perfide.
Das ist ein Effekt von Social Media: Man ist am Ende nur noch Augen und Daumen. Der restliche Körper ist ausgeschaltet, er findet nicht mehr statt. Ich bin nicht so kulturpessimistisch, dass ich sagen würde, Handys seien das Schlimmste. Aber es braucht eine Balance. Mein Weg da raus ist, mich wieder bewusst in den Körper zurückzuführen. Das geht super in der Natur. Es geht am einfachsten über Atmung oder über jede Art von Körpertechnik: Tai-Chi und Qigong etwa. Dadurch komme ich wieder in einen einfachen Zustand. Nämlich Sein, nur Sein. Wenn ich merke, ich bin sensorisch überstimuliert und geistig unterfordert, habe ich jetzt einen Werkzeugkasten voller Dinge, um das in ein besseres Verhältnis zu bringen.
Sie haben vor Kurzem in einem Bluesky-Post geschrieben: „Es gibt immer auch die Option, dass alles extrem geil wird.“ Sind Sie Optimistin?
Ich bin Optimistin auf dem zweiten Bildungsweg. Ich versuche, positiv zu denken, auch wenn intuitiv meistens das Gegenteil der Fall ist.
