
Dichte Rauchwolken und emporschlagende Flammen waren am Wochenende auf Fotos und Videos aus dem Westjordanland zu sehen; Bilder zeigten ausgebrannte Autos, teilweise zerstörte Häuser und verkohlte Felder. Nachdem es am Freitag nahe Nablus zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern mit sechs Toten gekommen war, attackierten weitere Siedler zahlreiche Dörfer. Zugleich führte die israelische Armee Militäraktionen in dem besetzten Gebiet durch. Dutzende Menschen wurden festgenommen, zahlreiche verletzt.
Die Eskalation war befürchtet worden. Die Spannungen im Westjordanland hatten sich jüngst verstärkt, die Stimmung ist aufgeheizt. Unmittelbar nach der tödlichen Konfrontation gab es erste Racheakte von israelischer Seite, und sie hielten das Wochenende über an. Siedler attackierten Palästinenser in deren Dörfern, setzten Häuser in Brand und errichteten Straßenblockaden. Ein Dorf überfielen sie zweimal binnen weniger Stunden. Nahe Bethlehem feuerten Siedler laut palästinensischen Berichten auf Autos.
Zwei Moscheen wurden zum Ziel von Brandanschlägen. In der Nähe einer von ihnen wurde ein Graffito auf eine Wand gesprüht: Es bestand aus den Wörtern „Rache Benayahu“ und einem Davidstern.
Zwei schwangere Frauen mussten in Krankenwagen gebären
Benayahu war der Vorname eines der beiden Israelis, die infolge der Konfrontation im nördlichen Westjordanland zu Tode gekommen waren. Zudem wurden vier Palästinenser getötet. Die Details des Vorfalls sind noch nicht geklärt. Am Rande des Dorfes Tell südwestlich von Nablus kam es zu einer Konfrontation von Dorfbewohnern und etwa 30 Israelis, einige von ihnen Jugendliche. In einem Handgemenge entrissen Palästinenser einem Israeli offenbar die Waffe. Darauf folgten Schusswechsel zwischen ihnen und den Siedlern sowie israelischen Soldaten.
Während die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) von einem Angriff von „Siedlermilizen“ sprach, etikettierte die israelische Armee den Vorfall als palästinensische Terrorattacke auf israelische „Wanderer“, eine Deutung, die von der Politik und zahlreichen Medien im Land übernommen wurde.
Generalstabschef Eyal Zamir kündigte noch am Freitag eine großangelegte „Antiterroroperation“ an. „Wir verfolgen jeden Terroristen, der an diesem Anschlag beteiligt war. Wir werden sie alle aufspüren und zur Rechenschaft ziehen“, sagte Zamir bei einer Lagebesprechung. Allein bis Samstag nahm die Armee laut eigenen Angaben mehr als 70 Personen fest. Dabei drangen Soldaten auch in ein Krankenhaus in Nablus ein, um mehrere Palästinenser festzunehmen, die am Freitagmorgen Schussverletzungen erlitten hatten und dorthin gebracht worden waren. Teile des Westjordanlands wurden abgeriegelt. So blockierten Soldaten die Zufahrt nach Nablus, auch für Rettungsdienste. Zwei hochschwangere Frauen mussten laut Angaben einer israelischen Menschenrechtsorganisation in Krankenwagen gebären.
Soldaten fertigten auch Pläne der Häuser der Familien mehrerer Palästinenser an, die laut israelischer Darstellung an dem Terroranschlag beteiligt gewesen waren. Sie sollen abgerissen werden, um ein abschreckendes Signal zu setzen, inzwischen eine übliche Praxis.
Netanjahu kündigt harte Maßnahmen gegen „Terrornester“ an
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz hatten das angeordnet. Sie verkündeten eine Reihe weiterer Schritte, darunter „durchgreifende Maßnahmen in Dörfern, die als Drehscheiben für Terroristen dienen“. Am Sonntag sprach Netanjahu von „Terroristennestern“.
Daneben kündigten er und Katz an, die Legalisierung bestehender Außenposten und die Errichtung neuer Außenposten zu beschleunigen. Gewaltsamen Widerstand gegen die völkerrechtlich illegale Besiedlung des Westjordanlands mit der Ausweitung ebendieser Besiedelung zu beantworten, ist seit Jahren ein Kennzeichen israelischer Politik. Siedler errichteten umgehend mehrere neue Außenposten: An vier Orten im nördlichen Westjordanland schlugen sie in der Nacht zum Samstag Zelte auf – auch dort, wo es nur Stunden zuvor die tödliche Auseinandersetzung gegeben hatte. Auch gab es am Samstag eine weitere „Wanderung“ von Siedlern nach Tell. Dieses Mal trat ihnen offenbar niemand entgegen.
Fachleute sind der Ansicht, dass die radikalen Siedler die Eskalation immer gezielter suchen. Dror Etkes, der führende Siedlungsexperte in Israel, nennt als Beispiel die „Wanderungen“ von Siedlern. Es handele sich um „provokative Touren“, sagte Etkes der F.A.Z. Sie sollten die Botschaft vermitteln, „dass die Siedler tun, was immer sie wollen, wann sie es wollen und wo sie es wollen“. Im Fall von Tell habe die Gruppe das Dorf durchqueren wollen, um einen anderen Außenposten zu erreichen. Daraufhin sei es zu der Konfrontation gekommen. Etkes weist auch darauf hin, dass der Außenposten Havat Gilad, aus dem die Gruppe kam, ein „sehr extremer, sehr gewalttätiger Ort“ sei.
Auch aus dem Militär kommen Warnungen vor dem immer ungehemmteren Vorgehen der Siedler, weil das zu einer allgemeinen Eskalation führen könne. Vorfälle wie der am Freitag zeigten, dass die „Barriere der Angst“ bei Palästinensern, wegen der sie bislang meist davor zurückschreckten, ihren Besitz auch gewaltsam zu verteidigen, zu fallen scheine, berichtete das Armeeradio am Sonntag unter Berufung auf Armeevertreter. Im südlichen Westjordanland kam es am Wochenende zu einem ähnlichen Vorfall. Auch dort entriss ein Palästinenser einem bewaffneten Israeli im Zuge einer Auseinandersetzung die Waffe. Dieser Vorfall ging ohne Todesopfer aus.
