
Die akademische Welt in Amerika hat etwas, worum viele Europäer sie beneiden: Wissenschaftler, die schreiben können. Nicht alle natürlich, aber es ist schon bemerkenswert, wie viele Historiker, Philosophen oder Wirtschaftswissenschaftler ihre Gedanken so formulieren, dass man ihre Bücher und Aufsätze gern liest. Das liegt an einer akademischen Kultur, in der Schreiben als erlernbare Kompetenz vermittelt wird, also nicht als Talent gilt, das man entweder hat oder nicht hat. Ausgerechnet die Harvard-Universität kündigte nun an, zwei Säulen ihrer Schreibausbildung, die seit 1872 für alle Studenten verpflichtend ist, abzuschaffen.
Zum einen wird das Writing Center geschlossen, in dem Studenten sich ohne Notendruck von Tutoren beraten lassen, an Texten feilen und argumentieren lernen konnten. Die Kündigung der langjährigen Leiterin Jane Rosenzweig zog, wie das Magazin „The Atlantic“ berichtet, eine Protestwelle nach sich. In Zukunft werde es weiter Standard-Schreibkurse geben, beteuert die Hochschule. Doch das Writing Center, in dem Studenten unabhängig von Kursen und Beurteilungen Texte diskutierten, wird als kreativer und intellektueller Raum fehlen.
KI gehört für Harvard-Studenten dazu
Zum anderen wurde auch das als bedeutend geltende „Writing Project“ geschlossen, das Professoren didaktische Mittel zur Schreibvermittlung an die Hand gab. Harvard schränkt die Schreibausbildung und vor allem ihren kreativen, unabhängigen Teil zu einem Zeitpunkt ein, an dem Künstliche Intelligenz die Universität zunehmend prägt. Die Hochschule stellt laut „The Atlantic“ allen Studenten Systeme wie ChatGPT Edu und Claude zur Verfügung und integriert Künstliche Intelligenz zunehmend in die Lehre.
Wozu Studenten die Sprachmodelle nutzen dürfen, bleibt dem jeweiligen Professor überlassen. Sie treffen ihre Entscheidungen häufig zugunsten der KI. Laut einer Umfrage der Hochschulzeitschrift „Harvard Crimson“ wurden 34,5 Prozent der Studienarbeiten im letzten Jahr mit KI erledigt, etwa 13 Prozent der Studenten ließen 70 bis 100 Prozent ihrer Arbeit von den einschlägigen Programmen anfertigen.
Auch andere Angebote innerhalb der Universität werden eingeschränkt. Praktisch zeitgleich mit der Aufgabe zweier wichtiger Programme zum Kreativen Schreiben macht Harvard die Dudley Co-Op dicht, die anders funktioniert als die üblichen Studentenwohnheime. In zwei alten Häusern am Harvard Yard wohnten seit 1958 gut zwei Dutzend wechselnde Studenten – billiger als in den anderen Studentenquartieren, weil man gemeinsam putzte und kochte. Hier war eine eher linke Szene der Hochschule zu Hause. Viele vermuten deshalb, dass Harvard Donald Trump mit diesem Schritt einen Gefallen tun will.
Zusammen mit dem Kahlschlag im Writing Program, weiteren Entlassungen und vermeintlichen Effizienzsteigerungen nach der Beratung durch McKinsey führt das zu dem Eindruck, dass sich Harvard auf einem Kurs der Anpassung befindet. Durch den Einsatz von KI dürfte dieser sich intensivieren. Besonders bitter daran sei, wie „The Atlantic“ betont, dass die Hochschule Vorbildcharakter habe. Auch andere Universitäten dürften versuchen, an den Programmen zu kürzen, die Schreiben und dadurch eigenständiges Denken und Argumentieren lehren. Dann wären die USA irgendwann wohl auf diesem Gebiet kein Vorbild mehr, sondern eher ein abschreckendes Beispiel.
