Die schnellen Richtungswechsel, um sich von der Gegenspielerin abzusetzen, die kleinen Schritte, um sich für die Ballannahme in Position zu bringen – darauf, sagt Annika Wein, seien Sportprothesen eigentlich gar nicht ausgerichtet, was sie aber nicht vom Hockeyspielen abhält. „Ich habe meinen eigenen, individuellen Weg gefunden“, sagt die Siebzehnjährige mit Blick auf ihre Rolle als Stürmerin des 1. Hanauer THC.
Eine Rolle, die sie auf dem Kunstrasen viel Energie kostet, aber ihr noch mehr Freude bringt. Die sie auch mit Prothese teilhaben lässt an dem Sport, den sie ausübt, seitdem sie fünf Jahre alt ist. Und die ihr über manch dunklen Moment hinweggeholfen hat, als sie mit elf Jahren die Diagnose Knochenkrebs erhielt und ihr das rechte Bein oberhalb des Knies amputiert werden musste.
Einen „eigenen, individuellen Weg“ hat sie mit ihrer Familie auch gefunden im Umgang mit der Krankheit und der Behinderung. „Wir sind von Anfang an offen damit umgegangen, das fanden wir am einfachsten. Wir haben nichts versucht zu verstecken“, erzählt Wein. Weder die Diagnose noch die Chemotherapien, die Lungenoperationen, weil der Krebs gestreut hatte, und auch nicht das amputierte Bein.
DMK steht für „Du musst kämpfen“
Annika Wein wird am Samstag in Darmstadt mit dem diesjährigen DMK-Preis ausgezeichnet. DMK steht für „Du musst kämpfen“ und geht zurück auf das Motto des berühmt gewordenen Fußball-Fans Jonathan Heimes. Der hatte zu seinen Lebzeiten unter anderem die Profis des SV Darmstadt 98 angespornt, und auch nach seinem Tod ist er noch präsent mit seiner außergewöhnlichen Geschichte. Heimes war einst in seiner Altersklasse einer der besten Tennisspieler Hessens, ehe mit 14 Jahren bei ihm ein Gehirntumor festgestellt wurde.

Der DMK-Preis ehrt Persönlichkeiten, die mutig für ihre Ziele kämpfen, trotz Rückschlägen nicht aufgeben und sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Auch Wein bemüht sich, behinderte und nicht behinderte Menschen zusammenzubringen, Hemmschwellen abzubauen. Beispielsweise mit einem inklusiven Hockey- und Tennistag, den sie im vorigen Jahr beim Hanauer THC initiiert hat.
„Ich hatte das Glück, schon vor der Krankheit fest verwurzelt gewesen zu sein im Verein. Aber im Breitensport gibt es noch zu wenige Angebote – viele wissen nicht, wo sie mit Sport anfangen können oder wohin sie sich wenden können“, so Wein. Es geht ihr mit ihrem Beispiel darum, dass Zugänge zum Sport möglich sind, auch wenn diese auf den ersten Blick unmöglich erscheinen.
Wein, die drei kleine, ebenfalls Hockey spielende Schwestern hat, engagiert sich auch mehrmals in der Woche als Ko-Trainerin der Hanauer U-12-Mädchenmannschaft. Sie unterstützt damit jenen Trainer, der ihr damals geholfen hat, den Traum, weiter Hockey spielen zu können, zu verwirklichen. Im kommenden Frühjahr wird sie hierzulande auch im Kino zu sehen sein. Wein spielt eine Hauptrolle in dem Film „Hey, ich bin der kleine Tod“.
Jean-Paul Danneberg: „Sie ist für mich eine große Inspiration“
Bei der zum zwölften Mal ausgetragenen DMK-Tennis-Trophy auf der Anlage von TEC Darmstadt treten am Samstag einige Prominente – unter anderen die früheren Tennisspieler Karsten Braasch und Rainer Schüttler, die früheren Fußballspieler Renate Lingor und Sebastian Rode, der frühere Turner Philipp Boy oder auch „Lilien“-Trainer Florian Kohfeldt – gegen spendenwillige Amateure an. Die Erlöse gehen an Projekte zur Hilfe von krebs- und sterbenskranken Kindern.
Wenn am Abend (19.30 Uhr) die Preisverleihung stattfindet, wird der frischgebackene Hockey-Weltmeister Jean-Paul Danneberg, dessen Heimatverein der TEC ist, die Laudatio auf Wein halten. „Es spricht für Annis besonderen Charakter, wie sie mit ihrem Schicksalsschlag umgeht. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, dass es im Sport längst nicht nur um Titel und Medaillen geht, sondern Zusammenhalt und Freundschaften das noch größere Ziel sind. Anni ist für mich eine große Inspiration“, sagte Danneberg zur F.A.Z.
„Ich kann mich nicht beklagen“
Das Hockeyspielen, die gemeinsame Zeit mit langjährigen Freundinnen im Team – das auch nach den Operationen und mit Prothese erleben zu können, war eine der größten Motivationen für Wein. „Auch als ich 2022 eine Palliativdiagnose bekam.“ Die Prognose also, dass sie mit ihrer Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben habe. Seitdem sei es jedoch langsam, aber stetig besser geworden.
„Ich kann mich nicht beklagen“, sagt die Schülerin wenige Stunden nachdem sie ihre erste Leistungskurs-Klausur geschrieben hat. Und doch spricht sie auch von einem „ungewissen Warten“. Das Warten auf Nachrichten ihres Körpers, ob die täglichen Tabletten zur Immuntherapie wirken. Ob die Osteosarkome, seltene, bösartige Knochentumore, Ruhe geben.
Allein kämpfen gegen die Krankheit, das tut Annika Wein schon lange. Gemeinsam kämpfen mit den Teamkolleginnen auf dem Kunstrasen, darauf möchte sie nicht verzichten. „Auch bei 35 Grad in die Zweikämpfe zu gehen oder dem schier aussichtslosen Ball nachzulaufen, dafür ist es wert, weiterzumachen und nicht aufzugeben“, sagt sie.
Vor den Sommerferien hat Wein ihr erstes Spiel im Erwachsenenhockey absolviert, für die zweite Damen-Mannschaft, in der Oberliga. Sie ist schon weite Wege gegangen – und mit ihrer Sportprothese scheut sie auch die kleinen, schnellen Bewegungen nicht.
