Bei jeder Durchsage vibrieren die Boxen. „Hannover, seid ihr daaaaa?“, brüllt der Moderator im Minutentakt in sein Mikrofon. Laute Beats signalisieren den vielen Passanten: Hier geht offenbar richtig was ab. Willkommen bei der schrillen Inszenierung des 3×3-Basketballs. Hereinspaziert in die Finals 2026. Der Wettstreit um deutsche Meistertitel in 24 Sportarten ist auch ein Wettlauf um ein Maximum an Aufmerksamkeit.
Entsprechend laut ist es beim 3×3-Event. „Für mich ist das hier enorm krass“, versichert Fabian Giessmann. Körpergröße: 2,05 Meter. Schuhgröße: 52. Der Nationalspieler ragt physisch und spielerisch aus diesem Event heraus. Er gewinnt mit den Baskets Bonn bei den Finals den nationalen 3×3-Titel und wird laut umjubelt. „Es wächst“, sagt Giessmann voller Stolz über seinen Sport.

Vom mit einem Segeltuch überdachten 3×3-Stadion direkt vor dem Neuen Rathaus von Hannover sind es nur ein paar Schritte bis zur nächsten Austragungsstätte. Denn im Rathaus-Foyer dürfen Breakdancer und BMX-Fahrer vor einer für sie ungewohnten Kulisse ihr Können zeigen. Eine echte Tribüne gibt es in dieser historischen Kulisse nicht. Also nutzen die Zuschauer die diversen Wendeltreppen, um einen Blick auf etwas zu erhaschen, was in Hannover sonst nicht zu sehen ist.
Breaking ist seit 2024 eine olympische Sportart, bei der spontane Moves und gekonnte Verrenkungen zu hipper Musik bewertet werden. Im Gegensatz zum 3×3-Basketball ist der Eintritt zu dieser Sportart bei den Finals frei. Entsprechend groß ist der Andrang. Eine Mischung aus Schweiß und Sonnencreme sorgt für einen besonderen Duft.
Steinhuder Meer oder Stadionbad?
Innerhalb von vier Tagen stehen Besucher der Finals in Hannover vor einer Reihe neuer Entscheidungen: Lieber raus in die Region, um am Steinhuder Meer den Triathlon oder das Coastal Rowing miterleben zu können? Oder doch lieber ins Stadionbad, wo die deutsche Schwimmelite unter dem imposanten Hallendach Spitzenleistungen zeigt? Hier wissen Eingeweihte: Angesichts der hohen Luftfeuchtigkeit ist sommerliche Kleidung Pflicht. Zu den Wettbewerben der Schwimmer kommt eher ein Fachpublikum.
Es klatscht, als sich Olympiasieger Lukas Märtens den Titel über die 100 Meter Freistil sichert. Es grinst, weil Romeo Leon Brück kurz vor dem Start des 200-Meter-Brust-Rennens die Schwimmhose reißt und alle Starter beim Warten von seinen Umkleidekünsten abhängig sind. Momente wie diese machen den Sport nahbar und sympathisch – auch wenn er wie bei den Schwimmern schon sehr stylish und professionell inszeniert ist.

Wer zwischendurch keine Lust mehr auf Rekorde, Höchstleistungen und „Hannover seid ihr daaaaa?“ hat, kann sich bei den Finals jederzeit eine Auszeit vom Sport nehmen. Auf der sogenannten Mitmachmeile reihen sich die Angebote von Sportverbänden, Vereinen und Sponsoren aneinander. Dank des benachbarten Maschparks mit viel Wasser und Grün fühlt sich ein Spaziergang entlang der Meile wie der Bummel durch einen gemütlichen Freizeitpark an.
Zwischen den üblichen Glücksradständen mit nervigen Giveaways sind immer wieder echte Einladungen an junge und etwas ältere Menschen zu finden, um sich auszuprobieren. Klettern, zielen, schießen, rennen und treffen: Es ist alles da, um für sich eine Sportart zu entdecken, die entweder ganz neu oder noch unbekannt ist. Hannover entdeckt während der Finals allerdings auch noch eine andere, nicht zu unterschätzende Disziplin: sich möglichst entspannt durch Zuschauermengen sowie Menschenschlangen zu bewegen und dabei trotz hochsommerlicher Temperaturen die Ruhe zu bewahren.
Zu Fuß und per Rad unterwegs, wo sonst nur Autos fahren
Die Vielfalt der Finals ist herrlich und erschlagend zugleich. Selbst die gut durchdachte Veranstaltungs-App kommt an ihre Grenzen, wenn es darum geht, auf dem Smartphone Entscheidungshilfen zu geben. Trotz der kurzen Wege in Hannover bleibt es nahezu unmöglich, alle 24 Sportarten zu besuchen. Das Gros der Sportstätten ist zu Fuß oder mit dem Fahrrad einfach zu erreichen. Es gibt ein erhabenes Gefühl, mit dem Rad durch jene Straßen zu rollen, die sonst für den Autoverkehr freigegeben sind.
Vorbei an den Überfahrtsperren und den freundlichen Ordnern – das macht Spaß und wirft die Frage auf, warum einige der Straßen in der Innenstadt nicht komplett für Pkw gesperrt werden. Vor allem die Georgstraße, in der sich eher edle Geschäfte etabliert haben, mutiert dank der Finals zur Partymeile. Direkt vor dem Opernhaus zeigen die Stabhochspringer, die Beachvolleyballer und die Speed-Kletterer ihr Können. Schon am zweiten Tag des Multisportevents sind die Tribünen und Straßen so überfüllt, dass es kaum noch vorwärts oder rückwärts geht.

Aber das Erstaunliche ist: Alles bleibt ruhig und friedlich. Dass die Zuschauer so dicht am Geschehen sind, dass sie die Athletinnen und Athleten riechen können, gehört zum Konzept der Finals. Breiten- und Leistungssport zum Anfassen soll begeistern. „Die lieben das“, sagt Michael Kühnke, der Bundestrainer der Stabhochspringer, wenn er zur erstaunlichen Tuchfühlung zwischen den von ihm betreuten Sportlern und dem fast schon aufdringlichen Publikum befragt wird.
Im Getümmel von Hannover taucht immer wieder auch Besuch aus Stuttgart auf. Eine Delegation aus dem Ländle ist ins Niedersächsische aufgebrochen, um für 2027 zu lernen, wenn die siebte Auflage der Finals in ihrer Stadt ausgetragen wird. Hinter vorgehaltener Hand ist herauszuhören, dass es Überlegungen gibt, die Anzahl der Sportarten im kommenden Jahr wieder ein wenig zu reduzieren. Das würde das Budget entlasten und die Organisation erleichtern.
Fließender Übergang vom Sport zur Unterhaltung
In Hannover sind innerhalb von vier Tagen nicht weniger als 143 nationale Meistertitel zu vergeben. Rund 4000 Sportlerinnen und Sportler euphorisieren eine Stadt, die ein guter und dankbarer Gastgeber ist. 20 Jahre nach der Fußball-Weltmeisterschaft genießt es Hannover, wieder einmal großen Sport zu Gast zu haben. „Etwas größeres Nationales gibt es nicht“, versichert Turn-Ass Andreas Toba. Ihm ist der Stolz über die Bronzemedaille im Mehrkampf und über eine gelungene Veranstaltung in seiner Heimatstadt deutlich anzumerken.
Punkten können neben dem Turnen vor allem außergewöhnliche Sportarten wie das Speed-Klettern. Sie bieten kurzweilige und mit Action beladene Formate an. Der Übergang bei den Finals vom Sport zur Unterhaltung ist fließend. Das liegt auch an der mutigen Entscheidung der Organisation, die vier Sporttage mit einem Volksfest zu kombinieren. Das Maschseefest lockt vor allem in den Abendstunden Gäste an, die eher daran interessiert sind, persönliche Rekorde mit Kronkorken aufzustellen.
Ein offizielles Nein und ein diebisches Grinsen
Die Party an den Ufern des idyllischen Maschsees mit dem Kampf um Höchstleistungen bei den Finals zu kombinieren, entpuppt sich als Beschleuniger in beide Richtungen. Wer mit jungen Sportlern bei den Finals darüber spricht, ob sie denn nach ihren harten Wettkämpfen auch in Richtung Maschseefest aufbrechen und es sich bei dröhnender Musik gut gehen lassen, bekommt vielfach ein offizielles Nein und ein diebisches Grinsen als Antwort.
Der Bummel quer durch die Finals kann auf dem Maschseefest enden. Oder bei denen, die die stillen Helden des Megaevents sind. Max Hunfeld, 29 Jahre alt, ist als aktueller Deutscher Meister im Teqball angereist. Seine aufstrebende Sportart verblüfft mit einer akrobatischen Mischung aus Fußball und Tischtennis an einer futuristisch aussehenden, weil leicht gehobenen Platte. Teqball ist vor allem in den sozialen Netzwerken populär und drängt in das olympische Programm. Bei den Finals in Hannover ist das Teqball mit Max Hunfeld und Co. lediglich ein Demonstrationssport.
Abgelegen vom Trubel und schlecht ausgeschildert, ermitteln sie im von Baugerüsten umgebenen Olympiastützpunkt Hannover ihre Meister. „Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit wäre schon schön. Aber ehrlich gesagt ist mir dieses ganze Drumherum egal“, gesteht Hunfeld. Ihm ist wichtig, dass sich die Teqball-Community aus ganz Deutschland trifft und eine schöne Zeit miteinander verbringt. „Wir lieben diese Sportart und haben einfach Lust zu zocken“, sagt der Profi an der Platte. Für seine Ehrlichkeit und seine Begeisterung für den Sport hätte er einen gesonderten Meistertitel verdient.
