80 Meter breit, 390 Meter lang, Investitionssumme 200 Millionen Euro: Brot und Brötchen sind zwar nicht besonders groß, aber wenn man so viele von ihnen backen will wie Frank Kleiner, dann erreicht eine neue Fabrik beachtliche Ausmaße. Gebaut wird das Werk in der Hanauer Nachbarstadt Erlensee, gut 20 Kilometer östlich von Frankfurt: Es soll ein wichtiger Baustein der Expansion in den Süden der Republik sein, den Deutschlands größter Backwarenhersteller Harry-Brot und sein Geschäftsführer Kleiner planen.
Die Wurzeln des Unternehmens sind durch und durch hanseatisch: 1688 eröffnete der in Bremerhaven geborene Johan Hinrich Harry in Altona bei Hamburg seine erste Bäckerei, drei weitere folgten in den nächsten Jahrzehnten. 1890 stellte Andreas Harry, der den Familienbetrieb in siebter Generation führte, die Weichen in Richtung einer Großbäckerei, als er in Altona sein Geschäft erweiterte. Bald gelangte eines der Produkte des Hauses in alle Winkel der Erde: Der von Harry gebackene Schiffszwieback wurde Proviant der Marine und der Hamburger Schiffslinien.
Früh auf Vorgebackenes gesetzt
Die Expansion der Großbäckerei beginnt Ende der Zwanzigerjahre, als Harry die Hannoversche Brotfabrik übernimmt und ihre Produkte auch überregional vertreibt, erst mit Kutschen, dann auch mit Automobilen. 1963 zog das Unternehmen in die Hamburger Nachbarstadt Schenefeld, bis heute der Sitz von Harry-Brot. Der Wachstumskurs blieb, neue Großbäckereien entstanden in Nordrhein-Westfalen und nach der Wiedervereinigung Deutschlands in Berlin und den neuen Bundesländern. Wenige Jahre später erschließt sich Harry ein neues Geschäftsfeld – Stichwort Prebake: Vorgefertigte Produkte werden tiefgekühlt und dann in Backstationen in Lebensmittelmärkten fertiggestellt. Nach Darstellung von Kleiner macht dieses Segment bei Harry mittlerweile ein Drittel des Geschäfts aus.
Dass sich Harry-Brot nun in den Süden aufmacht, ist für Kleiner eine „logische Expansion“, deren Zeitpunkt wohl auch mit einer strategischen Entscheidung des Lebensmittelkonzerns Rewe zusammenhängt. Das Unternehmen gibt seine „Glockenbrot“-Bäckereien auf, Harry übernimmt das Werk in Bergkirchen in der Nähe von München. Auch die Entscheidung für den neuen Standort in Erlensee hat einen Bezug zu Rewe: Eigentlich wollte der Konzern auf dem ehemaligen Fliegerhorst eine neue Großmetzgerei seiner Marke Brandenburg bauen und den Standort in Frankfurt aufgeben. Unter anderem wegen der in Deutschland sinkenden Umsätze von Fleisch- und Wurstwaren stoppte Rewe zwar das Vorhaben, schlug aber Harry-Brot vor, das Grundstück zu übernehmen.

„Schöne Fläche“, sagt Kleiner und meint damit dessen Größe. Die braucht das Unternehmen, eine Übernahme des Glockenbrot-Standorts in Frankfurt-Fechenheim war keine Option. Den will Rewe noch bis 2028 betreiben, dann soll das neue Werk in Erlensee stehen. Von da an wird Harry-Brot nach Angaben von Kleiner auch im Rhein-Main-Gebiet „voll drin“ sein, aber der Radius wird deutlich darüber hinausgehen. Zum Beispiel soll von dort aus auch Baden-Württemberg beliefert werden.
Brot zu backen, ist das eine, es zum Kunden zu bringen, das andere: Die Logistik ist für das Unternehmen eine zentrale Frage: „Das Wichtigste ist die Frische“, sagt Kleiner, man werbe ja mit dem Slogan „Frisch wie Harry“. Dafür sei nicht nur wichtig, wie der Teig bearbeitet wird, Konservierungsstoffe werden bei Harry-Brot nicht verwendet, sondern auch das Verpacken der Ware unter Reinraum-Bedingungen und vor allem das Tempo der Auslieferung.
300 Mitarbeiter in Erlensee
Sieben sogenannte Hubs unterhält das Unternehmen in Deutschland, über die werden 39 Vertriebsstellen versorgt. Von dort aus kommt die Ware schließlich in den Lebensmittelhandel. Wenn der Marktbetreiber es wünscht, erledigen die Harry-Mitarbeiter sogar das Einräumen der Regale. Mehr als 5000 Frauen und Männer arbeiten derzeit für das norddeutsche Unternehmen. Mit Erlensee als zwölfter Bäckerei werden laut Kleiner noch einmal 300 dazukommen. Sie produzieren 60 Harry-Brot-Markenartikel und mehr als 300 verschiedene Handelswaren nach anderen Rezepten, damit haben sie 2025 einen Umsatz von knapp 1,4 Milliarden Euro erzielt. Am gefragtesten sind laut Kleiner geschnittenes Brot, Toast und Brötchen zum Selbstbacken.
Technisches Vorbild für die neue Bäckerei wird der Betrieb in der Kölner Nachbarstadt Troisdorf werden, wie dort werden auf dem ehemaligen Fliegerhorst drei Backlinien aufgebaut. 2000 bis 7000 Brote und 20.000 bis 40.000 Brötchen können auf einer Linie in der Stunde hergestellt werden. Aber für die Erlenseer Bäckerei werden die Planer auch überlegen, wie man die Anlage zukunftsfest macht: „Wie kann das System auch in zehn Jahren funktionieren“, sagt Kleiner und nennt als Beispiel die Frage, wie man die Öfen beheizen kann. Das geschieht momentan mit Erdgas, künftig aber könnte auch Wasserstoff genutzt oder mit Strom gebacken werden.
Ohnehin müsse man in der Branche die Energiefrage einpreisen, erläutert Kleiner, nicht nur für die Backöfen, sondern auch den Treibstoff für den Transport mit Lastwagen. Elektrisch betriebene Sattelauflieger sind seiner Einschätzung nach im Moment noch kein Thema: „Man kann nicht drei Stunden mit Frischware an der Ladesäule stehen. Trotzdem haben auch wir einen ersten E-LKW auf einer ausgewählten Strecke im Einsatz, um Erfahrungen zu sammeln.“
