
Der österreichische Motorradhersteller KTM sieht sich mit schwerwiegenden Vorwürfen zu möglichen Tricksereien bei Geländemotorrädern konfrontiert. Das hat unmittelbare Kapitalmarktauswirkungen: Die Aktie der indischen Muttergesellschaft Bajaj Mobility verlor am Mittwoch zeitweilig mehr als sieben Prozent. Auslöser sind Medienberichte, wonach KTM und sein Händlernetz Enduro-Modelle in einer Konfiguration in den Verkehr bringen, die zwar formell straßenzulassungsfähig ist, aber faktisch nicht dem beabsichtigten Einsatz entspreche – und anschließend häufig in einen leistungsstärkeren, für den Straßenverkehr unzulässigen Zustand umgebaut werde. Enduro-Motorräder sind geländegängige Maschinen mit Straßenzulassung. In der EU erfordert diese Zulassung Abgas- und Geräuschgrenzwerte sowie Leistungsbeschränkungen, die typgeprüft werden.
Nach Recherchen unter anderem von ZDF, „Le Monde“, „Der Spiegel“ und „El País“ verkaufen Händler Fahrzeuge in gedrosselter Form, bieten aber parallel den Umbau auf volle Leistung für den Offroad- und Wettbewerbseinsatz an. Nutzer sollen die Drosselung häufig wieder entfernen; Forenbeiträge deuten auf Rückbauten vor Werkstattterminen hin.
Untersuchungen der Czech University of Life Sciences in Prag zeigen demnach, dass eine entdrosselte KTM 300 EXC TPI die für die Straßenzulassung geltenden Abgas- und Lärmgrenzwerte um ein Vielfaches überschreitet. Peter Mock vom Umweltverband ICCT vergleicht die CO₂-Emissionen der entdrosselten Variante pointiert mit denen einer alten Diesellokomotive. Der Feinstaubausstoß liege deutlich über Pkw-Niveaus.
KTM weist Vorwurf zurück
KTM, ein führender Anbieter in Europa, weist den Vorwurf zurück, illegale Motorräder in den Verkehr zu bringen. Man liefere ausschließlich konforme Fahrzeuge aus und verweist darauf, dass Enduro-Modelle primär Sportgeräte seien, die in einem straßenzulassungsfähigen Zustand ausgeliefert werden – auch weil dies laut Weltverband FIM Voraussetzung für die Teilnahme an offiziellen Wettbewerben sei. Umbauten für Wettbewerbs- und Geländeeinsatz seien auf ausdrücklichen Kundenwunsch möglich. Käufer würden darauf hingewiesen, dass mit dem Umbau die Straßenzulassung erlischt und das Fahrzeug nicht mehr im öffentlichen Straßenverkehr genutzt werden darf. Die Verantwortung für illegale Nutzung liege beim Kunden. KTM deutet zudem an, dass es sich nicht um eine herstellerspezifische Praxis handelt.
Ein vom ORF zitierter Verkäufer erklärt, die gedrosselte Version sei praktisch nicht sinnvoll zu fahren; der Händler biete deshalb den Umbau an, teils mit Umrüstsätzen vom Hersteller. Auf dem Papier bleibe die Maschine gedrosselt, tatsächlich verfüge sie über volle Leistung – die Zulassung als Straßenfahrzeug wäre damit unzulässig. Die Recherche, koordiniert von der Whistleblower-Organisation Climate Whistleblowers, bezieht Händler in sieben weiteren europäischen Ländern ein. Die Darstellung: Kunden nähmen umgebaute Offroad-Motorräder mit falschen Zulassungspapieren im illegalen Zustand mit nach Hause. Für Fahrer drohen hohe Verwaltungsstrafen, Führerscheinentzug bis hin zu strafrechtlichen Konsequenzen, etwa wegen Versicherungsbetrugs. Händler könnten sich strafbar machen, wenn sie nicht klar auf das Erlöschen der Straßenzulassung hinweisen.
Kraftfahrt-Bundesamt ermittelt
Das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat Ermittlungen eingeleitet. Werden Vorschriftenabweichungen festgestellt, könnten Maßnahmen gegen beteiligte Wirtschaftsakteure folgen – bis hin zu Verkaufsverboten, Rückrufen, Bußgeldern oder verschärfter Marktüberwachung. Juristisch im Raum stehen drei Ebenen: erstens die Typgenehmigungskonformität des Auslieferungszustands, zweitens die Marktaufsicht über Händlerpraktiken, drittens wettbewerbsrechtliche Fragen, falls ein Anbieter durch faktisch illegale Nutzungsvorteile Wettbewerbsvorteile erlangt. Der auf Klimaklagen spezialisierte Anwalt Remo Klinger spricht von grober Rechtswidrigkeit und illegaler Manipulation – eine Sicht, die KTM entschieden zurückweist.
Konkrete Zahlen zu den betroffenen Motorrädern werden in den Berichten keine genannt. In Deutschland sind nach dem Kraftfahrt-Bundesamt rund 234.000 Motorräder von KTM und anderen Marken der Gruppe zugelassen. In Österreich sind es nach Angaben der Statistik Austria rund 11.000 Enduros von KTM, Husqvarna und Gasgas. Der Kursrutsch bei Bajaj Mobility signalisiert, dass Investoren mit erhöhten Rechts-, Compliance- und Reputationsrisiken rechnen. Neben potentiellen Bußgeldern und Rechtskosten wären temporäre Vertriebseinschränkungen denkbar, sollte die Marktaufsicht strukturelle Missstände feststellen.
Der Fall rückt die heikle Schnittstelle zwischen Sport- und Straßeneinsatz in den Mittelpunkt. Anders als bei manipulativer Serienabstimmung geht es um die Frage, wie trennscharf Hersteller und Händler legale Straßenversionen von Wettbewerbs-Set-ups abgrenzen – und ob diese Trennung in der Praxis gewahrt bleibt. KTM bemüht sich, Verantwortung und Konformität im Auslieferungszustand zu betonen. Ob das genügt, hängt nun von den Feststellungen der Marktaufsicht ab. Bis dahin bleibt der Druck auf den Hersteller – und auf den Kurs der Muttergesellschaft – hoch.
