Wenn der Mensch spricht und sich zu lösen versucht, dann stehen ihm verschiedene Sicherheitsmechanismen zur Verfügung. Im Gespräch, zumal mit Fremden, sucht er nach vertrauten Wendungen, die er kennt. Ein weiterer Anker sind die Hände. Wer zuhört, hält sich an sich selbst fest: Fingerspitzen werden aufeinander gepresst, Finger verschränken sich, Daumen kreisen, Hände ringen.
In der Regie von Studio 6 des SWR-Funkhauses in Baden-Baden, einem flurartigen Raum mit Geschirrregalen an der Wand, der für die 15 Menschen, die in ihm arbeiten, viel zu klein ist, folgt man diesen Händen auf zahlreichen Bildausschnitten, aus unterschiedlichen Kamera-Perspektiven. Manche Hände verweilen angestrengt auf dem Schoß, manche fahren sich durchs Gesicht, manche unterdrücken ein Gähnen. Das hier etwas Spektakuläres passiert, danach sieht es nicht aus. Doch die Tatsache, dass 42 sehr unterschiedliche Menschen, die sich nicht kennen und noch nie im Fernsehen waren, in einem Raum sitzen und versuchen, zivilisiert miteinander ins Gespräch zu kommen, kann einen mit etwas gutem Willen staunen lassen.
Nach einer Stunde Gespräch, 15 Minuten Pause. Das ist sportlich.
Es ist der zweite Tag eines Bürgerdialog-Marathons, einer Art Anti-Talkshow-Initiative der ARD, mit dem etwas wonnigen Titel „Was Deutschland verbindet“. Dahinter steckt ein Großprojekt, für das 84 Menschen aus der ganzen Bundesrepublik – sie sollen „symbolisch für 84 Millionen Einwohner in Deutschland“ stehen“ – in zwei Gruppen auf zwei Standorte (Baden-Baden und Leipzig) verteilt wurden, um dann miteinander in einem durch Kameras erweiterten Stuhlkreis zu sprechen. An zwei Tagen hintereinander je eine Stunde zu den Themen Gleichberechtigung, Migration, Demokratie, Meckerkultur und Wandel. Das zumindest sind laut ARD die Themen, die die Teilnehmer in Vorgesprächen am meisten bewegten. Nach einer Stunde Gespräch, 15 Minuten Pause. Das ist sportlich.
Jakob Hein sitzt an diesem Sonntag im Mai, an dem es um die Themen Demokratie, Meckerkultur und Wandel geht, nicht als Moderator im Plenum, sondern als moderater Schrittmacher, „Gesprächsbegleiter. Journalistisch will man sich raushalten. Hein hält sich zurück, sagt allenfalls „Wer möchte den Anfang machen?“ und wird später im Einzelinterview vor der Kamera beschreiben, wie anstrengend das für ihn war. Doch dann reden die Menschen.

Zu Beginn muss Heins Hand denjenigen, die vom tonnenschweren Begriff der Demokratie noch nicht erschlagen sind und sich ans Thema herantasten, mit auf- und zuschnappenden Bewegungen signalisieren: lauter! Doch weil vieles im Ton des Bekenntnisses vorgetragen wird, ist mangelnde Lautstärke bald kein Problem mehr: „Demokratie ist unbequem!“ – „Demokratie ist nicht verhandelbar!“ – „Wenn irgendwann mal die Falschen dran sind, dann muss man sie halt abwählen!“ – „Demokratie muss gelebt werden!“ – „Wir brauchen uns gegenseitig!“ Die Fragen sind leiser: „Ich weiß mittlerweile nicht mehr, für was die SPD steht“ – „Wenn nur die Brandmauer bleibt, was dann?“ – „Warum kommen nicht diejenigen an die Macht, die am meisten Stimmen haben?“
Nun sind die Bekenntnisse zur Demokratie noch kein Dialog, und viele Fragen bleiben unbeantwortet. Auch wirkt die Gruppe recht homogen. Was einige Teilnehmer später bemängeln. Dabei hat die Programmdirektorin des Hessischen Rundfunks, Spiritus Rector und Mutter des Projektes, Nina Pater, im Gespräch betont, wie stark man sich bemüht hat, bei der Auswahl der Teilnehmer einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft zu erlangen. So orientierte man sich bei den Einladungen an den Bevölkerungszahlen der Bundesländer, sodass aus Nordrhein-Westfalen (etwa 18 Millionen Einwohner) mehr Teilnehmer kamen als aus Bremen (586.000 Einwohner). 18 Jahre musste man sein und in Deutschland leben.
Draußen vor der Tür des Studios machen sie Dehnübungen
Berücksichtigt wurden anhand amtlicher Statistiken auch „die Anteile in der Gesamtbevölkerung bei den Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Bundesland, Einwanderungsgeschichte und Nationalität“. Ein Casting im eigentlichen Sinne habe es nicht gegeben, sagt Pater – auch wenn sich die Journalistinnen und Journalisten des HR von einer Casting-Agentur unterstützen ließen. Von zehn Leuten, die man kontaktiert habe, habe etwa einer zugesagt. Das Projekt ist auf vielen Ebenen eine Art Handreichung der ARD in Sachen Glaubwürdigkeit. Denn die musste der öffentlich-rechtliche Rundfunk zuletzt immer stärker unter Beweis stellen. Das heißt auch: Wer kommt ins Fernsehen? Wer wird gesehen?
Das Studio 6 ist leer bis auf die konzentrischen Stuhlkreise, die unter einem matt belichteten weißen Quadrat aufgestellt wurden. Drum herum verrichten etwa zehn Kamerafrauen und -männer sowie Tonassistenten in dunkler Kleidung ihr Werk. Je eine Stunde Schwerstarbeit. Draußen vor der Tür des Studios machen sie Dehnübungen und lockern die Schultern, die unter dem Gewicht des kiloschweren Equipments leiden.

Nina Pater hat Erfahrung mit solchen Dialog-Initiativen. 2024 stellte sie beim HR einen ähnlichen Bürgerdialog auf die Beine: „Weil Hessen mehr verbindet“. Also dort, wo Theodor W. Adorno schon vor gut 70 Jahren in seinem „Gruppenexperiment“ die Verfassung der deutschen Volksseele prüfen wollte. Das Projekt kam so gut an, dass Pater nun anderthalb Jahre Zeit bekam, das Ganze deutschlandweit aufzuziehen. Die kompletten jeweils gut dreistündigen Aufnahmen der zwei Tage sind in der ARD-Mediathek zu finden, ansonsten wird das Material allen Rundfunkanstalten und Formaten der ARD zur Verfügung gestellt: im Ersten, bei funk, bei KiKA, auf Social Media und in ihren Radio- und Fernsehprogrammen sowie in Podcasts und auf Drittplattformen – und das bereitet Pater wohl mit die größten Sorgen. Der Gedanke: Was machen die jetzt mit meinem Baby? Aber auch: Was passiert mit den Menschen, die sich hier gegebenenfalls angreifbar machen? Auch wenn sie nach Projektende Hilfestellung durch die ARD bekommen.
Nun wirkt die Runde im ersten Durchgang allerdings so demokratiefest, dass man sich fragt, ob radikaler verfasstere Geister nicht anwesend sind oder sich nicht trauen? Man habe natürlich darauf achten müssen, heißt es von verantwortlicher Seite, dass sich jeder hier auf dem Boden des Grundgesetzes bewege.
Endlich mal dieses ganze „pubertäre Verhalten ablegen“
Die Bedrohung durch den Krieg findet in den Gesprächen (bis auf Ausnahmen) auffällig wenig Widerhall. Das Problem sei vielmehr, dass man in einer Demokratie ohne Demokraten lebe: „Suchen Sie mal Menschen, die mitmachen wollen! Das sind entweder immer die Gleichen oder die Alten“, sagt ein Teilnehmer. Ein bisschen Jugendschelte („hängt nur vor Tiktok“) lassen sich die Jugendlichen wohl oder übel gefallen; gleichwohl sie die Beharrungsmentalität vieler demokratischer Beteiligungsmöglichkeiten abschrecke.
Und eines fällt noch auf: Ganz anders als in der medialen Berichterstattung geht es viel seltener um die Elefanten im Porzellanladen der Demokratie, die AfD und ihre Spießgesellen. Auch der Bundeskanzler kommt kaum vor. Stattdessen geht es um Grundlegendes: um dem Wunsch nach Transparenz und Aufklärung. Immer in dem Wissen, dass Demokratie etwas fordert. Eine Teilnehmerin Mitte 70 sagt, dass „Demokratie die anstrengendste Form des Zusammenlebens“ sei, dass man sich nicht einfach aus ihr „herauslügen“ könne. Es „gibt nichts umsonst“. Dazu gehöre das „Wissen darum, wie es war“. Man solle endlich mal dieses ganze „pubertäre Verhalten ablegen“ und mit anpacken.

In der Regie sitzen derweil die Verantwortlichen und fiebern mit wie Fußballeltern am Spielfeldrand. Ein unablässiger Strom von Nummern (die einzelnen Kameras) wird durchgesagt, während denkwürdige Wortbeiträge minutiös protokolliert und mit einem Time-Code versehen werden. Es wird überlegt, ob man „nölen“ wohl bundesweit versteht und was der Unterschied zum südlicheren „pienzen“ ist. Die Teilnehmer werden mit Codenamen und Hilfsbezeichnungen bedacht: „Guck, jetzt meldet sich Brandenburg“ – „Ich will, dass der Kleingärtner wieder was sagt!“ Natürlich wird der Dialog hier durch die harte Punchline-Brille des Fernsehens betrachtet. Natürlich fließen Tränen, als alles im Kasten ist.
Und als alles vorbei ist, schwebt der „Hausherr“, wie er sich selbst vorstellt, ein: Kai Gniffke, seit 2019 Intendant des SWR, im schwarzen T-Shirt; bedankt sich und beklagt das „Geschrei“ einer abhandengekommen Gesprächskultur und die „kurze Zündschnur“. Er hat die Diskussionen anscheinend nicht verfolgen können. Nina Paters Sorge, ob man auch die leisen Töne solcher Dialoge abzubilden vermag, ist vielleicht nicht unbegründet – aber eines bietet das Format nicht: eine Bühne für Schreihälse und Talkshow-Konstrukte.
„Ich fühle mich gesehen“, sagt eine junge Teilnehmerin zum Schluss. Eine andere wird später im Zug sagen: Ums Eingemachte sei es erst abseits der Kamera gegangen. Und was bleibt? Er traue sich künftig, sagt einer im Gespräch mit der F.A.Z., wieder offener auf Menschen zuzugehen. „Wenn man weiß, dass die Leute sich bewegen, ist man auch bereit, sich selbst wieder zu bewegen“, sagt er. Frage an eine Dame, wie sie sich auf dieses Projekt vorbereitet hat? Antwort: „70 Lebensjahre sind doch Vorbereitung genug.“ „Ungeduldig“ sei sie manchmal gewesen, erzählt sie. Bestätigt habe sich ein Gefühl, dass sie zeitlebens begleitet, nämlich „dass die Menschen mitmachen wollen“.
Ein Wort, das immer wieder fällt, ist „aushalten“. Es ist, wenn man auf die Gespräche der beiden Tage blickt, ein substanzieller Bestandteil davon, wie Demokratie in Deutschland wahrgenommen wird. Mensch und Meinung aushalten. Das zeigt sich hier vor und hinter der Kamera. Das darf einem ruhig Mut machen. Und: Das kann man sich ruhig einmal ansehen.
Was Deutschland verbindet, ist zu sehen in der ARD-Mediathek, in „Dialog vor Acht“, montags bis freitags um 19.45 Uhr im Ersten, einer Dokumentation (am 1. Juni im Ersten), „hart aber fair“ am 1. Juni und in etlichen Magazinen und auf den Social-Media-Kanälen der ARD.
