Als Christian Graf von Krockow im April 1988 das erste Mal sein sanftmütig-kluges Erinnerungsbuch „Die Reise nach Pommern“ herausbrachte, gab er ihm den Untertitel: „Bericht aus einem verschwiegenen Land“. Damit war nicht nur die weit verbreitete Maulfaulheit der Pommern zwischen Darß und Danzig, Rügen und Barnim gemeint, sondern auch eine durch Scham, Desinteresse und politische Verbote betriebene Ausbürgerung des Namens „Pommern“ aus der Republik des öffentlichen Sprechens. Im Werk des Schriftstellers und Pfarrers Gerhard Dallmann war Pommern fast zwanzig Jahre lang ein geradezu penetrant „verschwiegenes“ Land – eine aufdringliche Stille, durch die Sprachpolitik der DDR erzwungen, die immer lauter wurde, je leiser der Autor schrieb. Und er war ein leiser, meistens dabei lächelnder Autor.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der im Potsdamer Abkommen festgeschriebenen Abtretung ganz Hinterpommerns und von Teilen Vorpommerns an Polen hatte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) im Juli 1945 den Befehl zur Gründung eines Landes in ihrer Besatzungszone erteilt, das damals noch „Mecklenburg-Vorpommern“ heißen durfte. Doch nach dem Beschluss des Alliierten Kontrollrates zur Auflösung des Staates Preußen im Jahr 1947 gerieten auch die Bezeichnungen ehemals preußischer Provinzen in Verruf. Im Regierungsblatt für Mecklenburg vom 22. März 1947 findet man die Mitteilung des damaligen Ministerpräsidenten Höcker: „Der Chef der SMAD, Herr Generalleutnant Trufanow, hat Veranlassung genommen, mich darauf hinzuweisen, daß nach dem Befehl Nr. 5 des Obersten Chefs der SMAD vom 9. Juli 1945 eine Landesverwaltung für das Verwaltungsgebiet Mecklenburg zu bilden war, in dessen Grenzen der Westteil von Pommern – Stadt Stettin ausgenommen – eingeschlossen werden sollte. Der Herr Generalleutnant hat weiterhin darauf hingewiesen, daß die Landesregierung infolgedessen nicht das Recht hat, sich als eine Landesregierung für das Land Mecklenburg-Vorpommern zu bezeichnen, sondern daß sie nur befugt ist, die Bezeichnung ‚Landesregierung Mecklenburg’ zu führen. Mit sofortiger Wirkung wird daher angeordnet, daß in allen amtlichen Schreiben nur noch die amtliche Bezeichnung Landesregierung Mecklenburg und Land Mecklenburg geführt werden darf.“

Alles, was an Pommern und seine Hauptstadt Stettin, wo Dallmann am 18. Juni 1926 geboren worden war, erinnerte, hatte aus dem öffentlichen Sprachfeld zu verschwinden: Die Pommersche Bucht in der Ostsee zwischen den Nachbarinseln Usedom und Wollin wurde in „Oderbucht“ umbenannt, das Stettiner Haff in „Oderhaff“; die Pommersche Evangelische Kirche musste sich in „Landeskirche Greifswald“ umtaufen lassen. Nur in der Vorrede zu Ehm Welks launigem Buch „Die Heiden von Kummerow“ war die Behauptung, das irdische Paradies habe in „Vorpommern“ gelegen, offenbar durch die Zensur gerutscht.
„Ich bin ein Pommer, und ich bleibe ein Pommer“
In Dallmanns autobiographischem Band „Logbuch und Agende“, den man als ostdeutsche Parallelerzählung zur „Deutschstunde“ seines Jahrgangskollegen Siegfried Lenz lesen kann, vielleicht sogar endlich lesen sollte, beschreibt der Autor im ersten Kapitel die Schulzeit von Klaus Wehrmann, der am 18. Juni 1926 geboren wurde – an einem Ort, der unerwähnt bleibt, weil er unerwähnt bleiben musste. Wehrmann ist, wie Dallmann es war, leidenschaftlicher Segler. Als er, knapp sechzehn Jahre alt, mit seiner Jolle „Kehrwieder“ im Jahr 1942 zu einer Tour aufbricht, ruft der Junge aus: „Rügen kommt auf uns zu. Die Sicht ist gefährlich klar. Jagdschloß Granitz ist deutlich zu sehen. Das gibt viel Wind!“ Und wenig später: „Klaus und sein Wasser. Und den Bodden kannte er mit all seinen heimtückischen Phasen.“ Eine literarische Strategie des Verschweigens!

Dallmann, der von 1965 bis 1987 Pfarrer der Bugenhagenkirche im Fischerdorf Wieck bei Greifswald und von dort aus viel segelte, kannte den Greifswalder Bodden wahrlich gut. Aber dort war er als Sechzehnjähriger nicht gesegelt. Der Stettiner Kaufmannssohn, der das Optikergeschäft seines Großvaters übernehmen sollte, war als Kind auf dem Unterlauf der Oder, dem Dammschen See und dem Stettiner Haff unterwegs gewesen. Autobiographisch korrekt wären Sätze gewesen wie diese: „Wollin kommt auf uns zu. Der Kirchturm von Lebbin ist deutlich zu sehen.“ Aber wie darüber schreiben, wo Landschaften auf dem Index standen?
Dallmann, der noch 2007, kurz vor seinem 81 Geburtstag, bis nach Oulu, an der nördlichen Ostsee, gesegelt war, besaß in Wieck ein Segelboot, das er hinterlistig „Pomeranus“ getauft hatte. Wie ein Till Eulenspiegel forderte er Gesprächspartner mit gespielter Arglosigkeit gern auf: „Pomeranus – trennen Sie das mal korrekt!“ „Pomeranus“ – das war eine Anspielung auf den Doctor pomeranus, Johannes Bugenhagen, den Reformator Pommerns und Dänemarks, Beichtvater Martin Luthers und ersten evangelischen Stadtpfarrer von Wittenberg, der 1485 in Wollin am Stettiner Haff geboren worden war. Aber „Pomeranus“ hieß zunächst ganz einfach „Pommer“. „Ich bin ein Pommer, und ich bleibe ein Pommer. Ich bin hier zu Hause und weiß gar nicht, was ich woanders soll“, hatte Dallmann immer wieder gesagt, ohne damit das Reisen oder die Weltläufigkeit zu verteufeln.

In „Logbuch und Agende“, den Romanen „Das Kahnweib“ und „Dornenzeit“, in den kleineren Erzählungen hat Dallmann Landschaft, Leben und Sprache in Pommern eingefangen, wie Lenz es für Masuren tat, Johannes Bobrowski für das Memelland oder Günter Grass für Danzig und die Kaschuben. „Ja, Herzing, bist du twallig und twatsch zugleich?“ – dieser Ausruf von Ewald über seine offenbar etwas verrückte Frau Berta im „Kahnweib“ ist ebenso unübersetzbar wie das Wort „Schaktarp“, das Bobrowski am Kurischen Haff aufgeschnappt hatte für das Wasser zwischen Frost und Tauwetter, das „nicht so und nicht so“ ist.
Mit dem Schreiben über seine Heimat begann er, als sie ein Politikum war
Das pommersche Platt, das sich immer müht, Hochdeutsch zu werden, durchzieht „Das Kahnweib“, die aufwühlende, authentische Geschichte einer Frachtschifferin auf dem Greifswalder Bodden in der Zeit zwischen 1913 und 1944. Es mag herzerwärmend sein, aber niedlich gemeint ist es nicht, denn es werden Dinge auf Leben und Tod, Fragen des Glaubens, des Gewissens, der Schuld wie der Liebe in dieser Sprache verhandelt, deren Klang, deren Rhythmus, deren Sprechhaltungen Dallmann literarisch bewahrt hat.
Wo ist Pommern sonst Literatur geworden? Bei Ehm Welk natürlich; in den Erinnerungen Theodor Fontanes an seine „Kindheit in Swinemünde“, ein wenig bei Willibald Alexis und Ernst Moritz Arndt. Aber die Schriftsteller, die aus Greifswald hervorgingen, ließen Pommern eher hinter sich: Wolfgang Koeppen haderte mit seiner Geburtsstadt, Hans Fallada wandte sich eher Berlin zu, und dann dem mecklenburgischen Carvitz an den Feldberger Seen. Bei Judith Schalansky kommen der Schlosspark von Behrenhoff südlich von Greifswald und der Hafen der Stadt mit den Wiesen am Fluss Ryck vor in einem Buch, das bezeichnenderweise den Titel „Verzeichnis einiger Verluste“ trägt: eine Welt, die ausbleicht. Bei Dallmann aber steht im Zentrum, was seinen literarischen Landsleuten nur peripher erschien – vielleicht gerade weil er mit dem Schreiben anfing zu einer Zeit und in einem Land, da dieses verschwiegene Zentrum ein Politikum war.

In eine Welt staatlich kontrollierten Vergessens hatte Dallmann Kassiber verbotener Erinnerung geschleust. Das betraf nicht nur Pommern, sondern auch Ostpreußen. Von „Vertriebenen“ oder „Flüchtlingen“ durfte in der DDR genauso wenig geredet werden wie von vergewaltigenden Soldaten der Roten Armee. Aber in „Die Sommerkinder von Ralswiek“, dem ersten evangelischen Kinderbuch der DDR, redet Frau Vorwerk einen seltsamen Dialekt: „Bist nicht so neuchierig, Kind! Das chechört sich nicht! Was der Doktor cheschrieben hat, chet dich char nichts an!“ Es ist die Transkription des Ostpreußischen, das man von manchen geflüchteten Frauen noch bis in die Neunzigerjahre in Vorpommern hören konnte.
War die dialektale Färbung des Sprechens in der Literatur des Naturalismus – man denke nur an das Schlesische bei Gerhart Hauptmann oder bestimmte dänische Dialekte bei Gustav Wied, die in deutschen Übersetzungen meistens durch das Berlinerische oder Plattdeutsche ersetzt wurden – ein koloristischer Reiz des inländischen Exotismus wie die couleur locale in der Oper der Belle Époque, so gewann bei Dallmann darin eine Erinnerung ihre Stimme, die in denen homophonen Chören staatlicher Siegeshymnen nicht vorgesehen war.
Jugendliebe zu einem jüdischen Mädchen
Dennoch verklärte Dallmann die alte Zeit nicht zu einer guten. Die Gewalttätigkeit des Nationalsozialsozialismus gegen Juden, Polen und Russen, aber auch die eigene Bevölkerung spielt in „Logbuch und Agende“ wie im „Kahnweib“ eine wesentliche Rolle. Dallmann beschreibt sein Elternhaus als nazikritisch. Seine Mutter, die Pianistin war, habe meistens „Drei Liter!“ gemurmelt, wenn sie „Heil Hitler!“ habe sagen müssen. In seiner späten Erzählung „Sabina Kopicka“ schilderte Dallmann 2010 das Schicksal eines polnischen Mädchens, das seinen Eltern in Stettin als Haushaltshilfe durch den Reichsarbeitsdienst zugeteilt worden war. Der Heranwachsende verliebt sich in Sabina, und sie offenbart sich ihm: „Ich bin Jüdin. Jüdin, verstehst du? Mein Name, meine Papiere sind falsch. Ich trage einen anderen Namen … Und nun du das weißt, kannst du mich verdammen. Schmeiß mich weg, du, wie die andern es auch tun. Los, weg, weg mit der jüdischen kochana Sabinka“. In der Erzählung wird das Mädchen nicht angezeigt, sondern geschützt, bis später die Flucht nach Kanada möglich wurde.
Dallmann selbst wurde anders als Grass und Lenz nicht Mitglied der NSDAP, aber er setzte sich als achtzehnjähriger Marinefunker Ende April 1945 mit einem Ruderboot nach Dänemark ab, ähnlich wie Lenz, der zu gleicher Zeit aus der Wehrmacht nach Dänemark desertiert war. In der Kriegsgefangenschaft und der Zwangsarbeit im wallonischen Steinkohlebergbau machte Dallmann die Erfahrung seiner „Stunde null“, wie er schrieb: „Ich bin nichts. Ich kann nichts. Ich habe nichts. Ich weiß nichts“. Was ihn damals, so seine literarische Schilderung, derart zur Verzweiflung getrieben hatte, dass er am liebsten „dem Posten vor die Knarre“ gelaufen wäre, wertete er als Achtundachtzigjähriger gegenüber dem NDR-Redakteur Martin Haufe in einem schönen Rundfunkporträt im Rückblick als große Befreiung: „Das war fein. Ich war eine Null und hatte eine Null.“
Dass er über die Jugendarbeit der Diakonie Pfarrer wurde, hatte nicht zu seinen Plänen gehört. In Greifswald, wo die Gemeinde seiner Wiecker Kirche mit einer szenischen Aufführung des „Kahnweibs“ und die Stadt mit Lesungen aus Anlass seines hundertsten Geburtstages an ihn erinnern wird, ist der 2022 Verstorbene heute noch als „Pastor Dallmann“, gar als „Pasting“ (up platt) gegenwärtig. Ja, Gerhard Dallmann war tatkräftiger Pfarrer, im Rentenalter ehrenamtlicher Klinikseelsorger, ein Mensch, der Kinder stets ebenso ernst nahm wie Erwachsene – aber diese herzliche Erinnerung verkennt, dass die Bedeutung seines literarischen Werks über die Region hinaus Beachtung verdiente: als Fortsetzung des kritischen Realismus etwa eines Siegfried von Vegesack und dessen „Baltischer Tragödie“, als Gegenstimme zur literarischen Prominenz seiner Zeitgenossen in Ost und West, zu der vorzudringen er nie den Ehrgeiz entwickelte, weil Schreiben, um berühmt zu werden, nicht zu seinen Lebensträumen gehörte.
Seinen Roman „Dornenzeit“ über das Leben von Bauern und Fischern auf der Insel Hiddensee zwischen 1773 und 1807 eröffnete er 1993 mit einem tiefen Atemzug befreiten Sprechens und Schreibens, in dem alles Verbotene wieder benannt werden durfte. Dem Theologen Dallmann war sicher klar, dass er hier ein Pneuma-Lied, einen Hymnus an Wind und Geist, schrieb nach dem Vorbild des Logos-Liedes am Anfang des Johannesevangeliums: „Ein leiser Wind spielte über die Insel. Irgendwo stieg er auf. Wer weiß schon, wo Wind geboren wird. Er ist. Er kommt, er geht. Durch ihn lebt das Leben vieler, das der Fischer, das der Seefahrer, das der Windmüller – auf der ganzen Welt. Heute stand seine Urquelle wohl im Baltischen, im Osten. Er kam über die Haffs, über die flachen Strandseen Kurlands, und trug mit würziger Wärme den Atem des Röhrichts, den der dunklen Wälder herüber. Entlang der Pommerschen Küste hatte er die Süße staubender Getreidefelder aufgelesen und die brackigen Dünste, wie sie aus den Fischnetzen quollen, dazu die Teergerüche aus den Bottichen der Fischer und einen Schwall Blütenhauchs sommerlich mittagswarmer Wiesen. So gesättigt fuhr er westwärts, strich über die Felder Wollins und Usedoms, segelte über die See, über die Insel Rügen, über Hiddensees kahle Hügel und weiter, weiter, irgendwohin, um zu verwehen, um nicht mehr zu sein.“
