Die Berliner Nichtregierungsorganisation Sea-Watch sieht sich einer „Hetzkampagne der extremen Rechten“ ausgesetzt. Berichte der Zeitungen „Le Figaro“ in Frankreich und „Il Giornale“ in Italien, wonach die Seenotretter mit ihrem Schiff Sea-Watch 5 am 11. Mai 90 Bootsmigranten direkt von libyschen Schleppern übernommen hätten, bezeichnete die Organisation in einer Pressemitteilung als Versuch, „die Öffentlichkeit in die Irre zu führen“.
Die Zeitungen veröffentlichten vor wenigen Tagen Videos von dem Vorfall in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens, die von einem Flugzeug der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) aufgenommen wurden. Darauf ist zu sehen, wie sich zwei Schlauchboote der Sea-Watch 5 einem offenkundig aus Libyen stammenden Schnellboot mit zwei großen Außenbordmotoren nähern. An Deck des Bootes sowie unter Deck befinden sich Dutzende von Migranten.
Die Retter von Sea-Watch verteilen zunächst Rettungswesten an die Migranten auf dem Boot, ehe sie diese an Bord ihrer Schlauchboote nehmen. Auf dem Schnellboot sind mehrere bewaffnete und vermummte Männer zu sehen, von denen einer nach der Übergabe der Passagiere ein Zeichen mit erhobenem Daumen gibt. Anschließend dreht das Schnellboot ab.
Beweismittel im Verfahren gegen Kapitän
Sea-Watch stellt die Authentizität der Frontex-Aufnahmen nicht infrage, wirft den Zeitungen aber eine manipulative Bearbeitung der Videos vor. Die Aufnahmen dienen der Staatsanwaltschaft in Brindisi als Beweismittel in dem seit Mai laufenden Verfahren gegen den niederländischen Kapitän Anne van Dam, der die Sea-Watch 5 bei dem Rettungseinsatz gesteuert und die Migranten in den Hafen von Brindisi gebracht hatte. Die Ankläger werfen van Dam „Beihilfe zur illegalen Einreise“ vor. Ihm drohen bis zu 20 Jahre Haft. Wer die Videos an die Zeitungen durchgestochen hat, ist unklar.
Nach Angaben von Sea-Watch wurden die zuständigen Behörden von dem Einsatz in den Morgenstunden des 11. Mai vorab und auch währenddessen fortwährend unterrichtet. Nachdem sich die Retter mit ihren Schlauchbooten dem doppelstöckigen Boot genähert hatten, hätten sie dort zwei bewusstlose, mehrere stark geschwächte und einige unter Deck eingeschlossene Personen vorgefunden, teilte die Organisation mit. Es habe auf dem Schnellboot keine Rettungs- oder Navigationsausrüstung gegeben.
Als sich die Rettungsteams mit maskierten Männern an Bord des Schnellbootes konfrontiert gesehen hätten, die sowohl für die Besatzung als auch die Migranten eine Gefahr darstellten, habe jeder weitere Schritt der Sea-Watch-Besatzung dazu gedient, die Situation zu deeskalieren, um Leben zu retten.
Begegnungen mit maskierten und bewaffneten Männern auf Migrantenbooten seien schon zuvor von Sea-Watch und anderen Seenotrettern dokumentiert worden. Sea-Watch berichtete, das Rettungsschiff sei nach dem Einsatz am 11. Mai von Einheiten der libyschen Küstenwache beschossen worden. Die Sea-Watch 5 meldete den Vorfall den Behörden, die italienische Küstenwache bestätigte den Angriff.
Die Zeitung „Il Giornale“ will aus Ermittlerkreisen in Brindisi erfahren haben, dass das Schnellboot mit einer Satellitenanlage von Starlink ausgerüstet gewesen sei und in der Such- und Rettungszone vor der libyschen Küste gewartet habe, ehe es schließlich Kurs auf die Sea-Watch 5 genommen habe. Sea-Watch beharrt darauf, es gebe „keinerlei Anzeichen dafür“, dass die Daumen-hoch-Geste eines der Schlepper den Seenotrettern gegolten habe.
