
Es muss eine heiße Nacht für den Hobbymeteorologen gewesen sein. Am frühen Freitagmorgen sitzt er in seiner mit Malerfarbe besprenkelten Arbeitshose in der Regionalbahn 68 von Heidelberg nach Frankfurt. Sein Handy hält er für eine Sprachnotiz nah vor seinen Mund: „Habe wenig geschlafen, aber dafür schlecht“, sagte er. Jetzt müsse er dennoch „schaffen“ – „obwohl die Sonne ballert“. Da ist es gerade mal 8.32 Uhr. Doch die Wetter-App zeigt schon 23 Grad. Die zweite Hitzewelle des Jahres hat Deutschland erreicht.
Ein paar Stunden später meldet der Deutsche Wetterdienst (DWD) vielerorts bis zu 38 Grad. Das Hoch „Gorgias“ schiebt sich derweil mehr und mehr aus dem Südwesten Europas nach Mitteleuropa. Dort setzt es sich auch in den kommenden Tagen über Deutschland fest. Unter der 30-Grad-Marke bleibe vorerst nur der äußerste Norden, heißt es auf der Website des DWD. Doch sogenannte Tropennächte stehen wohl auch dort bald an. Dabei fällt die Temperatur auch nachts nicht mehr unter 20 Grad. Die Meteorologen sprechen von einer „starken, im Westen gebietsweise auch extremen Wärmebelastung“. Vorsicht sei geboten.
Und doch ist die Hitze gerade nicht das einzige Wetterphänomen. Sebastian Schappert vom DWD sagt am Freitag, insbesondere „bezüglich Starkregen und Hagel“ bestehe eine erhöhte Unwettergefahr. In kurzer Zeit könne auch am Freitag schon „eine halbe Monatssumme oder mehr“ Niederschlag fallen. Und in Südbaden und Schwaben seien Sturmböen „nicht ausgeschlossen“. Schon am Freitagmorgen kam es auf der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Bremen zu Unwetterschäden. Für Pendler zog sich dort der Weg in Schule und Arbeit. Im Nahverkehr kam es dem lokalen Zugbetreiber Metronom zufolge zu „massiven Verspätungen“ und Ausfällen. Nach dem Unwetter herrschte auch dort laut DWD schnell wieder „extreme Hitze“ – insbesondere in dicht bebautem Stadtgebiet.
Die Temperaturen „nach Möglichkeit komplett vermeiden“
Wer kann, solle die Temperaturen aber „nach Möglichkeit komplett vermeiden“, schreibt der DWD. Es sei wichtig, ausreichend Wasser zu trinken. Bei Kreislaufbeschwerden hülfen auch elektrolythaltige Getränke. Ansonsten gelte es, die Innenräume der Wohnung kühl zu halten. Also: Die Jalousien der Wohnung frühmorgens herunterlassen. Oder: gleich nach dem Aufstehen lüften.
Ein Rehkitz im hessischen Aßlar gab auf solche Tipps wenig. Vermutlich auf der Suche nach Abkühlung, war es am Donnerstagabend in einem Garten in einen Swimmingpool gesprungen. Die Feuerwehr sei angerückt und habe das Tier geborgen, wie es auf der Website der Retter heißt. Das Kitz soll daraufhin gleich zurück in den kühlen Wald gelaufen sein.
„Extreme Hitze kann genauso tödlich sein wie extreme Kälte“, warnte die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, am Freitag im Redaktionsnetzwerk Deutschland. Am Samstag werden laut Wetterdienst auch in Ostdeutschland Hitzewarnungen der Stufe 2 möglich. Für Sonntag würden teilweise bis zu 39 Grad erwartet.
Und doch finden sich Gründe, am Wochenende aus der Wohnung zu gehen. Bei Helene Fischers „360-Grad-Stadiontour“ verschob der Veranstalter die Einlasszeiten im Frankfurter Waldstadion um anderthalb Stunden. Für die mehr als 60.000 Besucher des Southside-Festivals in Baden-Württemberg soll es auf dem Gelände zusätzliche Wasserspender geben. Laut DWD werden dort die heißesten Tage des Jahres erwartet.
Gerade für Alte, Kinder und Kranke ist die Hitze gefährlich. Die Zentrale Notaufnahme am Uniklinikum Cottbus hat sich bereits auf vermehrte Einsätze vorbereitet, teilte die Medizinische Universität Lausitz der Deutschen Presse-Agentur mit. Vielerorts stockten auch Pflegehäuser ihr Personal für die Hitzeperiode auf.
Kliniken müssten weiter „mit Verschattung, Ventilatoren und Kühlakkus improvisieren“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, in der „Rheinischen Post“: „In den kommenden heißen Tagen werden viele Patientinnen und Patienten, aber auch Klinikbeschäftigte spüren, welche Folgen die chronische Unterfinanzierung der Krankenhäuser hat.“ Und Hitzetage kommen noch genug.
