Der Weg zu dem Ort, mit dem Rhonda Lauritzen viele Kindheitserinnerungen verbindet, führt am Golden Spike National Historical Park vorbei. Er liegt rund eineinhalb Stunden nordwestlich von Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah und würdigt einen wichtigen Moment in der Geschichte der USA. Im Jahr 1869 wurde hier die erste transkontinentale Eisenbahn fertiggestellt, bis heute können Besucher maßstabsgetreue Repliken der beiden Lokomotiven anschauen, die damals vom Osten und Westen des Landes kamen und an diesem Ort aufeinandertrafen.
Gleich nach der Gedenkstätte hört die geteerte Straße auf, und es geht eine gute halbe Stunde auf Schotterwegen weiter zum Great Salt Lake, dem größten Salzsee in der westlichen Hemisphäre. „Willkommen im sagenumwobenen amerikanischen Westen“, sagt Lauritzen auf der Fahrt zum See.
Früher hat sie mit ihrer Familie oft Ausflüge hierher gemacht. Sie hat noch ein Video aus dem Jahr 1988, in dem sie sich fröhlich im Wasser treiben lässt. Damals war sie 13 Jahre alt, und sie weiß noch, wie unangenehm sich das salzige Wasser an diesem Tag auf ihren frisch rasierten Beinen anfühlte. Heute ist der See an dieser Stelle ausgetrocknet, und Lauritzen schätzt, das Wasser sei heute mindestens sieben Kilometer vom früheren Ufer entfernt. Genau weiß sie es selbst nicht. Sie wollte die Distanz im vergangenen Jahr messen, indem sie eine Drohne zum Inneren des Sees fliegen ließ, aber der Weg über den trockenen Grund war so weit, dass sie die Drohne vor dem Erreichen des Wassers zurückholen musste, weil die Batterie zur Neige ging.
Symbol für den Anti-KI-Protest
Für Lauritzen und viele andere Menschen in Utah ist der Great Salt Lake wie ein Heiligtum, und es macht ihnen Sorgen, dass er seit Jahren schrumpft. Umso mehr alarmiert es sie daher, dass in seiner Nähe ein gigantisches Rechenzentrum entstehen soll. Dieses Projekt ist zu einem Symbol für eine wachsende Protestbewegung in den USA gegen Künstliche Intelligenz und die dafür erforderliche Infrastruktur geworden.
In und um Box Elder County, den Landkreis, in dem das Rechenzentrum geplant ist, hat sich großer Widerstand formiert. Gegner haben Klagen eingereicht oder Schilder mit Aufschriften wie „Keine KI in Utah“ vor ihre Häuser gestellt. Der Streit um das Projekt unterstreicht auch, welche politische Sprengkraft das Thema KI mittlerweile entfaltet. Vor wenigen Tagen fanden in Utah Vorwahlen für die Zwischenwahlen im Herbst statt, und dabei wurden mehrere Politiker, die das Projekt unterstützt haben, von Herausforderern geschlagen. Dazu zählt Stuart Adams, der langjährige Präsident von Utahs Senat, der bislang als einer der mächtigsten Politiker des Bundesstaats galt und für den frühere Vorwahlen meist nur eine Formsache waren. „Man kann es gar nicht überbewerten, dass er abgewählt worden ist“, sagt Lauritzen.

Der Widerstand in Utah ist auch deshalb bemerkenswert, weil er wenig von der politischen Gesinnung abzuhängen scheint und sich nicht auf Umweltschützer im linksliberalen politischen Lager beschränkt. US-Präsident Donald Trump verfolgt generell einen sehr KI-freundlichen Kurs und bremst die Technologiebranche wenig. Utah wird von den Republikanern dominiert, und in Box Elder County hat Trump bei seiner Wahl 2024 fast 80 Prozent der Stimmen bekommen. Insofern läge die Vermutung nahe, dass ein KI-Rechenzentrum hier auf besonders breite Zustimmung stoßen würde. Aber offenbar kämpfen auch viele Anhänger der Republikaner gegen das Megaprojekt.
Brenna Williams, die das Vorhaben mit der Organisation „B.E.A.R“ stoppen will und sich selbst als politisch konservativ beschreibt, sagt: „Wir hätten auf unseren Protestveranstaltungen nicht annähernd so viele Leute, wenn es nur Demokraten wären.“ Rhonda Lauritzen hält das Rechenzentrum für eines der wenigen Themen, die sich der sonst vorherrschenden Polarisierung entziehen. „Wenn Leute das Gefühl haben, dass ihr Zuhause attackiert wird, sehen sie über politische Differenzen hinweg.“
Mehr als doppelt so groß wie Manhattan
Amerikaner haben allgemein einen immer kritischeren Blick auf Rechenzentren. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Marktforschungsgruppe Gallup sprachen sich 71 Prozent der Teilnehmer gegen den Bau eines KI-Rechenzentrums in ihrer Region aus – mehr als die 53 Prozent, die ein Atomkraftwerk ablehnten. Als wichtigste Gründe wurden Sorgen über den hohen Wasser- und Energieverbrauch der Anlagen genannt. In einer Studie von NBC News äußerten sich weniger Befragte positiv über KI als über die umstrittene Einwanderungsbehörde ICE.
Nach Untersuchungen von Data Center Watch, einer Forschungsgruppe des KI-Unternehmens 10a Labs, wurden in den USA allein im ersten Quartal dieses Jahres 26 Rechenzentrumsprojekte gestoppt und weitere 49 verzögert. Außerdem seien im ganzen Land mehr als 300 Gesetzentwürfe vorgestellt worden, um Rechenzentren stärker zu regulieren oder sogar ein Moratorium für ihren Bau zu verhängen. „Das ist mittlerweile eine nationale Bewegung“, sagt Miquel Vila, der das Forschungsprojekt betreut. Die Welle ist mittlerweile auch nach Europa übergeschwappt. Erst vor wenigen Tagen gab es einen Protest gegen ein Rechenzentrum, das der Softwarekonzern Microsoft im Elsass plant.
Das kontroverse KI-Projekt in Utah heißt „Stratos“, und es stößt weit über die Grenzen des Bundesstaats hinaus auf Interesse. Das hat allein mit seinen Dimensionen zu tun: Ursprünglich sollte das Areal, auf dem es geplant ist, sich auf gut 160 Quadratkilometer erstrecken und damit mehr als doppelt so groß sein wie Manhattan, wenngleich nur ein Teil dieser Fläche bebaut werden sollte. Der Leistungsbedarf des Rechenzentrums wurde auf neun Gigawatt beziffert. Das ist nach Angaben der Lokalzeitung „Salt Lake Tribune“ mehr, als Utah derzeit insgesamt benötigt.
Neben schierer Größe hat das Vorhaben auch einen Promifaktor. Es wird von Kevin O’Leary vorangetrieben, einem Investor und Unternehmer, der in den USA auch als einer der Stars der Fernsehshow „Shark Tank“ bekannt ist, dem Vorbild für „Die Höhle der Löwen“ in Deutschland. O’Leary tritt in der Show als knallharter und unsentimentaler Geschäftsmann auf, und er kultiviert den nicht ganz ernst gemeinten Spitznamen „Mr. Wonderful“.
Er war auch kürzlich in einer zu seinem Fernsehimage passenden Schurkenrolle im Film „Marty Supreme“ mit Timothée Chalamet zu sehen. O’Leary bewirbt sein Rechenzentrum als Projekt im Interesse der nationalen Sicherheit. Den Ausbau der Computerkapazitäten für KI-Technologien beschreibt er als geopolitisch notwendig: „Das Land mit der besten KI wird die Kriege gewinnen.“

In der Regierung des Bundesstaats stieß er auf offene Ohren. Zu Jahresbeginn kam er nach Utah und traf den Gouverneur Spencer Cox und den Senatspräsidenten Stuart Adams. Hinterher schwärmte er, die Politiker hätten für ihn „den roten Teppich ausgerollt“, und es wurde ein Foto publik, das ihn hinter dem Schreibtisch des Gouverneurs zeigte. Von da an dauerte es nur rund vier Monate, bis das Rechenzentrum genehmigt wurde, vorbehaltlich der Prüfung durch verschiedene Umweltbehörden und verbunden mit der Zusage großzügiger Steuererleichterungen. O’Leary hatte zuvor gesagt, er wolle sich um „alle Anreize, die wir kriegen können“, bemühen.
Viele Menschen in Utah fühlten sich vom schnellen Durchwinken des Stratos-Projekts überrumpelt und machten mobil. Es bildeten sich Protestorganisationen wie B.E.A.R., Brenna Williams erzählt, die Gruppe sei innerhalb von zwei Wochen von „einigen besorgten Müttern“ auf 1600 Unterstützer angewachsen. Das Box Elder Accountability Referendum – kurz: B.E.A.R. – versucht, das Rechenzentrum über einen Volksentscheid im Rahmen der Zwischenwahlen im Herbst zu stoppen. Der Versuch, dies auf dem Wahlzettel unterzubringen, ist im ersten Anlauf von einer Behörde abgelehnt worden, die Gruppe geht aber gegen diese Entscheidung vor.
„Jede Tankstelle wäre strenger geprüft worden“
Utahs Politiker zeigten sich von dem Widerstand zunächst wenig beeindruckt. Gouverneur Cox sprach abfällig von „Leuten, die gegen praktisch alles sind“, ein Mitglied des Ausschusses in Box Elder County, der die Freigabe für das Rechenzentrum erteilte, beschied den Gegnern, sie sollten „erwachsen werden“.
Williams sagt: „Die haben uns wie Zweijährige behandelt.“ O’Leary behauptete, die Protestgruppen seien gar keine echte Graswurzelbewegung, sondern Akteure in Diensten der chinesischen Regierung, die damit den Fortschritt der USA auf dem Gebiet der KI zu bremsen versuche. Ähnliche Töne schlägt auch die Trump-Regierung an. Innenminister Doug Burgum sprach kürzlich von „Propaganda, die aus dem Ausland gesteuert wird“, um den Bau von Rechenzentren in den USA zu blockieren.
O’Leary versucht, das geplante Rechenzentrum als Segen für die Region anzupreisen. Sein Unternehmen sagt, das Projekt werde 2000 Arbeitsplätze schaffen und könnte Box Elder County eines Tages derart hohe Steuereinnahmen bringen, dass die von seinen Bewohnern bezahlten Grundsteuern gestrichen werden könnten. Die Menschen in Utah müssten keine höheren Stromrechnungen fürchten, weil das Rechenzentrum nicht das öffentliche Stromnetz in Anspruch nehmen, sondern seinen eigenen Strom in einer separaten Anlage produzieren werde.
Zudem werde das Rechenzentrum „niemals“ Wasser aus dem Great Salt Lake verwenden. Es werde über einen geschlossenen Kühlkreislauf verfügen, das dabei genutzte Wasser werde kontinuierlich weiterverwendet. Das Wasser für die erstmalige Befüllung werde von den Wasserrechten kommen, die im Grunderwerb inbegriffen seien. O’Leary weist auch darauf hin, dass ein großer Teil des gekauften Areals nicht bebaut werde und weiter von den Rinderzüchtern in der Gegend als Weideland genutzt werden könne.
Die Versprechungen stoßen in Utah aber auf reichlich Skepsis. Rob Davies, ein Physikprofessor an der Utah State University, sagt, O’Leary habe bislang keine detaillierten Studien vorgelegt, um seine Behauptungen zu belegen. Trotzdem sei sein Projekt im Eiltempo abgesegnet worden, und Politiker hätten es versäumt, grundlegende Fragen zu stellen. „Jede Tankstelle wäre strenger geprüft worden.“
„Ein wirklich unglücklicher Standort“
Davies ist überzeugt, das Rechenzentrum würde dem Great Salt Lake, der ohnehin schon „in einem Stadium des Kollapses“ sei, weiteren Schaden zufügen. Die Folgen könnten „absolut katastrophal“ sein. Ein weiteres Austrocknen würde Substanzen wie Quecksilber oder Arsen am Seeboden freilegen, die dann durch Staubstürme in die Atemluft gelangen könnten. Der Great Salt Lake sei ein Zwischenstopp für Millionen von Zugvögeln, weil er ihnen reichlich Nahrung wie Salinenkrebse und Salzfliegen biete. Der sogenannte „Lake Effect“ des Sees begünstige den Schneefall in den nahe gelegenen Bergen.
Davies hat auch ausgerechnet, dass die von dem Rechenzentrum ausgehende Hitze die Temperaturen in der Region tagsüber um bis zu 2,8 Grad Celsius steigen lassen könnte, nachts sogar noch um deutlich mehr. „Es ist einfach ein wirklich unglücklicher Standort für ein solches Projekt.“ Jedem in Utah sei bewusst, wie sensibel das Ökosystem um den Great Salt Lake sei. Umso mehr, weil der Bundesstaat gerade den wärmsten Winter in seiner Geschichte hinter sich habe.

Den Gegnern des Rechenzentrums ist es nach und nach gelungen, ernster genommen zu werden. Gouverneur Cox änderte seinen Ton und nannte die Sorgen über das Projekt „legitim“, er gab auch ein Dekret heraus, das „höhere Standards“ für die Entwicklung von Rechenzentren in Utah setzen soll. Senatspräsident Stuart Adams forderte O’Leary auf, das geplante Gesamtareal für das Stratos-Projekt zu reduzieren, was auch geschah, wobei unklar bleibt, ob nun auch das eigentliche Rechenzentrum kleiner ausfallen soll. O’Leary nahm vor wenigen Tagen seine Behauptung zurück, China stecke hinter den Protesten, und gab zu, er habe dafür „keine Beweise“. Der Fernsehsender Fox Business, wo er diese Theorie verbreitet hatte, sah sich daraufhin zu einer Entschuldigung bei seinen Zuschauern gezwungen.
Rhonda Lauritzen hat sich der Protestbewegung nicht zuletzt deshalb angeschlossen, weil das Projekt eine persönliche Dimension für sie hat. Ihrer Familie gehört Land am Great Salt Lake und ein Unternehmen, das Mineralien aus dem See abbaut und daraus Nahrungsergänzungsmittel macht. Früher war die Produktionsanlage direkt am See, das Wasser wurde in vier Becken geleitet und dort weiterverarbeitet.
Als das Wasser sich vom Ufer zu entfernen begann, baute die Familie einen Kanal zu den Becken. Dieser Kanal musste im Laufe der Zeit immer weiter verlängert werden, und irgendwann wurde die Distanz zu groß. Heute sind die vier Becken ausgetrocknet und nicht mehr in Betrieb. Die Anlage ist zu einer Industrieruine geworden, das Unternehmen bezieht sein Wasser heute von einer ganz anderen Stelle im See. „Wir erleben diese Krise seit Jahren hautnah mit“, sagt Lauritzen.

Es gibt freilich auch Landeigentümer in der Region, die das Projekt begrüßen. Dazu gehören nicht zuletzt die Rinderzüchter, die Land an O’Leary verkauft haben. Jay Stocking kann sie gut verstehen. Er hat selbst eine Rinderfarm mit 850 Mutterkühen, die an das Gelände des geplanten Rechenzentrums angrenzt. Er erzählt, er sei vor einem Jahr von einem Makler kontaktiert worden, habe aber seither nichts mehr gehört, womöglich weil sein Land zu hügelig sei. Über andere Farmer, die ihr Land verkauft haben, sagt er: „Gut für sie.“
Rinderzucht sei ein schwieriges Geschäft. Stocking sagt, seine Farm sei ein Verlustbringer, deshalb habe er andere Einnahmequellen wie ein Immobilienunternehmen. „Meine Familie und ich machen das, weil wir es lieben.“ Rinderzüchter, die O’Leary Land überließen, könnten ihre Farm und ihre Weiderechte behalten, müssten sich nun aber weniger finanzielle Sorgen machen. Das Projekt bringe außerdem willkommene Jobs in die Region. Die Kritik von Gegnern hält Stocking für überzogen, er meint, gerade angesichts des von O’Leary versprochenen Kühlsystems werde der Great Salt Lake nicht zusätzlich belastet. „Manche Leute brauchen einfach etwas, worüber sie sich aufregen können.“
Rhonda Lauritzen verübelt es Farmern nicht, wenn sie ihr Land verkaufen. „Ich verstehe, dass sie kein leichtes Leben haben und sich darauf einlassen, wenn jemand kommt und ihnen viel Geld bietet.“ Das hält sie nicht ab, weiter mit aller Macht gegen das Rechenzentrum zu kämpfen. Und gerade nach den jüngsten Wahlergebnissen meint sie, die Aussichten der Protestbewegung, das Vorhaben noch zu stoppen, würden immer besser. „Wir haben einen Wendepunkt erreicht. Dieses Projekt hat Leute von ihrer Couch aufgescheucht, die noch nie gegen irgendetwas demonstriert haben.“
