Schon ein paar Stunden bevor das „Heidifest“ beginnt, finden wir uns vor dem Ort des Geschehens ein, dem Münchner Hofbräuhaus, auch um herauszufinden, nach welchen Kriterien die Gäste ausgewählt wurden. Die F.A.Z. hat es nämlich leider nicht ins Innerste der Sause geschafft, die traditionellerweise, nämlich schon zum zweiten Mal, die heiße Oktoberfestphase einläutet.
Naheliegend wäre, dass überhaupt keine Journalisten zugelassen sind, dass Gastgeberin Heidi Klum zu der Auffassung gelangt ist, der Content von heute werde von ganz anderen Leuten kreiert und transportiert. Aber dann sehen wir die „Bild“-Unterhaltungschefin! Wobei: Aus ihrem Verhalten ist nicht ganz zu schließen, ob sie als Promi da ist oder als Journalistin – oder quasi embedded.
Katja Burkard? „Die kenne sogar ich!“
Das Gästeaufkommen zu Beginn lässt kurz ans Lukas-Evangelium denken, an die Geschichte vom reichen Mann, der zu seiner Party viele wichtige Leute einlädt, die dann aber alle aus fadenscheinigen Gründen absagen, woraufhin er seinem Knecht befiehlt, dann eben die „Love Island“- und „Bachelor“-Leute zu fragen, die dann auch zuhauf kommen.
Aber dann erscheint Katja Burkard, die legendäre Moderatorin von „Punkt 12“, dem Mittagsmagazin des übertragenden Senders RTL. Wir belauschen einen Ordner, wie er sagt: „Die kenne sogar ich!“ Offenbar spielt klassische Prominenz also doch eine Rolle. Am weiteren Abend wird sich das bestätigen. Investor Frank Thelen („Höhle der Löwen“) ist da, sogar Nicole Scherzinger (The Pussycat Dolls) und Marianne und Michael, ungläubig bestaunt von jungen (Wahl-)Münchnerinnen, die es sich mit Crémant in den Fenstern der umliegenden Häuser gemütlich gemacht haben.
Die „Heidifest“-Deko, so viel lässt sich auch von außen erkennen, ist ein Amalgam aus dem, was in der Umgebung des Hofbräuhauses aus Bayern gemacht wurde, aus der Schweizer Autobahnraststätte „Heidiland“ und allerlei Accessoires, die einen im Karneval in Bergisch-Gladbach sofort als Bayerin erkennbar machen.
Ist das noch unser Bayern? War es das denn je?
Ist das noch unser Bayern? Die Wiesn-Wirte haben letztes Jahr die Nase gerümpft. Peinlich, hieß es über das „Heidifest“, das habe mit dem Oktoberfest nichts mehr zu tun. Auf derlei von der F.A.Z. angesprochen, lächelt Michael von Marianne und Michael nur – ganz so, als wisse er, dass der Topos „Bayern als Fiktion“ eine lange Tradition hat. Man denke an Herbert Riehl-Heyses CSU-Buch „Die Partei, die das schöne Bayern erfunden hat“. Oder an den Historiker Eric Hobsbawm, Stichwort „Invention of Tradition“.

Die Show startet vogelwild mit „Cotton Eye Joe“, dem Megahit der Gruppe Rednex von 1994. Es folgen zum Beispiel: Snap! mit „Rhythm is a dancer“ von 1992 oder 2 Unlimited mit „No limit“. Mancher mag sich fragen: Welches Deutschland soll das hier abbilden? Vielleicht ist es ja das Deutschland, in das die AfD zurückwill, wo die Ausländer Ireen Sheer und Tony Christie heißen oder, wenn sie schon schwarz sein müssen, dann zumindest mal Zahnarzt waren, so wie Dr. Alban. Irritiert wird das Idyll allenfalls durch diverse Dragqueens. Aber auch für manchen AfDler mag gelten, was der Designer Wolfgang Joop einst über Donald Trump sagte: Er habe mehr Ähnlichkeit mit dem schwulen Entertainer Liberace, als er wisse.
Nicht viel anders als das, was auf Theaterbühnen geboten wird
Man kann das alles natürlich als Trash bezeichnen. Aber auch als Kunst. So weit entfernt von dem, was auf deutschen Theaterbühnen zum Teil dargeboten wird, ist es jedenfalls nicht. Viele Regieeinfälle – etwa die „Bussi Cam“ – werden nur angerissen und dann nicht ausbuchstabiert. Bewusst verwischen die Grenzen zwischen Zuschauerraum und Bühne, zwischen allererster Probe (sollte es denn überhaupt eine gegeben haben) und Premiere. Wenn sich filmende Handys zwischen Kamera und Kameraobjekt schieben oder Regieanweisungen auf offener Bühne gegeben werden, schwenkt die Kamera nicht weg davon, sondern hält drauf. Wer dächte da nicht an Dürrenmatts „vom Beobachten des Beobachters der Beobachter“?
Ebenso nahe liegt der Vergleich mit den fotografischen Kompositionen eines David LaChapelle, zumal wenn man sich die immer wieder einsam im Getümmel aufflackernde Gina-Lisa Lohfink vor Augen hält, mit einem Gebiss, das bedenklich in Richtung Jürgen Klopp tendiert.
„Jeder gibt hier sein Bestes / Auch wenn man tut, was man nicht kann“
Aber auch der Vergleich mit dem programmatischen Dilettantismus des Punk ist nicht zu weit hergeholt. Wie heißt es im neuen Toten-Hosen-Song „Die Show muss weitergehen“: „Jeder gibt hier sein Bestes / Auch wenn man tut, was man nicht kann.“ Das gilt für all die Profitänzer von „Let’s dance“, die aus Rücksicht auf die anderen extra schlecht zu tanzen scheinen. Es gilt aber ganz besonders für die Moderationen, die wie Parodien auf Moderationen wirken, vor allem die von Heidi Klum. Hier passt vielleicht, was wiederum Joop mal gesagt hat: Kate Moss sei ein Topmodel, weil sie schweige, Heidi Klum eher nicht – „weil sie spricht“.

Diese elitistische Klassifikation von Models – man denke an: „Die war nie in Paris. Die kennen wir nicht“ – ist durch Postmoderne und Body Positivity hinweggefegt worden. Bester Beleg dafür ist, dass im Beisein von Naomi Campbell und Nadja Auermann auch Barbara Meier und Lohfink umstandslos als „absolute Topmodels“ klassifiziert werden.
„Vom Vorglühen direkt zum Verglühen übergegangen“
So oder so überlässt Klum den größten Teil des Wortwörtlichen diversen Dragqueens, voran Olivia Jones, die eine Anzüglichkeit an die andere reiht, sodass Rainer „Dirndlgate“ Brüderle spätestens jetzt als rehabilitiert gelten kann. Zumindest ein weiser Satz unterläuft Jones dann aber doch, und zwar einer, der sich vordergründig auf den erfreulich hohen Bierkonsum der Gäste (das Hofbräuhaus gehört dem Freistaat), eigentlich aber auf deren ganzes Leben bezieht: „Manche sind ja vom Vorglühen direkt zum Verglühen übergegangen.“
Was Fernsehzuschauer womöglich als „noch niederen Tiefpunkt“ (Rudi Völler) bewerten, ist dann in Wahrheit einer der absoluten Höhepunkte der Show: der Auftritt von Markus, der mit seinem Klassiker „Ich will Spaß“ von 1982 („Ich geb Gas, ich geb Gas“) den Soundtrack zur gegenwärtigen und zu allen künftigen Ölkrisen abliefert.
Vielleicht schafft es nächstes Mal sogar die F.A.Z. aufs „Heidifest“
Er versemmelt zwar mehrfach seinen Playback-Einsatz, zeigt aber gerade damit, dass es wirklich jeder aufs „Heidifest“ schaffen kann – vielleicht sogar die F.A.Z. im kommenden Jahr. Als er die ans Herz gehende Zeile „Deutschland, Deutschland, spürst du mich?“ ins Mikrofon nagelt, denken wir zu Hause an den Appell von Bundestrainer Klopp, man solle doch „happy“ sein, „in diesem wundervollen Land“ zu leben, und wir rufen dann hinaus in die Weiten unseres Wohnzimmers, irgendwie dann doch nicht ganz unfroh, keine Akkreditierung bekommen zu haben: „Jaaa!“
