In der beliebten Übung, mit Rechten zu reden, startete diese Woche Zanny Minton Beddoes, die Chefredakteurin des britischen „Economist“, den x-ten Versuch, und vielleicht sollte man das Experiment nun tatsächlich als gescheitert betrachten. Denn man kann Beddoes wirklich nicht viel vorwerfen, sie machte sehr viel richtig in ihrem mehr als einstündigen Interview mit Elon Musk. Okay, vielleicht hätte sie das Gespräch nicht damit anfangen müssen, Musk als Mensch zu bewundern, der „mehr für die Gestaltung der Zukunft tut als jeder andere lebende Mensch“, aber womöglich war das nur eine Strategie.
Vielleicht hätte sie, statt ihm entgegenzuhalten, dass er heute nicht mehr an seine Prophezeiung glaubt, dass Killerroboter die Menschheit vernichten werden, eher ein bisschen Luft aus seinem apokalyptischen Geschwätz lassen sollen. Vielleicht hätte sie ihn auch nicht damit davonkommen lassen sollen, als er die Bemerkung, viele Leute hielten ihn für einen Rassisten, mit dem Klassiker entkräftete, seine Partnerin sei „halb indisch“ und eines seiner vier Kinder mit ihr sogar nach einem berühmten indischen Physiker benannt.
Vielleicht hätte sie wenigstens kurz lachen oder ungläubig den Kopf schütteln können, als Musk die Frage, ob er gegen Muslime ist, damit beantwortete, dass er, der große Verfechter der Meinungsfreiheit, doch nur dagegen sei, dass Menschen mit „antithetischen Ansichten“ in ein Land kommen – und gegen „Vergewaltigung und Mord“. Und Alice Weidel als eine „gründlich nachdenkende Person“ zu beschreiben, ist womöglich auch etwas verkürzt.
Na gut, das waren jetzt doch etwas viele Einschränkungen.
Aber einmal war sie doch richtig hartnäckig und klar, nämlich als es um die Frage ging, wie viele Menschenleben die Einstellung der Förderung für die Entwicklungsbehörde USAID gekostet habe.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Sie hakte nach, ließ sich nicht von Musks Whataboutism ablenken, hatte die besseren Argumente. Sie konfrontierte ihn damit, dass allein wegen der abrupten Entscheidung der Trump-Regierung andere Hilfsorganisationen die Ausfälle nicht kompensieren konnten. Musk antwortete jedoch einfach immer nur mit der Behauptung, es hätte keine Toten gegeben. „Zero!“ Aber wenn die Förderung für antiretrovirale Medikamente über Nacht gestrichen wird, sterben doch Menschen? „Nein.“
Das seien nur Behauptungen, absoluter Unsinn, nur eine traurige Geschichte, die eine „betrügerische Organisation“ in die Welt setzte, weil ihr die Gelder gestrichen wurden. Aber Tote? Null Komma null. Aber, noch mal, bei dieser Plötzlichkeit der Entscheidungen? „Null Menschen sind gestorben. Null.“
Bis zu 14 Millionen Menschen starben durch die Einstellung der Hilfen, sagen Studien. Aber es geht ja nicht um die Wahrheit, es geht um Macht. Die Schriftstellerin Masha Gessen hat diese Taktik einmal als die „Machtlüge“ bezeichnet, die Lüge eines Bullys, die „Lüge des größeren Kindes, das dir deinen Hut weggenommen hat und es abstreitet, während es ihn trägt“. Es gebe keine Verteidigung gegen diese Art der Lüge, denn „der Punkt dieser Lüge ist es, Macht zu demonstrieren, zu zeigen ‚Wenn ich will, kann ich alles sagen, was ich will‘“.
Wen es nicht stört, derart gedemütigt zu werden, kann weiter mit Lügnern reden. Oder soll man es lassen?
