
In einem Plattenbau am Wernadski-Prospekt in Moskau sitzt eine übergewichtige Frau am Küchentisch und erzählt dem Nachbarsjungen von ihrer großen Zeit: damals in Paris, als sie noch Nathalie hieß und nicht Natalia, Concièrge im Hotel d’Orleans, von den Leuten, die dort lebten, ein und aus gingen, vor allem von einem, einem Dichter, der sich Paul Celan nannte. Sie wurde dessen Vertraute und wusste doch mehr, als er sie wissen ließ, weil sie in sein Zimmer kommen und seine Briefe und Notizen lesen konnte.
Im Berliner Wedding sitzt ein paar Jahre später einer und schreibt: über das, was ihm Natalia damals am Küchentisch erzählt hatte, über Jahre hinweg, mit altersangemessenen Details über das Liebesleben und die Verzweiflung des Dichters und bei altersangemessenen Getränken. Er schreibt, während Russland seinen Krieg führt gegen die Ukraine und während nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und den israelischen Reaktionen sich viele gegen Israel wenden und gegen die Juden. Er schreibt, während seine Mutter in Moskau im Sterben liegt, aber er kann sie nicht sehen, weil er fürchten muss, in Russland eingezogen zu werden, selbst misshandelt und gefoltert zu werden in der Armee, „zum Mann gemacht“, wie man dort wohl sagt.
In seinem neuen Roman „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ lässt Boris Schumatsky drei Erzählebenen einander überlagern, unterbrechen, ergänzen, von drei Orten aus: Paris, Moskau und Berlin. Für einen Auszug aus dem Roman wurde Boris Schumatsky im vergangenen Jahr in Klagenfurt mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. Gerade ist das Buch erschienen, jetzt ist Boris Schumatsky zu Gast im Bücher-Podcast.
Nach dem Gespräch veröffentlichen wir ein neues Literatur-Rätsel von Tilman Spreckelsen, dazu die Lösung des Rätsels aus dem Juli 2026 und den Namen der Gewinnerin oder des Gewinners eines Buchs aus der Anderen Bibliothek, wie wir es jedes Mal unter den richtigen Einsendungen verlosen.
Boris Schumatskys Roman „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“ ist Mitte August im Residenz Verlag erschienen, hat 416 Seiten und kostet 29 Euro.
Am 10. September wird Buchpremiere gefeiert, in der „Buchkönigin“ in Neukölln, am 23. September kommt der Autor in die Cammerspiele Leipzig, und natürlich Anfang Oktober zur Buchmesse zu uns nach Frankfurt.
Der F.A.Z. Bücher-Podcast veröffentlicht jeden Sonntagmorgen im Wechsel Gespräche über Bücher und Themen, Interviews mit Autoren, Lesungen und Literaturrätsel. Alle Folgen und weitere Artikel zu den besprochenen Themen finden Sie hier.
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