Das Meer hält die „Odyssee“ zusammen. Noch mehr als die „Ilias“, in der sich die 1186 Schiffe, von denen Homer im Schiffskatalog des zweiten Gesangs spricht, über die Ägäis hinweg auf den Weg der Rache machen, gegen Troja und die gestörte Ordnung von Gastfreundschaft und Ehebund.
Die Heimkehr über die See gestaltet sich schwierig für Odysseus, den listigen Helden, der auf die Idee mit dem Trojanischen Pferd kam, die zur Eroberung und Zerstörung der belagerten Stadt führte. Als alles vorbei ist, führt seine Irrfahrt von Insel zu Insel.
Wem er dort an Land begegnet, ist wichtig, was auf dem Wasser geschieht, ist es auch, vom Gesang der Sirenen über die gefährliche Durchfahrt zwischen Skylla und Charybdis bis zur Meer-Poesie, die das Epos durchzieht. Die See ist in Homers Epos Segen und Fluch zugleich, der Beginn und das Ende des Abenteuers, ein offener Weg überallhin und ein Hort größter Gefahren, zu kreuzen nur mithilfe harter körperlicher Arbeit und des Beistands der Götter.

Zum Glück kommt das Meer auch in Christopher Nolans „Odyssee“ vor, die in einer Strandszene sogar das hölzerne Pferd mit der See verknüpft, was die alten Griechen mit Beifall bedacht hätten. Denn Poseidon, der Bruder des Zeus, herrschte über das offene Wasser ebenso wie über die Pferde, zwei Gewalten, die den Menschen tragen, aber auch abschütteln können.
Viele Vorwürfe sind Nolans Filmerfolg vor seiner Uraufführung gemacht worden. Nach den dümmlichen Einwänden Elon Musks gegen die Besetzung der Helena mit Lupita Nyong’o sind die fundierten Anmerkungen derer, die ihren Homer wirklich gelesen haben, immerhin einen Gedanken wert. Sie bemängeln, dem Film fehle der Witz. Vom listigen, geistreichen Odysseus des Epos ist bei Nolan vor lauter Bedeutsamkeit in der Tat fast nichts zu sehen. Matt Damon legt bei ihm bedrückte amerikanische Rechenschaft zu seiner Rolle im Troja-Konflikt ab.
Jenseits von Odysseus und der Kriegsschuldfrage mag es denen, die derzeit zum ersten Mal durch die „Odyssee“ navigieren, von Nutzen sein, dass man ein bisschen von ihr ganz problemlos in der eigenen Stadt haben kann. Zumindest, wenn man in Frankfurt wohnt. Man muss dazu nur über den Eisernen Steg gehen.
„Pleon epi oinopa ponton ep allothroous anthropous“, liest man in griechischen Lettern über dem Pfeilerpaar, wenn man von der Innenstadt Richtung Sachsenhausen geht: „Segeln über weindunkle Meere zu Menschen fremder Zunge“. So kann man sich vorstellen, dass man die geraubte Helena in Sachsenhausen befreit. Oder zu Penelope heimkehrt. Das Kunstwerk ist jedenfalls so trickreich, wie Nolans Odysseus es vor lauter bescheidener amerikanischer Männlichkeit nur selten sein darf. Und für den Frankfurter Kinofan ohne Flugticket in die griechischen Sommerferien ist es eine kleine Odysseus-List.
