Kurz nach 19 Uhr kanarischer Zeit am Montagabend war die Hondius auf dem Weg nach Rotterdam. Das hatte die spanische Regierung den besorgten Menschen auf den Kanaren versprochen. Viele von ihnen wollten das Kreuzfahrtschiff, auf dem das Hantavirus ausgebrochen war, nicht in ihren Gewässern haben – allen voran der regionale Regierungschef. Am Montag ging die bizarre Debatte über die Langschwanz-Zwergreisratte weiter, die Fernando Clavijo vom Zaun gebrochen hatte.
Gestützt auf eine KI-Recherche, wollte der kanarische Regionalpräsident am Sonntagmorgen in letzter Minute verhindern, dass das Schiff mit mehr als 140 Menschen an Bord im Industriehafen von Granadilla vor Anker geht: Infizierte Landratten aus Südamerika könnten sich ins Meer stürzen und an die Mole schwimmen und das Virus in Spanien einschleppen, warnte Clavijo. Das spanische Gesundheitsministerium und mehrere Wissenschaftler wiesen diese Theorie zurück; an Bord waren auch keine Nagetiere gefunden worden. Am Montag klagte Clavijo darüber, dass ihn die Regierung „lächerlich gemacht“ habe.
„Mission erfüllt“, sagte die spanische Gesundheitsministerin Mónica García sichtlich erleichtert, als die Hondius in der Ferne verschwand. Am Ende konnte die spanische Regierung aber doch nicht ganz Wort halten. Das Schiff sollte eigentlich keinen kanarischen Boden berühren und ankerte deshalb im Hafenbecken. Doch ausgerechnet, als die letzten Passagiere und Besatzungsmitglieder die Barkassen an Land besteigen sollten, frischte der Wind auf und das Meer wurde unruhig: Um rechtzeitig aufzubrechen, musste die Hondius kurz am Kai anlegen.
Nach 40 Tagen auf See verließen 125 Personen das Schiff
Am Abend hatten insgesamt 125 Passagiere und Besatzungsmitglieder nach mehr als 40 Tagen auf See das Schiff verlassen. Am Sonntag bestiegen schon 94 Personen am nahe gelegenen Flughafen Teneriffa Süd sieben Sonderflüge. Am Montagabend hoben dann die letzten beiden Maschinen nach Eindhoven ab. Das erste Flugzeug war für 21 Besatzungsmitglieder, die meisten von ihnen Philippiner; sie werden in den Niederlanden in Quarantäne gehen. Nachdem ein Sonderflug aus Australien nicht rechtzeitig eingetroffen war, sollte ein zweites Flugzeug auch vier Australier, einen Briten, der in Australien lebt, sowie einen Neuseeländer zunächst in die Niederlande fliegen.
Der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, rechtfertigte am Abend noch einmal die Rückholaktion auf Teneriffa, mit der man nicht habe warten können. Er erwähnte das Beispiel der schwer erkrankten infizierten Französin, die seit Sonntagabend in Paris in der Intensivstation liegt. An Bord hätte sie nicht versorgt werden können. Ein zurückgekehrter amerikanischer Passagier war auch positiv getestet worden, zeigt aber bisher keine Symptome.
Besatzung wird in fünf Tagen in Rotterdam erwartet
Die Hondius bringen nun 27 Besatzungsmitglieder binnen fünf Tagen nach Rotterdam, wo das Schiff desinfiziert wird. An Bord ist auch der Leichnam der auf See verstorbenen Deutschen; zuvor war schon ein niederländisches Ehepaar gestorben. Der Reiseveranstalter wirbt auf seiner Website für eine Island-Kreuzfahrt am 29. Mai – mit größeren Rabatten.
In Spanien sparte die Regierung nicht mit Eigenlob. Die Welt blicke auf Spanien, sagte Ministerpräsident Pedro Sánchez, dessen Regierung zuvor wegen schlechter Kommunikation und zu viel Improvisation kritisiert worden war. „Es macht stolz, Spanier zu sein, denn Spanien hält immer sein Wort. Es hält seine Versprechen“, sagte der Regierungschef. Anerkennung kam aber auch vom UN-Generalsekretär, der EU-Kommissionspräsidentin und sogar vom Papst. Er dankte für die „Gastfreundschaft, die das Volk der Kanarischen Inseln auszeichnet“, sagte Leo XIV., der im Juni auf den Kanaren erwartet wird.
Für die Rückkehrer beginnt eine lange Quarantäne, die jedoch unterschiedlich gehandhabt wird. Die WHO empfiehlt für alle Menschen auf der Hondius 42 Tage. In Madrid wurde sie (gerechnet vom 6. Mai an) sofort für die 14 Spanier angeordnet, die in einem Militärkrankenhaus in der Hauptstadt isoliert sind.
Vier deutsche Passagiere in Frankfurter Universitätsklinik untersucht
Die vier deutschen Passagiere des Kreuzfahrtschiffs Hondius, die in der Nacht auf Montag nach Frankfurt gebracht worden sind, zeigen keine Hinweise auf eine Infektion mit dem Hantavirus. Sie waren vorübergehend ins Universitätsklinikum gebracht worden. „Den Personen geht es gut“, sagte Timo Wolf, Leiter der Sonderisolierstation für hochpathogene Infektionserreger. Die vier Personen sind medizinisch untersucht worden, konnten die Frankfurter Uniklinik aber bereits am Montag wieder verlassen, wie deren Sprecher bestätigte. Sie wurden in ihre Heimatbundesländer verlegt und dort in die Obhut der jeweiligen Gesundheitsbehörden zur weiteren Betreuung und medizinischen Überwachung übergeben. In der Universitätsklinik in Düsseldorf ist seit Mittwoch die Begleiterin der auf dem Schiff verstorbenen Deutschen in Quarantäne.
Auf der Rückfahrt aus Südamerika hatten Kapitän und Reederei die Infektionsgefahr anfangs nicht hoch eingeschätzt. Auf einem Video, das ein türkischer Reiseblogger verbreitete, sagte der Kapitän am 12. April, ein Niederländer sei in der Nacht zuvor eines „natürlichen Todes“ gestorben und „nicht ansteckend“ gewesen. Es wird vermutet, dass er und möglicherweise auch seine später verstorbene Ehefrau sich schon vor der Abreise in Feuerland mit dem Andes-Stamm angesteckt haben.
Am Montag verbreitete der Kapitän der Hondius eine Videobotschaft, in der er sich bei den Passagieren und der Besatzung bedankte. Was ihn unterwegs am meisten berührt habe, sei „die Geduld, die Disziplin und die Freundlichkeit“ aller Menschen an Bord gewesen – besonders, wie alle zusammengestanden hätten, als keine regulären Rettungskräfte in der Nähe gewesen seien. Jan Dobrogowski lobte seine Besatzung für ihre selbstlose Entschlossenheit und ihren Mut unter schwierigsten Bedingungen. Die drei Verstorbenen trügen alle in ihren Herzen.
Auf dem Weg über den Atlantik legte die Hondius noch auf mehreren Inseln an, auf denen mehr als 30 Passagiere ausstiegen, auch auf der Insel Tristan da Cunha. Dort zeigte am Wochenende ein Passagier Krankheitssymptome. Aus der Gegend von Oxford setzte sich eine einzigartige militärische Mission in das britische Überseegebiet in Marsch. Nach einem Zwischenstopp auf der Insel Ascension und einer Luftbetankung sprangen die Helfer schließlich mit Fallschirmen ab, danach wurde medizinisches Material aus dem Flugzeug abgeworfen. Das Testergebnis lag am Montag noch nicht vor.
