Bei der jüngsten Hauptversammlung des Gewerbevereins wurde das Thema hitzig diskutiert. Von verpassten Chancen und Untätigkeit der Verwaltung war dort die Rede. Wenn die Stadt nicht handele, sei der Niedergang der Innenstadt nicht mehr aufzuhalten.

Vor Jahren gab es in der Innenstadt noch kleine, inhabergeführte Geschäfte. Deren Zahl ist inzwischen drastisch geschrumpft. Heute hat Rüsselsheim zum Beispiel kein Schuhgeschäft mehr, der letzte Traditionsmetzger hat vor Jahren geschlossen, auch kleine Bäckereien sind weitgehend verschwunden. Stattdessen gibt es Ein-Euro-Läden, Telefonshops, zahlreiche Barbiere, Bars mit zugeklebten Scheiben und Gastronomiebetriebe. Einige der Cafés werden schnell wieder geschlossen, eröffnen dann unter neuem Namen und mit neuen Besitzern wieder.
Das sind alles Dinge, die eine Innenstadt nicht attraktiv machen, wie Thomas Hartmann, Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts, im Gespräch mit der F.A.Z. sagt. Die Kundenfrequenz in der Innenstadt sei seit Jahren rückläufig, gute Fachgeschäfte würden immer weniger.
Kunden werden von Dealern angesprochen
Der größte Fehler sei mit der Umnutzung des früheren Karstadt-Kaufhauses geschehen. Statt auf dem Areal an der Hauptverkehrsstraße durch die Innenstadt wieder Geschäfte anzusiedeln, seien Wohnungen gebaut und Ämter der Verwaltung dort untergebracht worden. „Rüsselsheim hat Potential“, meint Hartmann dennoch. Er schaut dabei auf das Opel-Altwerk. Aber dieses Potential zu nutzen, „dauert 20 Jahre zu lang“.
Susanne Junginger ist Vizepräsidentin des Rüsselsheimer Gewerbevereins. Ihr Fachgeschäft für Damenmoden im Schatten der Stadtkirche hat alle umliegenden Läden überlebt. Sie beklagt die Sicherheitslage. Ihre Kundschaft bestehe meist aus älteren Frauen. Parkten sie in der benachbarten Tiefgarage, würden sie von Dealern angesprochen. Junginger sagt: „Zu viele halten sich nicht an die Regeln.“

Bei der Strafverfolgung gehe es aber ungerecht zu. Wenn beispielsweise ein Mann seine schwer gehbehinderte Mutter nach dem Einkauf in ihrem Laden abhole und mit dem Auto kurz anhalte, um den Rollator einzuladen, werde er aus dem Auto der vorbeifahrenden Stadtpolizei heraus fotografiert und erhalte einen Strafzettel. „Und andere fahren mit ihren aufgemotzten Fahrzeugen ungestraft durch die Fußgängerzone und parken dort vor den Geschäften.“
Der Gewerbevereinsvorsitzende Jan Boese spricht in einem Zeitungsinterview von „Realsatire am Löwenplatz“. Die Stadt habe dort zur Belebung des Platzes einige Sitzmöbel aufgestellt, auf denen es sich nun Drogenkonsumenten gemütlich machten. Boese betreibt das Unternehmen Physio-Fit am Löwenplatz. Die Frauen unter seinem Personal wollten in der dunklen Jahreszeit aus Angst vor Übergriffen keine Abendschichten übernehmen.
Stadt hat Parkgebühren angehoben
Inmitten der Innenstadt sind Löwen- und Europaplatz vor allem für Frauen zu Angsträumen geworden. Obwohl die Tiefgarage renoviert und an einen neuen Betreiber vergeben worden sei, sei sie nach wie vor schmutzig und verwahrlost, in den Treppenhäusern rieche es nach Urin, sagen Gewerbetreibende. Dass die Stadt das Brötchenticket abschaffte, mit dem man 30 Minuten kostenlos parken konnte, und auch das mehrstündige Bummelticket mit einer attraktiven Parkgebühr gestrichen wurde, ärgert sie obendrein.
Vom früheren parteilosen Oberbürgermeister Udo Bausch (2018–2023) fühlten sich die Geschäftsinhaber nicht gehört. Der aktuelle Oberbürgermeister verspricht zumindest Hilfe und hat sich in einer Pressemitteilung zu dem offenen Brief des Gewerbevereins geäußert. „Sicherheit entsteht nicht durch Worte, sondern durch Taten“, ließ Patrick Burghardt (CDU) auf Facebook wissen. In den Kommentaren kritisieren jedoch Nutzer, dass Briefe an die Verwaltung nicht beantwortet würden. Auch dort wird von aus dem Auto heraus fotografierenden Stadtpolizisten berichtet. „Das trägt sicher nicht dazu bei, ein Sicherheitsgefühl zu erzeugen“, schreibt ein Nutzer.
Der Gewerbevereinsvorstand ist bereit, gemeinsam mit der Stadt nach Lösungen zu suchen. Junginger schlägt vor, den Löwenplatz in einen Parkplatz mit Bäumen zu verwandeln. Dann herrsche dort Betrieb, und die Dealer würden verschwinden.
„Es gibt Probleme im öffentlichen Raum, die wir nicht kleinreden dürfen“, sagt der Oberbürgermeister. Er verspricht: „Die Stadt schaut nicht weg.“ Mit Nachbesetzungen bei der Stadtpolizei sei ein Zwei-Schicht-Betrieb möglich. Die zehn Stellen sollen auf 15 erhöht werden, im Herbst werde die Stadtpolizei mit Bodycams ausgestattet. Im vergangenen Jahr habe die Stadtpolizei 34.500 Geschwindigkeitsverstöße und 20.700 Parkverstöße in der Stadt geahndet.
Die Bekämpfung von Straftaten sei hingegen Sache der Landespolizei, sagt Burghardt. Wichtig sei die Belebung öffentlicher Plätze und die geplante Videoüberwachung des Bahnhofsplatzes.
