
Geothermische Kraftwerke sollen künftig saubere und unbegrenzte Energie für die Fernwärmenetze von Frankfurt und Darmstadt liefern. Um die Chancen dafür auszuloten, fliegt derzeit ein speziell ausgerüstetes Flugzeug nachts über das Rhein-Main-Gebiet und nimmt verschiedene Messungen vor. Die Leitung dieses Projekts hat die Vulcan Energy Ressourcen GmbH, und Forschungsleiter Kristian Bär sagt im Gespräch mit der F.A.Z., dass die Chancen, Geothermie im Rhein-Main-Gebiet nutzen zu können, aus geologischer Sicht „außerordentlich gut“ sind.
Bär ist Abteilungsleiter für den Bereich „New Business and Exploration“ des Karlsruher Unternehmens. Seiner Auskunft nach ist das Messflugzeug noch etwa zwei Wochen unterwegs, denn die Flüge mussten wegen des unerwartet winterlichen Wetters zeitweise unterbrochen werden. „Der Flieger misst mit drei verschiedenen Geräten Schwere-Anomalien und magnetische Anomalien“, erklärt Bär und ergänzt, dass sowohl das Erdmagnetfeld als auch das Erdschwerefeld und die Dichte der Gesteine bestimmt würden. „Wir sind auf der Suche nach Brüchen oder Poren, wo heißes Wasser gespeichert sein kann“, erklärt der Experte.
Dem Unternehmen zufolge handelt es sich um rein passive Messungen, die für Menschen, Tiere und Umwelt unbedenklich sind. Wahrnehmbar ist lediglich nachts ein Fluggeräusch zwischen 23 Uhr und 5 Uhr. Das Flugzeug überfliegt den hessischen Teil des Oberrheingrabens in einem engmaschigen Raster, um präzise Daten zu erhalten. Die Flüge sind in die Nachtstunden verlegt worden, um den Flugbetrieb des Rhein-Main-Airports nicht zu behindern.
3D-Modell des Untergrunds im Oberrheingraben
Ziel der Messflüge ist laut Bär, erst einmal ein genaueres 3D-Modell des Untergrunds im hessischen Oberrheingraben zu erzeugen. Dazu werden auch ältere und bereits vorhandene Daten mithilfe des Hessischen Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie und Forschungseinrichtungen wie der TU Darmstadt verwendet. Laut Bär geht es zusammengefasst darum, heißes Wasser zu entdecken, das im Sinne der Wärmewende für Geothermie genutzt werden kann. Aber das ist nicht das einzige Ziel. „Im Wasser sind auch große Mengen Lithium enthalten, die wir gewinnen und für den weltweiten und europäischen Batteriemarkt zur Verfügung stellen können“, sagt der Wissenschaftler.
An dem Vorhaben sind außer dem hessischen Wirtschaftsministerium die Städte Frankfurt und Darmstadt sowie weitere industrielle Partner und Hochschulen beteiligt. Das Projekt ist Teil des Forschungsverbundes GeoProH. „Frankfurt mit seinem großen Fernwärmenetz ist sehr daran interessiert zu prüfen, inwiefern Geothermie eine Option sein kann, um die Gas- oder Kohlekraftwerke dort zu ersetzen“, erläutert Bär. Die Gewinnung von Lithium sei in Hessen allerdings erst einmal zurückgestellt, vorrangig gehe es um die Geothermie.
Anders in Landau in Rheinland-Pfalz, denn dort wird bei der ersten Projektphase „Lionheart“ von Vulcan Energy eine kombinierte Geothermie- und Lithiumextraktionslage errichtet. Ein wichtiger Baustein dafür ist die Zentrale Lithiumanlage (CLP), die im Industriepark Höchst gebaut wird. Dort sollen künftig jährlich bis zu 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat produziert werden. Das reicht laut Vulcan Energy für die Herstellung von 500.000 Elektroautos. Am Donnerstag, 23. April, ist die Grundsteinlegung für die neue Anlage.
Bis November dieses Jahres werden die Ergebnisse der nächtlichen Messflüge erwartet. „Der nächste Schritt ist dann eine 3D-seismische-Erkundung, die den Untergrund erheblich genauer auflöst“, sagt Bär. Eine erste Probebohrung bei diesem Projekt, beispielsweise für Frankfurt oder Darmstadt, wird seiner Einschätzung nach nicht vor 2029 durchgeführt werden können, da die seismischen Erkundungen einige Jahre in Anspruch nehmen.
Etwa 40 Prozent der Projektkosten trägt das Land Hessen, die restlichen 60 Prozent die Partner. Wegen der hohen Anfangsinvestitionen und der volatilen Lage am Energiemarkt sei es derzeit allerdings nur schwer absehbar, ob solche Geothermiekraftwerke rentabel betrieben werden können, sagt Bär. Aber er ist überzeugt: „Wenn die Anlage erst mal steht, sind die Betriebskosten konkurrenzlos günstig.“
