Snacks haben es bei uns nicht leicht. Sie gelten als sündhaft, ungesund, industrielle Billigware. Manche sehen es sogar als persönlichen Triumph der Selbstdisziplin, keine Knabbereien anbieten zu können, wenn Besuch kommt. Dabei gibt es kaum einen besseren sozialen Kitt, als gemeinsam bei einer Unterhaltung eine Packung Kekse oder Chips zu verdrücken. Wer sich in anderen Ländern umschaut, der merkt: Es müssen nicht immer Erdnussflips oder Oreos sein. In Taiwan sind Snacks soziale Währung.
Niemand braucht Snacks zum Überleben – außer vielleicht jene Influencer, die Dinkelcracker und Käsewürfel als „Girl Dinner“ auf Social Media posten. Eigentlich sind Knabbereien ein Bonus, quasi kulinarisches Selfcare. Während die Deutschen sie gerne geistesabwesend vor dem Fernseher in sich reinschaufeln, haben kleine Speisen in Taiwan eine größere Bedeutung.
Das hängt vermutlich auch mit der Teekultur zusammen, denn dazu werden immer ganz bewusst Kleinigkeiten gereicht. Aber aus Sicht der Taiwanesen gibt es auch kaum ein besseres Mitbringsel. Auf einschlägigen kulinarischen Messen in Taiwan habe ich die Fülle an bunten Kartonschachteln bewundert, die an fast jedem Stand verkauft werden. Egal welches Grundprodukt beworben wurde, es gab immer eine Geschenkversion davon. Bei Yotaron etwa, einem Hersteller für die in ganz Asien beliebten getrockneten Tintenfischstreifen, zeigte man mir eine kofferähnliche Papierbox mit fünf Packungen voller unterschiedlicher Geschmäcker und Farben. Selbst alltägliche Produkte wie Instantnudeln oder Sojasoßen gab es in bunten Boxen. Ich fragte mich: Was ist der Anlass für so eine Box? Wie ist die Etikette dahinter?
„Das kaufen fast nur Japaner“
Ich fand die Antwort auf der gleichen Messe. „Der Ursprung dieser Geschenkkultur kommt vom japanischen Omiyage“, erklärte mir Vais Valjiyus, eine Projektmanagerin beim taiwanischen Corporate Synergy Development Center. „Es gehört einfach dazu, dass man Freunden, Familie oder Kollegen lokale Spezialitäten von Reisen mitbringt.“ An ihrem Stand konnte man minimalistische weiße Boxen mit feinen Teesorten erwerben („Das kaufen fast nur Japaner“), außerdem Kisten aus geflochtenem Rattan mit getrockneten Nudeln und Hakka-Nudelsoßen, auch das war eher für Touristen bestimmt.
Wie in Japan gilt Omiyage auch in Taiwan als soziale Pflicht eines jeden Reisenden. Wer einen neuen Ort besucht, bringt örtliche Spezialitäten mit, statt Postkarten zu schicken. Die Geschenkboxen gibt es zu verschiedenen Preisen. Bei guten Freunden, Geschwistern und ähnlichen Vertrauten sollte man nicht übertreiben. Bonbons, Reiscracker oder Kekse reichen hier völlig. Um die erweiterte Familie gibt es oft kleine Konkurrenzkämpfe, also greift man zu edlen Teesorten, Alkohol oder feinem Gebäck wie dem typischen taiwanischen Ananaskuchen. Will man den Chef beeindrucken oder vor Bekannten prahlen, nimmt man seltene Spezialitäten wie Seegurken, Bottarga oder Schwalbennester.

Auch Snacks aus dem Convenience Store sind ein Highlight
Natürlich gibt es in einem Land, in dem an jeder Ecke ein 7-Eleven oder Family Mart steht, auch viele Snacks ohne das Chichi der Omiyage-Boxen. Diese typischen Convenience-Stores verkaufen meist auf engem Raum Fertiggerichte, Hygieneartikel, Zigaretten und Grundzutaten. Das wahre Highlight sind auch hier: die Süßigkeiten und Knabbereien.
Der Kühlschrank birgt fertig gegarte und vakuumverpackte Eier, Hühnerbrüste, Gemüse und Süßkartoffeln – neben Pepsi mit extra Ballaststoffen für die Verdauung und grünem Spargelsaft (auch bei meinem dritten Besuch in Taiwan habe ich diese Geschmacksgrenze noch nicht überschritten).
In den Regalen verschmelzen Orient und Okzident zu einem Produkt, wie etwa die Biskuitrollen mit französischem Namen, die mit roten Adzukibohnen gefüllt sind, oder die japanischen Reisklöße mit Schinken-Käse-Füllung. Haribo hat mittlerweile auch in Taiwan seinen Platz gefunden, ringt aber mit heimischen Produkten um die Kundenaufmerksamkeit. Chipssorten wie „Taiwanische Rinder-Nudel-Suppe“, „Kimchi-Schweinebauch“ oder „Seetang“ zeigen lokale Vorlieben. Mein Highlight waren knallgrüne Nachos mit einem intensiven Koriandergeschmack, von denen es drei Tüten unbeschadet zurück nach Deutschland geschafft haben.
Wie wäre es mit Mannheimer Dreck?
Sollen wir uns von dieser ostasiatischen Vielfalt und der besagten Leidenschaft fürs Schenken nicht etwas abschauen? Denn lokale kulinarische Spezialitäten mitbringen: Das passt eigentlich gut zur deutschen Mentalität. Schließlich wollen auch die Deutschen nie mit leeren Händen bei Besuchen aufkreuzen.
Klar gibt es auch bei uns Knabbereien, die sich zum Verschenken eignen – und die preislich keine Grenzen kennen. Feinkost Käfer in München oder das Berliner KaDeWe haben eine adäquate Auswahl an Keksen, internationalen Kartoffelchipssorten, Grissini und Oliven. Aber wenn wir ehrlich sind, ist es fast egal, ob man teure Snacks in Mailand, Oslo oder Baden-Baden kauft: Es gibt fast immer dieselbe Auswahl an französischen oder italienischen Delikatessen.
Meiner Einschätzung nach müssten wir ehrgeiziger suchen, damit unser Umgang mit Snacks der ostasiatischen Geschenkkultur nahekommt. Denn man findet auch hierzulande lokale Spezialitäten in jeder Ecke Deutschlands. Vielleicht wünschen sich die wenigsten eine Dose Pfälzer Saumagen als Souvenir aus Landau, aber wie wäre es mit Mannheimer Dreck (eine Lebkuchenspezialität), Lübecker Marzipan oder friesischem Matjes? Das wären durchaus spannendere Souvenirs als die Packung Merci oder der gefällige Rotwein, der zur Not eh nur weiterverschenkt wird.
