
In diesem Fall hegen die britischen Antiterrorermittler jedoch Zweifel an der Authentizität der Bekennervideos von HAYI, die auf iranfreundlichen Videokanälen im Internet präsentiert wurden. Auch die deutschen Sicherheitsbehörden beobachten die Gruppe seit einiger Zeit mit Sorge. Sie analysierten unter anderem ein Selbstbezichtigungsvideo, das sich auf einen Brandanschlag in München bezieht. Doch auch hier bestehen Zweifel, dass die Gruppe diese Tat auch wirklich begangen hat.
Beginn „ihrer militärischen Operationen“ angekündigt
Zum ersten Mal trat HAYI am 9. März in Erscheinung. Da wurde in einem Telegram-Kanal, der mit einer iranfreundlichen irakischen Miliz in Verbindung steht, ein Eintrag verbreitet, in dem HAYI „den Beginn ihrer militärischen Operationen gegen US-amerikanische und israelische Interessen weltweit“ ankündigte. HAYI ist die Abkürzung für Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia. Aus dem Arabischen übersetzt lautet der Titel „Islamische Bewegung der Leute der rechten Hand“.
Am frühen Morgen desselben Tages war vor einer Synagoge im belgischen Lüttich ein Sprengsatz explodiert und hatte Sachschaden angerichtet. Zwei Tage später zeigte sich die Gruppe dafür in einem Video verantwortlich, das selbst gedrehte Aufnahmen der Tat zeigte.
Das Video zur Urheberschaft des Lütticher Anschlags wurde nach einer Analyse des internationalen Zentrums für Terrorabwehr (ICCT), einem Thinktank in Den Haag, im Telegram-Kanal einer weiteren proiranischen schiitischen Miliz im Irak veröffentlicht, die wiederum enge Verbindung zur Revolutionsgarde des iranischen Regimes aufweist. Dieses Video wurde sodann von vier arabischsprachigen Telegram-Kanälen weiterverbreitet, die jeweils mehrere Hunderttausend Nutzer aufweisen.
Immer wieder ähnliche Muster
Dem Anschlag vom 9. März folgten drei weitere Angriffe auf jüdische Einrichtungen in den Niederlanden. Das Muster war ähnlich, auch die Bekennervideos wurden in denselben Kanälen veröffentlicht. Am 13. März ereignete sich eine Explosion vor einer Synagoge in Rotterdam, wieder am frühen Morgen. Die Explosion führte zu einem Brand, bei dem abermals Sachschaden entstand.
Die niederländische Polizei nahm insgesamt sieben Personen in Untersuchungshaft, im Alter von 14 bis 23 Jahren, und verdächtigte sie eines Terroranschlags. Justizminister David van Weel sagte, es deute alles darauf hin, dass die Verdächtigen rekrutiert worden seien. Die Ermittler untersuchten, ob ein „ausländischer Akteur“ dahinterstehe.
Am 14. März ereignete sich, wieder nächtens, eine Explosion an der Jüdischen Schule in Amsterdam-Buitenveldert. Eine Überwachungskamera zeigte, wie eine Person einen Sprengsatz an der Außenwand anbringt und danach detonieren lässt. Zwei Tage später explodierte ein Sprengsatz am Eingang zu einem Bürokomplex im Geschäftsviertel Amsterdam-Süd. Dort hat die Bank of New York eine Niederlassung, sie soll das Ziel gewesen sein. Eine Woche später nahmen die Behörden einen 17 Jahre alten Jugendlichen aus Uithoorn unter Terrorverdacht fest. In allen Fällen wird weiterhin ermittelt.
Jugendliche als Täter
In Großbritannien schrieb sich die Gruppierung am 23. März erstmals die Verantwortung für einen Brandanschlag zu, bei dem im Londoner Stadtteil Golders Green vier Krankenwagen des jüdischen Sozialdienstes Hatzola zerstört wurden. Weitere Brandsätze wurden in den folgenden Wochen vor Synagogen dort und im Stadtteil Harrow gezündet.
Vor einer Woche standen in London die vier Verdächtigen erstmals vor Gericht, denen Scotland Yard vorwirft, mit den Brandsätzen auf die Krankenwagen einen Schaden von mehr als einer Million Euro verursacht zu haben. Die vier jungen Männer sind zwischen 17 und 20 Jahre alt und britische Staatsbürger mit pakistanischen Wurzeln muslimischer Prägung. In ihrer ersten Anhörung wurde offenbar, dass sie sich jedenfalls nicht spontan zu ihrer Tat verabredeten, sondern in den Tagen vorher ein Auto erwarben, um damit zum Tatort zu fahren.
Insgesamt hat die Londoner Polizei in den letzten Wochen nach den verschiedenen Anschlägen mehr als ein Dutzend Verdächtige festgenommen; die meisten von ihnen waren Jugendliche oder Heranwachsende. Scotland Yard sieht „ein Muster“. Die meisten Täter seien mutmaßlich von unbekannten Hintermännern angestiftet und finanziert worden. „Die Leute glauben, sie könnten auf diese Weise schnelles Geld machen“, sagte der stellvertretende Londoner Polizeichef Matt Jukes und verband damit die Warnung: Jeder, der versucht sei, sich für eine solche Tat anwerben zu lassen, müsse sich bewusst sein, dass „es die kleine Belohnung nicht wert ist“. Die Auftraggeber „benutzen dich einmal und werfen dich dann weg, ohne nur ein zweites Mal an dich zu denken“.
Zweifel an Professionalität der Terrorgruppe
In einer Analyse von Ende März wies das Den Haager ICCT darauf hin, dass die Bekennervideos von HAYI eine Reihe von Fehlern aufwiesen. Zwar sei das Videomaterial mutmaßlich authentisch, doch werde zum Beispiel das Wort „islamisch“ auf Arabisch falsch geschrieben. Außerdem zeige das Logo ein sowjetisches Dragunow-Scharfschützengewehr und nicht das bei iranischen Stellvertretern übliche Sturmgewehr AK-47. Dies spreche gegen die Annahme, dass es sich um eine hochprofessionelle neue Terrorgruppe handele. Die Verbreitung der Bekennervideos über proiranische Kanäle und der zeitliche Zusammenhang mit dem amerikanisch-israelischen Krieg gegen Iran legten jedoch nahe, dass Iran die Gruppe unterstütze.
Nach dem Sprengstoffanschlag auf ein israelisches Restaurant in München kürzlich war ein Video aufgetaucht, in dem HAYI die Tat für sich beansprucht. Bislang haben die Sicherheitsbehörden aber keine Hinweise darauf, dass der Anschlag wirklich von der Gruppierung verübt worden ist. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz glaubt Muster hinter den Angriffen, die seit dem 9. März im Ausland verübt wurden, zu erkennen: So erfolgten die Anschläge jeweils in den Nacht- oder frühen Morgenstunden, vor allem auf jüdische und US-amerikanische Einrichtungen in den Beneluxstaaten und Großbritannien.
Der Verfassungsschutz vermutet hinter HAYI ein irakisch-schiitisches Netzwerk. Die Organisation nutzt demnach unterschiedliche Kanäle aus dem schiitisch-extremistischen und proiranischen Bereich in verschiedenen sozialen Medien, um über ihre Aktivitäten zu berichten. HAYI benennt zudem neuerdings klar ihre politische Motivation hinter den Taten und droht offen israelischen Einrichtungen sowie den sogenannten „Feinden des Islams“ in Europa.
Auch neu ist die Warnung von HAYI, sich nicht mehr nur auf „einfache“ Angriffe zu beschränken, sondern langfristig auch gefährliche Tatmittel einzusetzen. Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen also davon aus, dass die Gruppe ihre Aktivitäten eher ausweiten wird. Jüdische und US-amerikanische Einrichtungen sind seit dem Überfall der Hamas auf Israel sowieso schon stärker gefährdet als in der Vergangenheit.
