Aufgebracht legt sich der Bürgerrat für Frankfurt ins Zeug. Zu seinem „lebhaften Bedauern“ hat er zur Kenntnis nehmen müssen, Wiesbaden solle Hauptstadt des neu entstandenen Staates Groß-Hessen werden, nicht also Frankfurt. Der Rat formuliert eine geharnischte Protestnote. „Keinerlei Hinweises“ darauf bedürfe es, dass Frankfurt als größte Stadt Groß-Hessens ein Sechstel der Bevölkerung des Landes umfasse. Der Schwerpunkt des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens liege hier. Auch die verkehrspolitische und finanzielle Bedeutung der Stadt prädestiniere sie, Hauptstadt des neuen Landes Groß-Hessen zu sein.
Allgemein „in hessischen Landen“ hatte die Bevölkerung nach Überzeugung des Bürgerrates „mit Bestimmtheit“ erwartet, die Regierung des neuen Staates werde in Frankfurt angesiedelt. Zudem, gibt er schließlich nachdrücklich zu bedenken, residiere das Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsarmee in Frankfurt im IG-Farben-Gebäude am Grüneburgpark. Gleichwohl – es bleibt bei Wiesbaden, einst herzoglich-nassauische Residenzstadt, im Krieg deutlich weniger zerstört als Frankfurt.
Aus „Groß-Hessen“ wurde „Hessen“
Groß-Hessen. Das war eine Kreation der Amerikaner, die dem Land diesen Namen gaben. General Dwight D. Eisenhower hatte am 19. September 1945 mit der Proklamation Nummer 2 „An das deutsche Volk in der amerikanischen Zone“ die Bildung dieses Staatsgefüges angeordnet. Als Ministerpräsidenten setzte die Militärregierung am 14. Oktober den parteilosen Rechtswissenschaftler Karl Geiler ein. Zuvor hatte sie unmissverständlich wissen lassen: „Mit Wirkung vom 12. Oktober 1945, 12 Uhr, wird die Gründung der zivilen Landesregierung für Großhessen mit Sitz in Wiesbaden verkündet.“

Das „Grundgesetz“ des Staates Groß-Hessen vom 22. November 1945 verzeichnete die Einzelheiten. Demnach sollte das Land „ein Glied im künftigen demokratischen Deutschland“ bilden. Das Staatsgebiet umfasste, so festgelegt in Artikel 2, die ehemaligen preußischen Provinzen Kurhessen (Kassel) und Nassau (1866 nach dem Sieg über Österreich in der Schlacht von Königgrätz von Preußen annektiert), zudem das Gebiet des einstigen „Volksstaats Hessen“, bis 1918 (Ausrufung der deutschen Republik am 9. November durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann nach dem Ersten Weltkrieg) Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Die in der französischen Besatzungszone westlich des Rheins liegenden Gebietsteile Nassaus und des Volksstaats gehörten nicht zu Groß-Hessen. Gut ein Jahr später, mit der Volksabstimmung am 1. Dezember 1946 über die Verfassung, vor achtzig Jahren also nunmehr, erhielt das Land den Namen „Hessen“. Groß-Hessen war Vergangenheit. Die Militärregierung hatte zugestimmt.
Ein materielles und geistiges Trümmerfeld
Demokratischer Neubeginn auf dem fürchterlichen, unerträglichen geistig-moralischen Trümmerfeld deutscher Geschichte nach den zwölf Jahren Nazidiktatur. Die Amerikaner legten formal den Grundstein für eine neue politische Selbstverantwortung. „Die Bildung von demokratischen Parteien ist der deutschen Bevölkerung jetzt gestattet.“ Die Bekanntmachung vom 2. September 1945 regelte das Verfahren. Bei der Militärregierung musste ein Antrag gestellt werden. Mit dessen Genehmigung erhielten die betreffenden Parteien die Möglichkeit, Versammlungen mit öffentlicher Aussprache abzuhalten. Drei Tage später eröffnete in Frankfurt Oberbürgermeister Kurt Blaum die erste Sitzung eines von ihm berufenen Bürgerrats. Mit seinen 28 Mitgliedern sollte dieser zwischen Stadtverwaltung und Bevölkerung ein Bindeglied bilden, Parteien zugleich erste Möglichkeiten bieten, sich politisch zu engagieren.
Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ersuchte als erste von vier Parteien um ihre Zulassung. Die fünf Antragsteller hoben hervor, Antifaschisten zu sein und wegen ihres politischen Engagements im Gefängnis gesessen zu haben. Als Voraussetzung für die Gründung eines „wahrhaft demokratischen Deutschlands“ nannten sie die „Ausrottung von Nazismus, Militarismus und Imperialismus“. Anfang Oktober präsentierte die Partei sich in der Aula der Universität erstmals öffentlich. Den Zusammenschluss aller Antifaschisten formulierte sie dabei als wichtigstes Ziel. Zudem propagierte sie eine „Einheitsfront“ mit der SPD, die einige Tage nach der KPD einen Antrag zur Neugründung der Partei gestellt hatte.
Neugründung der Parteien
Diese Bemühungen gingen jedoch nicht über allgemeine Bekundungen, beim Wiederaufbau eines demokratischen Staates zusammenarbeiten zu wollen, hinaus. Wenige Wochen später schon artikulierte die KPD in Kundgebungen ihre Enttäuschung darüber, dass die Einheitsfront der beiden Arbeiterparteien kaum Chancen auf Realisierung habe. Zwar gab es noch Forderungen, Einheitslisten zu den bevorstehenden Gemeindewahlen zu erstellen, um im Wahlkampf Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien zu verhindern. Doch Ende November bereitete die SPD diesen Politspielereien abrupt ein Ende. Auf einer Generalversammlung bekundete sie zwar, der Neuaufbau Deutschlands erfordere die Zusammenfassung „aller aufbauwilligen und -fähigen Kreise“. Sie erteilte jedoch zugleich den kommunistischen Annäherungsversuchen eine Absage: „Die Sozialdemokratische Partei wird selbständig und selbstverantwortlich ihre großen politischen Ziele verfolgen und zu verwirklichen suchen.“

Auf Resten ihrer einstigen Organisationen aus der Zeit der Weimarer Republik konnten diese beiden Parteien aufbauen. Mit der Christlich-Demokratischen Partei (CDP) und der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) traten nun aber zwei neue politische Formationen an, wenn auch Vorläufern aus Weimarer Zeiten nahestehend. So wies die CDP in ihrem Antrag an die Militärregierung am 20. September darauf hin, eine Vereinigung des katholischen Zentrums und der Demokratischen Partei zu bilden und auch um Stimmen „von früher unpolitischen Katholiken und von Anhängern Martin Niemöllers“, des evangelischen Theologen, werben zu wollen. Ihre Ziele manifestierte die neue Partei in den „Frankfurter Leitsätzen“, mit denen sie die „christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte zur Sammlung, zur Mitarbeit und zum Aufbau einer neuen Heimat“ aufrief.
„Die freie und verantwortliche Persönlichkeit“
Im Sinne des von ihr geforderten „wirtschaftlichen Sozialismus“ sah die CDP es als unerlässlich an, dass „schon um für alle Zeiten die Staatsgewalt vor illegitimen Einflüssen wirtschaftlicher Machtzusammenballungen zu sichern, die Bodenschätze in Gemeineigentum übergehen“. In einem Aufruf vom November 1945 stand die Forderung zu lesen: „Der Bergbau und andere monopolartige Schlüsselunternehmungen unseres Wirtschaftslebens müssen klar der Staatsgewalt unterworfen werden. Insgesamt muss das System planvoller Wirtschaftslenkung mit der abendländischen Idee der freien und verantwortlichen Persönlichkeit ausgefüllt und belebt werden.“
Am 11. November präsentierte sich die Christlich-Demokratische Partei in der Bornheimer „Schauburg“ erstmals mit einer öffentlichen Veranstaltung. Vertreter von Kommunisten und Liberal-Demokraten waren zugegen. Eugen Kogon, Publizist und ehemaliger Häftling im KZ Buchenwald, trat als Redner auf: „Dass das Christliche und das Sozialistische so lange nicht zusammenfand, war ein großes Unglück für Deutschland.“
Aus der CDP wurde die CDU
Zwei Wochen später gab es den Namenswechsel – aus der CDP wurde die CDU. Vertreter aller Organisationen in Groß-Hessen, die als Christlich-Demokratische Partei oder als Christlich-Demokratische Union – so in Darmstadt unter Leitung des Rechtsanwalts Heinrich von Brentano, im Kabinett Adenauer später Bonner Außenminister – gegründet worden waren, trafen sich in Frankfurt, um einen Landesverband zu bilden. Die Teilnehmer verständigten sich einmütig auf den gemeinsamen Namen „Christlich-Demokratische Union“.
Anfang Oktober stellte sich die Liberal-Demokratische Partei mit ihren Ideen in einer öffentlichen Veranstaltung vor. Dabei vertrat sie ihre Position für eine freie und nichtsozialistische Wirtschaft. Programmatisch forderte sie eine völlige Neugestaltung des deutschen Gemeinschaftslebens „durch die Rückkehr zu den christlichen Grundlagen der deutschen Kultur und durch Verwirklichung einer neuen sozialen Gesinnung“.
Auch Gewerkschaften wurden Ende des Jahres neu gegründet. General Eisenhower hatte mit einem Aufruf „an die deutschen Arbeiter“ die Voraussetzungen geschaffen. Demnach wurden „die Deutsche Arbeitsfront und andere Gliederungen der nationalsozialistischen Partei“ sofort aufgelöst. Alle Formen freier wirtschaftlicher Vereinigungen und Zusammenschlüsse erhielten die Zulassung, „sofern sie nicht politische oder militärische Tendenzen haben oder annehmen“.
„Winter-Nothilfe-Programm“
Und weiter deklarierte Eisenhower: „Die Wiederherstellung des Grundrechts der Vereinigungsfreiheit, das von den Nationalsozialisten beseitigt wurde, wird den Arbeitern die Möglichkeit geben, mit Arbeitnehmern Kollektiv-Verträge abzuschließen. Streiks, die mittelbar oder unmittelbar die militärische Lage gefährden, werden verboten. Das gleiche gilt für Aussperrungen.“ Zu Beginn des neuen Jahres, 1946, registrierte „Die neue Zeitung“, in München hergestellt und als „amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“ ausgewiesen, dass sich in der gesamten amerikanischen Besatzungszone wachsendes Interesse an den gewerkschaftlichen Organisationen zeige.
Die ersten Wochen nach der Gründung der einzelnen Parteien waren aller Unterschiede und Gegensätzlichkeiten zum Trotz von dem Bemühen bestimmt, die gewaltigen Schwierigkeiten beim Wiederaufbau möglichst gemeinsam anzugehen. Ein „Winter-Nothilfe-Programm“ war herausragendes Ergebnis dieser Zusammenarbeit, das ein Aktionsausschuss der vier Parteien der Bürgerschaft präsentierte. Um den „bis jetzt ziemlich einflusslosen Bürgerrat der Stadt mit Leben zu erfüllen“, entschieden sich die Parteien dann, dieses Programm der Regierung Groß-Hessens, dem Regierungspräsidenten in Wiesbaden sowie der Stadtverwaltung von eben jenen Parteimitgliedern überreichen zu lassen, die auch der Präsidialkommission des Bürgerrates angehörten.
Ein weitergehender Aktionsausschuss, danach formiert, hatte die Aufgabe, „alle wichtigen Probleme zu beraten, um eine gemeinsame Lösung zu finden, die mit vereinten Kräften durchzusetzen ist“. Grundsätzliches beinhaltete diese Vereinbarung. Das Abkommen regelte Details im Verfahren: „Fragen, bei denen eine unüberbrückbare Verschiedenheit der Meinung besteht, werden zurückgestellt.“ Bei allen Angelegenheiten, für die der Ausschuss sich auf ein gemeinsames Vorgehen der vier Parteien verständigte, „verzichten die Parteien auf Einzelaktionen“. Dann noch diese Passage: „Die vier Parteien fordern ihre Mitglieder und Anhänger auf, unter Zurückstellung von Meinungsverschiedenheiten kameradschaftlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam den Wiederaufbau unseres zerstörten Landes in materieller und moralischer Hinsicht durchzuführen.“
Dem bald härter werdenden politischen Tagesgeschäft sollte dieses kameradschaftliche Einvernehmen jedoch nicht lange standhalten. Es hatte sich noch einmal manifestiert, als der Bürgerrat Anfang Februar 1946 seiner Empörung darüber Ausdruck verlieh, dass Wiesbaden als Hauptstadt Groß-Hessens den Vorzug vor Frankfurt erhalten hatte. Doch der Termin der ersten Kommunalwahl nach dem Zweiten Weltkrieg, der 26. Mai, geriet, politisch leicht nachvollziehbar, immer stärker ins Blickfeld der Parteien. Mit dem Drang, sich zu positionieren, zu profilieren, näherte sich auch die anfängliche Beschaulichkeit der Sitzungen des Bürgerrats ihrem Ende.
Ganz offenkundig wurde es, als der Bürgerrat sich mit der „Frankfurter Rundschau“, am 1. August 1945 mit Lizenz der Besatzungsmacht als erste Zeitung nach dem Krieg in der Stadt gegründet, anlegte. Gegen die Stimmen der KPD verabschiedeten SPD, CDU und LPD eine Resolution, in der der Rat „mit Befremden“ davon Kenntnis nahm, dass die Schriftleitung „ausschließlich von kommunistisch orientierten Hauptschriftleitern geführt“ werde. Dabei bekannte sich, so argumentierte die Mehrheit im Bürgerrat, nur ein sehr geringer Bruchteil der Bevölkerung zum Kommunismus. Umso mehr erstaunte es sie, dass die politische Ausrichtung des Blattes bewusst, wie die Protestler anführten, im Sinne der Bestrebungen der KPD erfolge. Der Bürgerrat kündigte verärgert an, bei der Militärregierung die Angelegenheit mit Nachdruck zur Sprache zu bringen. Der Wahlkampf hatte Fahrt aufgenommen.
