Hesse ist, wer Hesse sein will, hat einst Ministerpräsident Georg-August Zinn gesagt. Eine Einladung, die Bürgermeister Daniel Steffan gerne annehmen würde. Nicht für sich allein, sondern für seine ganze Gemeinde Gerstungen im Wartburgkreis. Denn deren Entwicklung sieht der Christdemokrat durch die Behörden im Freistaat behindert. Daher will er nun einen Wechsel nach Hessen prüfen lassen und hat einen entsprechenden Antrag an die Gremien der Gemeinde angekündigt. So viel vorneweg: Große Chancen rechnet sich der Kommunalpolitiker nicht aus – ihm geht es um einen Warnschuss.
Gerstungen liegt im westlichsten Zipfel Thüringens, zu Zeiten der deutschen Teilung wurde der Bahnhof des Dorfs zum zweitgrößten Grenzbahnhof zwischen Bundesrepublik und DDR. Was aber auch hieß, dass Gerstungen und seine Nachbarorte im Sperrgebiet der Zonengrenze lagen, mit Zaun und Todesstreifen vor der Haustür: „Das hat die Entwicklung seit 1949 bis zur Wiedervereinigung erstickt“, sagt Steffan, und das trotz der zentralen Lage im Herzen Deutschlands. Aber auch danach habe das Bundesland Thüringen für den Raum südwestlich von Eisenach zu wenig getan: „Infrastrukturell zurückgeblieben, trotz aller Entwicklungschancen.“
Größer als Kassel: Ein Ort, elf Teile
Das heutige Gerstungen entstand durch eine Gebietsreform in Thüringen im Jahr 2018, elf bis dahin selbständige Ortsteile wurden zusammengelegt. Im Ergebnis leben heute etwa 8900 Menschen auf einer Fläche von rund 150 Quadratkilometern mit reichlich Abstand zueinander. Nur zum Vergleich: Das gar nicht so ferne Kassel mit knapp 200.000 Einwohnern kommt auf 106 Quadratkilometer. Immerhin: In Gerstungen gibt es ein Gymnasium, eine Regelschule – in Hessen würde man von einer Haupt- und Realschule sprechen – und ein Werk von DAW, bekannt durch den Markennamen Caparol. Auch das Unternehmen Toitoi/Dixi, Hersteller mobiler Toiletten, ist mit der Sparte für Kunststofftechnik vertreten.
Aber aus Steffans Sicht lindert das die infrastrukturellen Hemmnisse für seine Gemeinde nicht, und das lastet er den Landesbehörden an. Zum Beispiel das Thema Bauland: In den nächsten 15 Jahren könne er jedes Jahr einen Bauplatz von durchschnittlich 730 Quadratmetern ausweisen. Konsequenz: Junge Familien verlassen die Gemeinde, da sie kein Grundstück bekommen – und das in einer Region, die in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin massiv unter Abwanderung gelitten hat. Oder aber die Grundversorgung: Laut Steffan beschränken die Landesbehörden den Lebensmittelhandel auf eine maximale Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern. Aber das passe längst nicht mehr zu den Konzepten von Edeka, Rewe und Kollegen. Im schlechtesten Fall, so fürchtet der Bürgermeister, könnten sie sich ganz zurückziehen, wenn sie ihre Standorte nicht erweitern dürften.
Danach zählt Steffan Mängel im Straßenbau, fehlende Anbindungen und Umgehungsstraßen auf, zum Beispiel die sogenannte Trasse. Zu Zeiten der DDR waren ein Schienenweg und eine Straße als Ersatz für Strecken gebaut worden, die ansonsten die innerdeutsche Grenze mehrmals kreuzten. Die Straße ist wichtig für die Verbindungen in Gerstungen, aber saniert wurde sie von Thüringen erst, als marode Stützmauern einbrachen. Nächster Punkt auf Steffans Liste: die Schulen. Er beklagt massive Unterrichtsausfälle an der Regelschule mit dem Ergebnis, dass Eltern für ihre Kinder lieber eineinhalb Stunden Schulweg in Kauf nähmen, damit sie im hessischen Wildeck-Obersuhl lernten.
Historisch gesehen ist der Vorschlag, diesem Beispiel zu folgen und das Bundesland zu wechseln, gar nicht so abwegig. Die Geschichte von Hessen und Thüringen ist in der Region eng verwoben: Der Hauptort gehörte einst zu Fulda, und das laut Steffan für einen längeren Zeitraum als die Gemeinde sächsischen und thüringischen Herrschern unterstand. Das ist zugegebenermaßen lange her, aber zum Beispiel an der Brücke über die Werra im Ortsteil Lauchröden ist der Bezug bis heute lebendig. Die Brücke war in der Nachkriegszeit abgerissen und nach der Wiedervereinigung wieder aufgebaut worden. Jahr für Jahr feiern dort heute Thüringer und Hessen ihre Nachbarschaft.

Verwaltungstechnisch ist der Wechsel einer Gemeinde von einem zum anderen Bundesland schwierig und selten. In Thüringen gab es nach der Wiedervereinigung Übergänge ins sächsische Vogtland, mit denen alte Bezüge wiederhergestellt wurden. Auch in Hessen gab es Übertritte, das Dorf Brontkirchen mit 22 Einwohnern wechselte vom hessischen Diemelsee zum nordrhein-westfälischen Brilon. Einen Gebietstausch hat es auch zwischen Hessen und Bayern gegeben. Dort wechselte rund um eine Landesstraße Gelände zwischen den Bundesländern. Denn für einige hundert Meter führte dort eine bayerische Straße über hessisches Areal, mit lustigen Konsequenzen: Für normale Verkehrsverstöße war die bayerische Polizei auf hessischem Territorium zuständig, aber bei Straftaten wie zum Beispiel einer Trunkenheitsfahrt nahm die Staatsanwaltschaft im hessischen Hanau die Ermittlungen auf.
Rein formal gibt es wenig Hoffnung für Steffans Vorschlag: Hessen und Thüringen müssten entweder einen Staatsvertrag schließen, oder der Bundestag ein Gesetz erlassen. Beides wird wohl nicht geschehen, und das weiß Steffan ganz genau. Auch in der Bürgerschaft werde er, so lautet seine Vermutung, überhaupt keine Mehrheit finden – tatsächlich hat die Pöbelei in den sozialen Medien schon begonnen. Liest er nicht, stört ihn nicht, zumal es ihm vor allem um den Weckruf an die Landesregierung geht: „Das Ziel ist es, in Thüringen zu bleiben, aber das Beste für die Gemeinde zu erreichen.“
Stand Mittwoch hat sich Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) noch nicht bei Steffan gemeldet, dem Vernehmen nach aber immerhin schon beim Landrat angerufen. Stört den Bürgermeister und ehemaligen Bundespolizisten nicht besonders: „Mit Hierarchien habe ich es noch nie so gehabt.“
