
Der erste Eindruck trügt nicht. Wer den Klimaplanatlas für Frankfurt aufruft, zieht vermutlich die richtigen Schlüsse: Wo es rot und tief orange ist, wird es im Stadtgebiet besonders warm. Die dicht bebaute Innenstadt innerhalb des Anlagenrings und das Bahnhofsviertel sind in jeder Hinsicht ein Hotspot, aber auch das Messegelände sticht hervor. Und die Vermutung, auf den grünen Flächen fänden sich viele Bäume, stimmt ebenfalls. Im Grüneburgpark und auf dem Hauptfriedhof herrscht Waldklima, weshalb sie in diesen heißen Tagen ein guter Zufluchtsort sind.
Der Klimaplanatlas, der im Internet auf dem Geoportal der Stadt Frankfurt zu finden ist, liegt jetzt nach zehn Jahren in einer überarbeiteten Version vor. „Er liefert eine aktuelle Datengrundlage für die klimaangepasste Stadtentwicklung“, sagt Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez (Die Grünen). „Wer heute baut und plant, muss das Klima von morgen mitdenken.“ Dafür biete der Atlas präzise Daten und mache sie verständlich zugänglich. Zugleich könnten die Bürger Entscheidungen der Stadt transparent nachvollziehen.
Kühle Luft von gemähten Wiesen
Der erste Frankfurter Klimaplanatlas wurde 1994 aufgelegt. Herzstück ist die farbige Klimafunktionskarte, die beim ersten Aufrufen erscheint. Anders als eine Wetterkarte zeigt sie nicht die aktuellen Temperaturen, sondern wie Wärme und Belüftung das Klima in der Stadt beeinflussen. Dafür wird auch die gefühlte Temperatur herangezogen. Für ein erträgliches Stadtklima wichtig sind nicht nur die grünen, baumbestandenen Flächen. Auch die hellblauen, Kaltluft produzierenden Flächen seien von großer Bedeutung, sagt Projektleiter Maurice Wagner vom Klimareferat. Dabei handele es sich zum Beispiel um gemähte Wiesen und abgeerntete Äcker mit entsprechender Hangneigung.
Sowie die Sonne untergehe, entstehe kühle Luft und fließe in die bebauten Gebiete, erläutert Wagner. Die Wirkung sei allerdings begrenzt. Viel weiter reiche der Einfluss der Kaltluft, die aus dem Taunus und der Wetterau in die Stadt ströme. Sie wird sichtbar, wenn man auf der linken Seite der Karte die „Thermische Komponente“ ausblendet und das Häkchen bei „Kaltluftvolumenstrom“ setzt. Mit „Kaltlufthöhe“ lässt sich anzeigen, wie mächtig die Luftschicht ist. Dazu klickt man in die Karte hinein. An den tiefblauen Stellen reicht sie mehr als 50 Meter hoch. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst wurde dabei erstmals berücksichtigt, wie Gebäude und Lärmschutzwälle die Luftströme beeinflussen.
Zehn Grad Unterschied zum kühlen Umland
„In der ersten Nachthälfte kommt die kalte Luft vor allem aus dem Taunus“, sagt Wagner, „sie ist besonders wichtig.“ Das Mertonviertel kühle dabei am stärksten ab. In der zweiten Nachthälfte dann setze der „Wetterau-Effekt“ ein: Verschiedene Kaltluftströme vereinigten sich zu einer regionalen Ausgleichsströmung, die 200 Meter mächtig sei. Bei Sonnenaufgang sei der Effekt am größten. Der Unterschied zwischen der überheizten Innenstadt und dem Umland könne dann zehn Grad betragen.
Der Wetterau-Wind, der sich tagsüber umkehrt, ist auf der Klimafunktionskarte mit breiten, grauen Pfeilen markiert. Entlang des Mains sind ebenfalls Pfeile zu erkennen. Auch den Main entlang strömt die Luft und zwar tagsüber flussaufwärts und nachts flussabwärts. „Alle diese Effekte zeigen sich gerade bei stabilen Hochdrucklagen wie derzeit“, sagt der Projektleiter. Und diese könnten mit dem Klimawandel zunehmen.
Der Atlas bietet noch zahlreiche weitere Funktionen, die zum Teil erst sichtbar werden, wenn man den Haken bei der „Thermischen Komponente“ entfernt. Rötlich markiert lassen sich etwa Straßen und Flächen mit Vegetationsdefizit anzeigen. Wer wissen will, wie es in seinem Viertel um das Grün bestellt ist, kann einen Haken bei der „Vegetationsstatistik Stadtbezirke“ setzen. Mit einem Klick auf die Karte öffnet sich ein Fenster mit einer Detailkarte. Für jeden der 123 Frankfurter Stadtbezirke lässt sich ablesen, wie dicht und hoch Büsche und Bäume dort stehen.
Der Klimaplanatlas stehe auch anderen Ämtern für Ergänzungen offen, sagt der Projektleiter. Das Gesundheitsamt hat zum Beispiel die angesichts der Hitzewelle gefragten „kühlen Orte“ eingetragen, vom Brunnen bis zum Kino. Neu ist auch das „Mückenmonitoring“. Das zeigt allerdings nicht, wo man in der Abenddämmerung mit hoher Wahrscheinlichkeit gestochen wird. Die roten Punkte markieren viel mehr Orte, an denen seit dem vergangenen Jahr Populationen der Asiatischen Tigermücke nachgewiesen worden sind.
