
Der britische Sport- und Bekleidungskonzern Frasers Group lässt Hugo Boss seinen gewachsenen Einfluss spüren. In einer Mitteilung an die Londoner Börse teilte der Mehrheitsaktionär am Dienstag mit, dass er prüfen wolle, ob man Stephan Sturm als Chef des Aufsichtsrats des baden-württembergischen Modeunternehmens noch weiter unterstütze. Zudem erklärte die Frasers Group, dass sie ihren Anteil an Hugo Boss ausbauen werde, um eine Beteiligung von mehr als 50 Prozent des Grundkapitals und der Stimmrechte von Hugo Boss zu erlangen. Gerade erst hatte der britische Konzern seine Anteile durch ein freiwilliges Übernahmeangebot von 26,06 Prozent auf nun 47,89 Prozent gesteigert.
Hugo Boss beendete daraufhin ein Aktienrückkaufprogramm, das das Unternehmen mit Sitz in Metzingen erst vor zehn Tagen gestartet hatte. Seit Beginn des Programms hat Hugo Boss im Zeitraum vom 24. August bis einschließlich 1. September eigene Aktien im Wert von 4,8 Millionen Euro zurückgekauft. „Der Stopp des Aktienrückkaufs ist eine Entscheidung, die wir als Reaktion auf die Entscheidung der Frasers Group getroffen haben“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Nähere Hintergründe nannte sie nicht.
Theoretisch könnte der Rückkauf und das Einziehen von Aktien einem Käufer die Übernahme erleichtern, weil bei einer Reduzierung der Anteilsscheine die Beteiligung der Aktionäre am Unternehmen steigt, die nicht verkaufen. Vor diesem Hintergrund wäre das Aussetzen logisch, allerdings ändert der Schritt nichts daran, dass die Frasers Group bei Hugo Boss sowieso schon die Macht hat: Weil bei Hauptversammlungen nie alle Aktionäre anwesend sind, reichen knapp 48 Prozent der Stimmrechte in der Regel aus, um die maßgeblichen Entscheidungen in ihrem Sinne zu treffen.
Was hat die Frasers Group mit Hugo Boss vor?
Im Juni hatte die Frasers-Gruppe in einem freiwilligen Übernahmeangebot allen Aktionären 38 Euro je Aktie in bar angeboten. Hugo Boss hatte seinen Aktionären allerdings geraten, das Angebot nicht anzunehmen, weil die Offerte „den Wert und das zukünftige Wertschöpfungspotential“ des Unternehmens nicht angemessen widerspiegelt. Mit den Aktien, die die Anteilseigner an Frasers verkauften, und Optionen auf weitere Aktienpakete kam Frasers Mitte August auf eine Beteiligung von knapp 48 Prozent.
Unklar ist, was der britische Konzern mit dem baden-württembergischen Traditionsunternehmen vorhat, dazu hat sich Frasers-Group-Chef Michael Murray, der seit Mai 2025 auch im Aufsichtsrat von Hugo Boss sitzt, nicht näher geäußert. Verwirrung gibt es auch um die Frage, wer Hugo Boss künftig führen wird. Die Londoner Zeitung „The Times“ hatte im Juli erstmals spekuliert, dass die Frasers Group ihren eigenen Chef Murray an die Spitze von Boss setzen wolle.
Wie die F.A.Z. aus Unternehmenskreisen erfuhr, ist das aber nicht geplant. Noch Mitte August habe die Frasers-Führung einen solchen Schritt abgelehnt. Der 36 Jahre alte Murray ist Schwiegersohn von Konzerngründer Mike Ashley. Nach einer steilen Karriere innerhalb der Frasers Group übernahm er dort 2022 den Chefposten. Das Unternehmen kommentierte die Führungsfrage nicht. „Vorstandschef Daniel Grieder ist im Amt, sein Vertrag läuft noch bis Ende 2028“, sagte eine Sprecherin lediglich.
Die Spannungen zwischen England und Metzingen nehmen zu
Die Spannungen zwischen dem englischen Anteilseigner und dem Unternehmen in Metzingen dauern aber schon mehrere Monate an. Auch wenn sich die Frasers Group bei der Veröffentlichung des Übernahmeangebots grundsätzlich zu der Strategie von Vorstandschef Grieder und Aufsichtsratschef Sturm bekannt hat, kamen aus England immer wieder Forderungen und Kritik, die die Frasers Group öffentlich adressierte. So bemängelte der Konzern vor gut einem Jahr die Dividendenpolitik von Hugo Boss und forderte, dass das Modeunternehmen keine Dividenden ausschütten und die gehaltenen eigenen Aktien einziehen sollte. Im Dezember 2025 hatte die Frasers Group schon einmal erklärt, Aufsichtsratschef Sturm nicht weiter unterstützen zu wollen.
Hugo Boss steckt mitten in einer strategischen Neuausrichtung. Der Bekleidungshersteller hatte Ende vergangenen Jahres angekündigt, das Sortiment und den Vertrieb in den nächsten drei Jahren grundlegend umbauen zu wollen. Die neue Strategie mit dem Namen „Claim 5 Touchdown“ soll unter anderem die Effizienz verbessern. Wegen des Strategiewechsels und der andauernden Konsumflaute hat Hugo Boss zuletzt schlechte Zahlen vorgelegt: Der Umsatz sank um zehn Prozent auf 905 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (Ebit) brach um 28 Prozent auf 59 Millionen Euro ein, übertraf damit allerdings die noch geringeren Markterwartungen von durchschnittlich 52 Millionen Euro.
Der neue Hauptaktionär von Hugo Boss ist dagegen nicht nur in Deutschland, sondern auch in England auf Expansionskurs. Vor Kurzem kaufte Frasers die Luxuseinzelhandelskette Harvey Nichols für 40 Millionen Pfund. Im Juli wurde bekannt, dass Frasers mittels Optionen eine Position von gut vier Prozent am traditionsreichen Modeunternehmen Burberry aufgebaut hat. Zudem hat Ashleys Konzern versucht, die große australische Schuhgeschäftskette Accent, zu der The Athlete’s Foot gehört, komplett zu übernehmen.
Frasers-Gründer Mike Ashley stammt aus einfachen Verhältnissen. Der heutige Milliardär begann 1982 mit der Eröffnung eines einzelnen Sportartikelgeschäfts in Maidenhead nahe London und schuf daraus die Ladenkette Sports Direct. Mit aggressiven Übernahmen hat Ashley seitdem den landesweit und dann international tätigen Sportwaren- und Modekonzern Frasers aufgebaut, der global mehr als 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im vergangenen Geschäftsjahr (bis April 2026) machte Frasers bei 5,3 Milliarden Pfund (6,2 Milliarden Euro) Umsatz gut eine halbe Milliarde Pfund Gewinn.
