Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor fast viereinhalb Jahren unterstützt die Reservistenkameradschaft Hanau (RK) die ukrainische Bevölkerung und Soldaten. 103 Transporte mit insgesamt 160 Tonnen Material hat sie seither nach Mykolajiw gebracht. In der ersten Septemberwoche fuhr ein Bus in die andere Richtung: Eine ukrainische Fußballmannschaft mit 19 Jugendlichen im Alter von 14 und 15 Jahren sowie sieben Betreuern besucht Hanau, um Abstand vom Kriegsalltag zu gewinnen, mit Ausflügen in einen Freizeitpark und nach Frankfurt, mit Sport und einem deutsch-ukrainischen Freundschaftsfest. In Klein-Auheim haben die Reservisten für ihre Gäste ein Zeltlager aufgeschlagen.
Am Mittwochabend aber ging es nicht um Fußball und Ausflüge. Im Vereinsheim der Marinekameradschaft, unweit des Zeltlagers, berichteten Soldaten, Helfer und Vertreter aus Mykolajiw vom Alltag im Krieg.
Einer von ihnen ist Andrii Skolozdra. Die ukrainische Armee mobilisierte ihn Ende April 2023. „Am Anfang war es schwierig, sich vorzustellen, als Soldat an der Front zu sein“, sagt Skolozdra. Neun Monate lang wurde er für eine Panzerabwehreinheit ausgebildet. Danach schickte ihn die Armee an die Front. Im Februar 2025 kehrte Skolozdra gerade von einer Stellung zurück, als eine Mine unter seinem Auto explodierte. Als Skolozdra wieder zu sich kam und an sich hinunterblickte, sah er, dass er seinen linken Fuß verloren hatte.
Mehr als anderthalb Stunden wartete er auf Verstärkung – und Schmerzmittel. Russische Drohnen entdeckten die Verletzten nicht. „Der Feind sieht keinen Wert im menschlichen Leben“, sagt Skolozdra. „Krieg ist fatal. Man versteht erst vor Ort, dass er alles zerstört.“ Es habe Zeiten gegeben, sagt Skolozdra, in denen er nie gedacht hätte, einmal nach Deutschland zu kommen. Als er seine Geschichte beendet, erheben sich die Zuhörer und applaudieren im Stehen.
„Ohne die RK Hanau wäre die Verteidigung nicht so erfolgreich“
Auch der Bürgermeister von Mykolajiw berichtet über die Folgen des Kriegs. Er erinnert sich an die Nacht des 22. Februars, „seit der sich alles geändert hat“. Mykolajiw liegt mehrere Hundert Kilometer von der Front entfernt. Trotzdem bestimmt der Krieg den Alltag der Menschen. Das gesamte Leben richte sich auf ein Ziel aus: „nicht zu sterben“.

Fast jeder kenne jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis, der im Krieg gefallen sei, sagt der Bürgermeister. Seit Kriegsbeginn beklage die Stadt 180 Todesopfer. Mehr als 90 Menschen würden vermisst. Eine Plakatwand mit den Porträts der Gefallenen erinnert an sie.

„Ohne die RK Hanau wäre die Verteidigung nicht so erfolgreich“, sagt er über die Lieferungen aus Hanau. Die Reservistenkameradschaft unterstützt vor allem zivile Einrichtungen. Seit Kriegsbeginn hat sie nicht nur 103 Transporte abgeliefert, sondern auch elf ausrangierte Feuerwehrfahrzeuge an die ukrainische Feuerwehr übergeben.
Viktor von der „Volksselbstverteidigung von Mykolajiw“ weiß, wie wichtig diese Hilfe für die Stadt ist. Seine Organisation arbeitet vor Ort mit der RK Hanau zusammen. „Nicht alle helfen nach vier Jahren noch“, sagt Viktor. Deshalb sei die Arbeit der Reservisten „heldenhaft“.
Für die Jugendlichen bedeutet die Reise nach Hanau eine kurze Pause vom Krieg. Ein vierzehnjähriger Teilnehmer sagt, er sei dankbar, trotz des Kriegs weiter Fußball spielen zu können. Am schwersten falle ihm, dass sein Vater seit vier Jahren Militärdienst leiste. Er mache sich ständig Sorgen und sehe ihn nur selten.
Ein Land im Ausnahmezustand
„Was wären wir für Reservisten, wenn wir nicht die Soldaten unterstützen würden?“, sagt Andre Kempel. Als Vorsitzender der Reservistenkameradschaft Hanau hat er den Besuch organisiert. Er war selbst bereits achtmal in der Ukraine. Kempel erzählt von einem Land im Ausnahmezustand: von zahlreichen Polizeikontrollen, provisorischen Brücken und Artilleriebeschuss, der immer lauter wurde, je näher er der Front kam. In zurückeroberten Gebieten sah er die Spuren der russischen Besatzung.

Auf seinen Reisen habe er viele „außergewöhnliche Menschen“ kennengelernt, sagt Kempel. Unter den Geschenken, die er bei seinen Besuchen bekommen hat, zeigt er besonders gern eine unterschriebene ukrainische Flagge in einem Glas. Zunächst hielt er das Gefäß für ein gewöhnliches Konservenglas. Erst als er die Aufschrift mithilfe einer App übersetzte, verstand er ihre Bedeutung: Das Glas darf erst geöffnet werden, wenn der Tag des Sieges gekommen ist.
Bis dahin sollen die Jugendlichen in Hanau zumindest für eine Woche Abstand vom Krieg gewinnen. Kempel glaubt, dass ihnen das gelingt. Nur mit dem hessischen Essen überzeugten die Gastgeber nicht ganz: „Die Rippchen mit Kraut haben ihnen nicht so geschmeckt.“
