Die Gelegenheit, Abschied zu nehmen, kommt mit Verspätung. „Es ist schön, jetzt endlich abzuschließen“, sagt die Frau in der zweiten Reihe. Sie hält eine Rose in der Hand. Neben ihr sitzt ihre Schwester. Beide blicken nach vorn auf die schlichten Urnen, die auf einem Tisch in der Trauerhalle des Frankfurter Hauptfriedhofs stehen. Ihre Mutter hat ihren Körper der Dr. Senckenbergischen Anatomie überlassen. „Wir waren sehr zerrissen“, sagt eine der beiden Töchter. „Es war schwer, sie gehen zu lassen, aber es war ihr Wunsch.“
Körperspende heißt die Entscheidung der Mutter in der Sprache der Medizin. Für die Anatomie ist sie Grundlage des Unterrichts, für Angehörige ein langer, ungewohnter Abschied. Die Toten werden nicht direkt bestattet, sondern kommen erst in den Präpariersaal. „Dort werden sie in Formaldehydlösung fixiert, mit nassen Tüchern bedeckt, damit die Haut straff bleibt, und bekommen ein Schild mit einer Nummer“, sagt eine Studentin. Für Medizinstudierende sind sie die ersten Körper, an denen sie sehen, wie ein Herz im Brustkorb liegt, wie dicht Nerven und Gefäße verlaufen, wie eine vernarbte Lunge aussieht. Für die Angehörigen bleiben die Toten in dieser Zeit unsichtbar.
In den vergangenen beiden Semestern haben Studierende der Goethe-Universität mit den Körperspendern gearbeitet, deren Urnen nun in der Halle stehen. Neun Wochen lang im ersten Semester, sechs Wochen im zweiten, jeweils zwei Termine pro Woche. Der erste Gang in den Präpariersaal bleibt vielen im Gedächtnis. Eine Studentin erzählt, wie sie in der zweiten Woche des ersten Semesters mit neuen Kitteln im Waschraum stand, Skalpell und Handschuhe in der Tasche, und der Formaldehydgeruch ihr bewusst gemacht hat, worauf sie sich eingelassen hatte. „Für mich war es am überraschendsten, wie kalt der Körper war“, sagt sie. Ihre Kommilitonin berichtet, dass sie den Toten zunächst nicht in die Augen schauen konnte.
„Sie sind zu unseren ersten Patienten geworden“
Mit der Zeit wurde aus der Anonymität eine Form von Vertrautheit. Die Studierenden sahen Operationsnarben, Herzschrittmacher, künstliche Gelenke. Sie lernten, dass geschwollene Lymphknoten auf Krebs hindeuten können, dass ein Tumor ganze Regionen des Körpers verändert. Es blieb eine einseitige Beziehung. Die Studierenden erfuhren weder den Namen noch das Alter noch die Todesursache der Menschen, mit denen sie arbeiteten. Das erleichterte den Abstand und ließ doch Raum für Fragen. Wer hat mit diesem Herz gelebt? Welche Arbeit lag in diesen Händen? Welche Krankheit hat diese Lunge zerstört? „In vielerlei Hinsicht sind die Menschen im Präpariersaal zu unseren ersten Patienten geworden“, sagt eine Studentin bei der Gedenkfeier.

Für die Angehörigen war die Zeit dazwischen schwer greifbar. Die beiden Schwestern, deren Mutter vor fast zwei Jahren gestorben ist, sagen, dass sie sich oft gefragt haben, was gerade mit ihr geschieht. Die Jüngere sagt, sie hätte sich mehr Informationen gewünscht. „Ich habe auf der Urne gelesen, dass sie schon vor einigen Wochen eingeäschert wurde“, sagt sie. „Das wäre schön gewesen zu wissen.“ In der langen Phase ohne Grab habe sie immer wieder Bilder im Kopf gehabt. Abschließen konnten sie in dieser Zeit nicht.
Andere sollten durch sie lernen können
Auf der anderen Seite des Saals sitzen Menschen, die einen anderen Blick auf den Tod mitbringen. Ein Mann berichtet von seiner Großmutter, die mit 93 Jahren gestorben ist und sich bewusst für eine Körperspende entschieden hatte. „Sie war immer fröhlich“, sagt er. Sie habe gewusst, wie teuer eine klassische Beerdigung ist, und die Familie entlasten wollen. Die Dr. Senckenbergische Anatomie und die Universitätsmedizin übernehmen für die Körperspender die Organisation der Zeremonie und der Beisetzung, einschließlich Grab und Bestattungskosten. Ein Grabstein sei ihr weniger wichtig gewesen als der Gedanke, dass andere durch sie lernen können.
Für die Studierenden war die Teilnahme an der Gedenkfeier kein Pflichttermin, sondern eine Frage des Respekts. Zwei junge Frauen sagen, dass sie froh seien, heute nicht nur im Saal zu stehen, sondern auch mit den Angehörigen ins Gespräch zu kommen. Im Kurs selbst blieb vieles abstrakt. Die Nummer am Schild, die routinierten Handgriffe, der Druck der nächsten Prüfung. Heute sehen sie, wer zu der Person gehört, an der sie wochenlang gelernt haben. „Wir haben Menschen gesehen, die uns die Möglichkeit gegeben haben, zu lernen“, sagt eine von ihnen.
Als die Namen der 33 Verstorbenen verlesen werden, sind die Rollen noch einmal klar verteilt. Christof Schomerus liest vor. Nach jedem Namen treten Studierende mit einer Urne nach vorn, reichen sie Angehörigen oder dem Mitarbeiter des Friedhofs, der sie in der Grabstätte des Fachbereichs Medizin in die Erde senkt. Manche Angehörige bleiben noch einen Moment, sprechen leise Worte. Am Ende legen sie zum Abschied Rosen oder Blütenblätter ins Grab.
