Liebe Leserin, lieber Leser,
verbringen Sie den Sommer
daheim? Ich bin kürzlich auf ein Lokal gestoßen, wo man nicht nur draußen
sitzen, sondern auch die eigene Stadt wie ein Urlauber erleben kann. Der
Rathausmarkt ist ja kein Ort, an dem man als Hamburger länger verweilt,
geschweige denn einkehrt. Doch nun hat sich etwas getan in den ehedem traurigen
grünen Pavillons unter den Glasarkaden. Es gibt dort neue Lokale, das ambitionierteste
heißt Pinot.
Eine Weinbar, die auch
kleine Speisen anbietet – wie immer man sie zubereiten kann in der winzigen
Küche. Die Karte wechselt ständig, angepasst an die Saison und die
Temperaturen. Ich hatte ein Pan con Tomate mit erstklassigen Anchovis, dann
Artischockenherzen mit Zitrone, Minze und gerösteten Haselnüssen.
Mittelmeerküche, wie man sie mag, wenn man in der Sonne sitzt. Es gibt aber
auch kühnere Sachen wie Weinbergschnecken mit frittiertem Bärlauch und
Chili-Öl.
Mutig ist auch die Weinkarte, die nicht mit Lugana oder Primitivo
langweilt, sondern ganz auf europäische Avantgarde-Winzer setzt. Ob das mal
funktioniert, fragte ich mich; der Rathausmarkt ist nicht gerade die Terrasse
des Hotel Louis C. Jacob. Aber ringsum saßen genügend junge Leute, die sich
schon am Nachmittag eine Flasche teilten.
Und wahrscheinlich macht gerade dieser Gegensatz das Pinot besonders: Man
ist es einfach nicht gewohnt, auf diesem Platz bequem zu sitzen, freundlich
bedient zu werden und etwas sehr Gutes zu schmecken, während man dem Leben
zuschaut.
Zur Empfehlung noch das Kleingedruckte: Man zahlt hier auch für die Lage
(das Tomatenbrot zum Beispiel kostet 15 Euro). Und wegen der kleinen Küche
sollte man Zeit mitbringen. Aber das passt ja zum Thema Urlaub.
Ich
wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihr Michael Allmaier
WAS HEUTE WICHTIG IST
Die Feuerwehr hat 14 Bewohner aus einem akut
einsturzgefährdeten Haus in Altona in Sicherheit gebracht. Das
fünfgeschossige Gebäude in der Holstenstraße weise massive Risse in tragenden
Bauwerksteilen auf, sagte ein Sprecher. Man könne darin nicht mehr wohnen.
Hamburg hat im vergangenen Jahr etwas weniger
Geld für Asylsuchende ausgegeben als im Vorjahr. Die Summe sank auf 241,5 Millionen Euro und lag damit 14,5
Millionen Euro unter dem Betrag von 2024. Mehr als drei Viertel der Summe wurden
zur Deckung des täglichen Bedarfs verwendet, mit dem Rest seien
Krankenbehandlungen bezahlt worden.
Zwei Jahre nach dem Verbot des Islamischen
Zentrums Hamburg (IZH) bleibt die Nutzung der Blauen Moschee an der
Außenalster ungewiss. Das IZH galt als Außenposten der iranischen
Regierung. Nach Angaben der Innenbehörde lebt in Hamburg die größte iranische
Community innerhalb der EU, verschiedene Exilgruppen würden das Gotteshaus
gerne übernehmen.
Einst wurden hier die Beatles frisiert, bald
niemand mehr: Franz Stenzel (81) und Ute Bickeleit (63) schließen den Salon
Harry in der Davidstraße 23 auf St. Pauli zum Monatsende. Eine
Nachfolgelösung für den Salon sei nicht gefunden worden.
Aus den Polizeimeldungen: Ein brennender
Lastwagen hat gestern den Verkehr auf der A1 stundenlang lahmgelegt. Und bei
der Durchsuchung einer Reihe von Immobilien in Hamburg hat die Bundespolizei
einen mutmaßlichen Schleuser festgenommen. Er soll gewerbsmäßig Frauen aus
Südamerika als Prostituierte nach Deutschland gebracht haben.
AUS HAMBURG
Die Reeperbahn? Sehr langweilig!
Der irische Schriftsteller
Samuel Beckett besuchte 1936 auf
seiner Deutschlandreise auch Hamburg. Und entwickelte starke Gefühle. Lesen Sie
hier einen Auszug aus dem Artikel von Oskar Piegsa.
Den Michel findet er furchtbar. »Unbelievably
awful«, notiert der Reisende nach dem Besuch im Tagebuch. Vom Wetter hält
er ebenso wenig, es sei oft »filthy«, »foul« und »frightful«.
Auch der Reeperbahnbummel wird zur Enttäuschung: »Had a couple of beers.
Everything very dull & disappointing.« Was Samuel Beckett wohl über die
Elbphilharmonie gedacht hätte? Als er am Morgen des 2. Oktober 1936 in Hamburg
seinem Dampfer entsteigt, ist die Elphi noch längst nicht gebaut. So bleibt
wenigstens ihr sein Urteil erspart.
Es ist eines der literarischen Ereignisse des
Jahres, wenn Samuel Becketts German Diaries am 20. August veröffentlicht
werden. 1.348 Seiten hat der Suhrkamp Verlag angekündigt, durchgehend
zweisprachig auf Englisch und Deutsch. Anschließend folgen Übersetzungen ins
Französische, Spanische, Italienische und Chinesische. Denn Samuel Beckett, geboren
1906 in Dublin, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20.
Jahrhunderts. Viele kennen sein Theaterstück Warten auf Godot oder
zumindest dessen Titel. 1969 bekam er den Nobelpreis für Literatur. Als er 20
Jahre später in seiner Wahlheimat Paris starb, war er ein berühmter Mann.
Doch im Oktober 1936, zu
Beginn seiner Deutschlandreise, ist Beckett 30 Jahre alt und kaum bekannt. Zwei
Romane hat er bereits geschrieben, kein Verlag will sie drucken. Nach
Deutschland zieht es ihn, weil er die Sprache meistern möchte. Französisch und Italienisch
hat er studiert, im Deutschen ist er weit genug, um Faust im Original zu
lesen. Nun will er lernen, wie in Hamburg oder Berlin auf der Straße gesprochen
wird. Im Tagebuch hält er Vokabeln fest. Am 9. Oktober etwa notiert er, dass
man Menschen, mit denen man isst, als »Tischgenossen« bezeichnet – keinesfalls
als »Mitesser«.
Außerdem will Samuel Beckett Kunst sehen. Gemälde werden damals in Büchern
nur in Schwarz-Weiß abgebildet, wenn überhaupt. Beckett reist fünf Monate lang
durch Deutschland, neun Wochen bleibt er in Hamburg und besucht elfmal die
Kunsthalle. Über die von den Deutschen verehrten Maler der Romantik schreibt
er: »a whole room of Quatsch«. Doch er sieht auch Gutes in der
Kunsthalle. Und bei Spaziergängen um die Alster wird er schwärmerisch: »utmost
enjoyment«, der größte Genuss!
Wie Samuel Beckett damals
den Nationalsozialismus wahrnahm – im Alltag und auch in der Kunsthalle, wo er
erlebte, wie moderne Malerei von den Wänden verschwand – das lesen Sie in der
ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+)
SCHON GELESEN?
»Beim
Kauf eines Kindes ist einfach Schluss«
Konservative Katholiken sind empört über die Art,
wie Jens Spahn Vater wurde. Doch auch fortschrittliche Christen kritisieren ihn,
etwa ein Pastor auf St. Pauli. ZEIT-Redakteurin Evelyn Finger skizziert die
Positionen der Kirchenmänner. → Zum Artikel (Z+)
DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN
Der Sammler Rik Reinking hat mit dem Woods Art Institute einen
sehenswerten Kunstort vor den Toren Hamburgs geschaffen. Aktuell ist die
Ausstellung What Paradise!? mit Werken des griechischen Künstlers
Dimitris Tzamouranis zu sehen. Die großformatigen Gemälde treten in Dialog mit
der Sammlung Reinking und greifen aktuelle politische Themen auf. Das WAI liegt
in einem als Landsitz mit Parkanlage angelegten Gelände in Wentorf – der
Außenraum ist zugleich Landschafts- und Skulpturenpark.
»What Paradise!?« bis 3. Januar 2027, Woods Art Institute (WAI), Golfstraße 5 in Wentorf;
Wochenende und Feiertage, 11 bis 18 Uhr; Café vor Ort
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
Neulich in der Nähe eines Verkehrsübungsplatzes mit Gokarts für Kinder: Ein etwa 9 Jahre alter Junge erzählt seinem Vater ganz aufgeregt,
was er erlebt hat: »Da hat mich ein Junge geärgert. Der ist immer ganz dicht
hinter mir hergefahren. Das fand ich doof. Dann habe ich einfach den Spießer
umgedreht und bin hinter ihm hergefahren.«
Gehört von Tina Seidel
Das war die Elbvertiefung, der tägliche
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