
Die Brüder Grimm haben alle lieb – und am liebsten ganz für sich. In Hanau sind sie geboren, in Steinau aufgewachsen, in Marburg haben sie studiert und lange in Kassel gewirkt. Auch Göttingen und Berlin, wo die Märchensammler und Sprachforscher ihre letzten Jahrzehnte verbrachten, können sich in der Popularität der beiden sonnen. In Hanau geschieht das seit genau 20 Jahren auch ganz amtlich: So lange trägt man den Titel „Brüder-Grimm-Stadt“ und wirbt auch auf dem Ortsschild mit ihm.
Dabei führt um den 1785 geborenen Jacob und seinen um ein Jahr jüngeren Bruder in Hanau kein Weg herum. Auf dem zentral gelegenen Marktplatz steht seit 1896 das Nationaldenkmal der beiden, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, während ihr Geburtshaus am Freiheitsplatz und das Wohnhaus an der Langstraße 1945 im Bombenhagel untergingen. Die Sagen und Märchen, die sie sammelten und unter dem Markennamen Brüder Grimm veröffentlichten, liefern auch die Vorlagen für eine Reihe von Skulpturen vom gestiefelten Kater bis zum König Drosselbart, die entlang eines sogenannten Märchenpfads durch die Innenstadt aufgestellt worden sind. Und es gibt die erfolgreichen Brüder-Grimm-Festspiele, die jährlich in Hanau ausgerichtet werden.
Konkurrenz in Steinau und Kassel
Kein Wunder, dass die Hanauer auf die offizielle Zusatzbezeichnung Brüder-Grimm-Stadt stolz sind: Eine „unverwechselbare Identität“ habe man aus dem Erbe der Brüder Grimm entwickelt, heißt es in der Mitteilung zum Jubiläum des 2006 verliehenen Titels. Dabei war seinerzeit auch ein leichtes Grummeln vor allem aus Steinau und Kassel zu hören: Die Zeiten dort seien für das Paar prägender gewesen als die in der Geburtsstadt, so etwa lautet die Argumentation. In Steinau verweist man also stolz auf das Brüder-Grimm-Haus, in dem die beiden ihre Kindheit verbrachten, Kassel wirbt als „Herz des Grimm-Universums“ auf der städtischen Homepage für sich.
„Na und?“, denkt sich der Hanauer. „Aber geboren sind sie eben hier“. Die beiden haben sich so tief in das städtische Selbstbewusstsein eingegraben, dass in der Stadt eine Geschichte kursiert: Jede Nacht, so heißt es, tauschten Jacob und Wilhelm ihre Plätze auf dem Nationaldenkmal. Einfach märchenhaft.
