Es ist früher Nachmittag, langsam füllt sich das Coral-Wettbüro. Ein halbes Dutzend Männer hat den Laden in dem südlichen Außenbezirk von London betreten. Einer steckt Scheine in die Spielautomaten, zwei sitzen an Tischen und verfolgen Pferderennen auf großen Flachbildschirmen. Andere studieren die „Racing Post“ an der Wand. Es herrscht eine gedämpfte Atmosphäre, niemand redet. Im Laufe des Abends setzen die Männer erhebliche Summen ein.
Die Glücksspiel- und Wettbranche in Großbritannien hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen beispiellosen Boom erlebt. Das liegt auch an der sehr liberalen Gesetzgebung des „Gambling Act“. Das 2007 in Kraft getretene Gesetz der Blair-Regierung erleichterte die Lizenzierung und Eröffnung von Wettbüros und Spielhallen. Die Regeln für Glücksspielwerbung wurden liberalisiert. Die Folge war ein enormes Wachstum der Branche. Im Königreich gibt es heute fast 6000 Wettbüros. In fast jedem Ort stößt man auf die Läden von William Hill, Coral, Ladbrokes, Betfred oder Paddy Power.
Dazu kommt der enorme Boom der Onlinespiele am Smartphone. In jeder U-Bahn sieht man schon am Morgen ein paar Leute, die um Geld spielen. Marktführer Bet365 hat davon besonders profitiert. Bet365-Gründerin Denise Coates hat innerhalb eines Vierteljahrhunderts den größten Onlinewettkonzern des Landes geschaffen, der auch international stark expandiert. Damit wurde sie zur reichsten Frau Großbritanniens. Ihr Vermögen wird auf zehn Milliarden Pfund geschätzt. Die Brüder Fred und Peter Done haben in den späten 1960ern die Buchmacherkette Betfred gegründet und damit mehr als drei Milliarden Pfund gemacht.
Briten spielen doppelt so viel wie Deutsche
In keinem Land Europas wird so leidenschaftlich gespielt und so viel Geld verzockt wie im Vereinigten Königreich. Mehr als 20 Millionen Menschen auf der Insel spielen mindestens einmal im Monat. „Gambling“ und „Betting“ sind Volkssport. Je Kopf geben die Briten doppelt so viel für Glücksspiele aus wie die Deutschen. Die britische Gambling-Branche kommt auf rund 20 Milliarden Pfund Bruttoeinnahmen im Jahr – ein Drittel mehr als vor den Corona-Lockdowns, die den Onlineglücksspielboom auslösten.
Doch inzwischen bekommt die Branche Gegenwind aus der Politik. Die Labour-Regierung hat die Steuern erhöht. Onlineglücksspiele werden seit diesem Jahr mit 40 Prozent (zuvor 21 Prozent) besteuert. Die Abgabe auf Onlinesportwetten steigt nächstes Jahr von 15 auf 25 Prozent, nur Pferdewetten bleiben davon ausgenommen. Aufgrund der höheren Steuern zahlen die großen Konzerne wie Entain (Börsenwert drei Milliarden Pfund) jährlich mehrere Hundert Millionen mehr. Schatzkanzler John Healey erwägt schon die nächste Steuererhöhung, diesmal auf Münzspielautomaten in Pubs.

Dass in fast jeder Hauptstraße der großen und kleinen Städte des Landes ein Wettbüro zum Zocken einlädt, gefällt nicht allen. Premierminister Andy Burnham beklagte in einer seiner ersten Reden, die High Streets seien vielerorts heruntergekommen und „kaum noch wiederzuerkennen nach Jahrzehnten des Niedergangs“. Er kritisierte „den Aufstieg der Vapes-Läden, der Wettbüros und unseriösen Anbieter“, die andere Geschäfte, Dienstleister und Gemeinschaftsräume verdrängt hätten. Künftig sollen Stadträte die Genehmigung für neue Wettbüros leichter ablehnen können als bisher.
Kritiker: weniger Glücksspiel, mehr Wohlstand
Kritiker der Glücksspielbranche bejubelten die Rede Burnhams. Sie könne ein Wendepunkt sein – weg von der branchenfreundlichen Regulierung. Will Prochaska, Direktor der Organisation „Koalition gegen Wettbüro-Werbung“, hofft darauf, dass eine schärfere Regulierung die Glücksspielbranche zurückdrängen werde. Er verweist auf die hohe Zahl von Spielsüchtigen, die finanzielle, gesundheitliche und soziale Folgen habe. Laut einer Studie des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS England sind etwa eine Million Menschen sogenannte Risikospieler, mehr als vier Prozent der Männer und ein Prozent der Frauen. Die „gefährdeten“ Spieler verlieren oft große Summen und haben ihr Spielverhalten kaum unter Kontrolle.
Burnhams neue Staatssekretärin für Jugend und Glücksspiel, die Abgeordnete Vicky Foxcroft, beklagte die massenhafte Spielsucht als „Notstand der öffentlichen Gesundheit“. Laut Untersuchungen, die die Regierung zitiert, werden zwischen 117 und 496 Todesfälle im Jahr mit Spielsucht in Verbindung gebracht. Prochaska verweist auf Studien, wonach Einschränkungen der Branchen Tabak, Glücksspiel und Süßigkeiten volkswirtschaftlich positiv seien. Sie würden die Gesundheitsschäden reduzieren, es bliebe mehr Geld für andere, produktive Sektoren. Suchtforscher der Universität Sheffield berechneten, dass zehn Prozent weniger Ausgaben für die Glücksspielbranche zu 1,25 Milliarden Pfund Wachstum der Volkswirtschaft führen würde. Es könnten 22.000 neue Jobs entstehen. Die Botschaft lässt sich auf die Formel bringen: weniger Glücksspiel, mehr Wohlstand.
Die Glücksspielbranche macht eine ganz andere Rechnung auf. Sie betont, wie viele Jobs und damit Wohlstand die Branche geschaffen haben – etwa in Orten wie Stoke-on-Trent, dem Hauptsitz von Bet365. Mehr als 5000 Mitarbeiter sind dort für Denise Coates’ Unternehmen tätig. Landesweit arbeiten mehr als 100.000 Menschen in der Glücksspielbranche. Und die Sorgen um Spielsucht? Der Lobbyverband Betting & Gambling Council betont dazu: „Mehr als 22 Millionen Erwachsene in Britannien haben Spaß daran, jeden Monat zu wetten, und wie die Gambling Commission zeigt, tut dies die Mehrheit auf eine sichere Weise.“

Die Branche baut jetzt Tausende Jobs ab
Angesichts der höheren Steuern ist die Stimmung in der Branche jetzt düster. Die Unternehmen haben Stellenabbau angekündigt. Der Ladbrokes- und Coral-Mutterkonzern Entain, Bet365, Betfred und andere werden Hunderte Jobs abbauen. Insgesamt sollen mehr als 4000 Stellen in der Branche wegfallen. William Hill macht rund 270 Wettläden in England dicht. Betfred plant, 132 Filialen zu schließen, jedes zehnte ihrer Wettbüros. Die höheren Steuern drücken auch die Börsenwerte: Der Entain-Aktienkurs ist seit Jahresanfang um fast 40 Prozent gefallen.
Der 83 Jahre alte Betfred-Gründer Fred Done ließ seinem Frust über die gestiegene Steuerlast jüngst freien Lauf. Er sei „zu alt“, um noch auszuwandern wie andere, sagte der Milliardär der „Financial Times“. Doch er wolle in Großbritannien „nicht wiedergeboren werden“. Fred und Peter Done können sich mit einem Rekordtitel schmücken. Laut „Sunday Times Tax List“ sind sie die größten Steuerzahler des Königreichs. Rund 400 Millionen Pfund überwiesen sie letztes Jahr an den Fiskus. Für die Branche sehe er nun schwarz, sagt Fred Done. „Ich glaube, dass wir im Jahr 2030 keine Wettläden mehr haben werden.“ Und auch die High Streets der Städte wären dann komplett „tot“.
Das Coral-Wettlokal in Südlondon wirkt nicht tot, aber es ist seltsam still. Schweigend reicht alle paar Minuten ein Kunde der Kassiererin seinen Wettschein. Der Mann an den Spielautomaten blickt auf die blinkenden Bildschirme. Immer wieder steckt er einen 10-Pfund-Schein hinein. „Spiele verantwortungsbewusst. Setze Limits, mach regelmäßige Pausen“ – so steht es auf den Notizblöcken, die in Coral-Läden ausliegen. Nicht alle schaffen das.
