
An heißen Tagen wird die Fahrt in einer nicht klimatisierten Bahn zur Geduldsprobe: Der Rücken klebt am Sitz, die Luft steht, jedes Öffnen der Türen ist eine kurze Erleichterung. Das ist die Realität in vielen deutschen Regional- und Straßenbahnen. Doch die Vorstellungen, wie der öffentliche Verkehr mit der Hitze zukünftig umgehen soll, gehen auseinander.
Die Deutsche Bahn (DB) rüstet ihre neuen Züge mit leistungsfähigeren Kühlsystemen aus. Beim Projekt Stuttgart 21 soll wiederum auf klassische Klimaanlagen verzichtet werden. Die Dortmunder Stadtwerke haben zuletzt bewusst neue Stadtbahnen ohne Klimaanlage gekauft. Wie der zuständige Betriebsleiter dem WDR erklärte, soll das wirtschaftliche Gründe haben: Für die 70 Millionen Euro, die das Aufrüsten kosten würde, wollte das Unternehmen lieber zusätzliche Fahrzeuge anschaffen. Zudem soll so eine erhebliche Menge an Energie eingespart werden.
Dabei sollen die künftigen Sommer noch heißer werden. Aus Sicht von Klaus Zecher, dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des Pro-Bahn-Landesverbands Hessen, ist das Verzichten auf eine Klimaanlage nicht nachvollziehbar. Die dadurch eingesparten Kosten seien nur kurzfristig entlastend.
Die Verkehrsbetriebe sind unterschiedlich weit
Daran sind seiner Meinung nach aber nicht die Verkehrsunternehmen allein schuld: „Da ist die Politik gefragt. Wenn man im Nahverkehr Fahrzeuge mit Klimaanlagen haben will, muss auch das entsprechende Geld durch den Bund zur Verfügung gestellt werden.“ Zecher fordert deshalb klare politische Vorgaben in den Ausschreibungen.
Doch der „freiwillige“ Verzicht scheint die Ausnahme zu sein: Die meisten Verkehrsunternehmen setzen in neuen Fahrzeugen inzwischen auf Klimatisierung. Die gesamten ICE- und Intercity-Flotten der DB haben nach Angaben des Unternehmens Klimaanlagen, im Regionalverkehr seien es rund 96 Prozent der Fahrzeuge. Schrittweise sollen nun auch alte durch neue Züge mit Klimaanlagen ersetzt werden, wie ein Bahnsprecher der F.A.Z. bestätigt.
Die „günstigste Sauna Kölns“
„Saunabahn“, „rollende Sauna“ oder „günstigste Sauna Kölns“, so nennen wiederum die Kölner die Stadtbahnen der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) mitunter. Auch wenn alle derzeit laufenden Bestellungen der KVB offenbar eine Klimatisierung von Fahrerstand und Fahrgastraum vorsehen, ändert das zunächst wenig am offenkundigen Unmut der Fahrgäste. In den sozialen Netzwerken sah sich die KVB zuletzt sogar gezwungen, auf Kommentare zu reagieren: „Kritik ist okay, Beleidigungen und Hetze nicht“, schrieb das Unternehmen auf Instagram. Voraussichtlich im Jahr 2033 soll der gesamte KVB-Fuhrpark klimatisiert sein, derzeit sind es knapp 50 Prozent. „Dass bei großer Hitze die Situation für unsere Fahrgäste belastend ist, ist völlig klar“, sagt KVB-Sprecher Matthias Pesch.
Allerdings scheint das Problem auch mit Klimaanlagen nicht erledigt zu sein. Die Haltestellen liegen im Schnitt gut 700 Meter auseinander, weswegen sich die Türen häufig öffnen und warme Luft hereinströmt. Auch geöffnete Fenster beeinträchtigen die Wirkung der Klimaanlage. „Wir können keine maximale Temperatur in den Bahnen garantieren“, so Pesch.
Klimatisierung verteuert ein 30 Meter langes Neufahrzeug nach Angaben der KVB um rund 180.000 Euro – bei einer Bestellung von mindestens 50 Fahrzeugen. Wird dieser Mindestbestellwert unterschritten, könne der Mehrpreis noch höher ausfallen. Für Wartung, Instandhaltung und Stromverbrauch veranschlagt die KVB grob weitere 15.000 Euro pro Fahrzeug im Jahr. Die tatsächlichen Kosten können jedoch je nach Hersteller und Ausführung variieren.
Warum lassen sich die fehlenden Klimaanlagen nicht einfach nachrüsten? Besonders im Nahverkehr sind ältere Fahrzeuge technisch dafür nicht geeignet. Oder es lohnt sich wirtschaftlich nicht mehr, die Fahrzeuge aufzurüsten. Bei der Frankfurter Verkehrsgesellschaft beispielsweise können bestimmte Straßenbahn- und U-Bahn-Typen offenbar nicht klimatisiert werden, weil ihre Dächer das zusätzliche Gewicht der Anlagen nicht tragen können. Bei anderen Fahrzeugen wäre eine Nachrüstung angesichts der anstehenden Ausmusterung zu teuer.
Wichtig ist deshalb, was während der Anschaffung neuer Fahrzeuge entschieden wird. Eine Straßenbahn kann rund 30 Jahre in Betrieb bleiben. „Zu den Zeiten, als unsere älteren Bahnen gebaut worden sind, waren Klimaanlagen noch kein wesentliches Thema“, sagt Matthias Pesch von der KVB.
„Ältere Klimaanlagen kommen schnell an ihre Kapazitätsgrenze“
Die Frage ist also nicht nur, wie heiß der nächste Sommer wird, sondern auch, wie heiß es sein wird, wenn die heute bestellten Bahnen immer noch auf den Schienen unterwegs sind. Wie die DB mitteilt, seien die Klimaanlagen in neuen Fahrzeugen leistungsfähiger. Sie sollen den Komfortanspruch bis zu einer Außentemperatur von 40 Grad Celsius erfüllen können, funktionsfähig seien sie bis 54 Grad Celsius.
In älteren Fahrzeugen werde die Hitze dagegen schneller zum Problem, sagt Pro-Bahn-Vertreter Zecher. Diese seien auf die mitteleuropäische Durchschnittstemperatur ausgelegt und nicht auf die Spitzentemperaturen, die heute teilweise erreicht werden: „Da kommen die älteren Klimaanlagen deshalb sehr schnell an ihre Kapazitätsgrenze.“
Bis dann wirklich alle Bahnen klimatisiert sind, scheint es noch ein paar Jahre zu dauern. Bis dahin können Fahrgäste der Hitze wenigstens teilweise ausweichen. Wer die Möglichkeit hat, kann Stoßzeiten meiden oder klimatisierte Bahnen nutzen. Diese lassen sich teilweise an Aufbauten auf dem Dach, bestimmten Wagennummern oder Hinweisen in den Apps der Verkehrsbetriebe erkennen. Auf besonders kurzen Strecken kann es an heißen Tagen außerdem angenehmer sein, zu Fuß zu gehen.
